Ironman-Star feiert Comeback "Stiche, Brüche, Genickbruch - was soll noch passieren?"

Vor neun Monaten verletzte sich Tim Don lebensgefährlich - nun feiert der Brite sein Comeback beim Ironman in Hamburg. Ein Gespräch über die lange Reise zurück an die Weltspitze.

Tim Don
Professionaltriathlon.com

Tim Don

Ein Interview von


Zur Person
  • Getty Images
    Tim Don, geboren 1978 in London, ist einer der erfolgreichsten Triathleten der Welt. Für Großbritannien nahm er an den Olympischen Spielen 2000, 2004 und 2008 teil. 2014 gewann er seinen ersten Wettkampf über die Ironman-Distanz (Mallorca). 2017 siegte er in Brasilien und stellte mit 7:40:23 Stunden die neue Weltbestzeit in einem Ironman-Rennen auf. Im Oktober 2017 wollte er den Ironman Hawaii gewinnen, doch bei einem Unfall wenige Tage vor dem Wettkampf verletzte er sich schwer. Don lebt mit seiner Frau Kelly im US-Bundesstaat Colorado. Das Paar hat zwei Kinder.

Für Tim Don fühlte es sich so an, als hätte er keine Wahl - auch wenn der Doktor ihm drei Optionen genannt hatte.

A) Eine harte Halskrause. Sie würde den Knochen heilen. Aber um vollständig zu rehabilitieren sei Dons Genickbruch am zweiten Halswirbel eigentlich zu schwer, sagte ihm der behandelnde Arzt.

B) Der Doktor besprach mit Don auch eine Operation - die gängigste Wahl. Doch mit Blick auf seine Karriere als Ausdauersportler könnte sie unpassend sein. Der Hals würde in der Bewegung wohl für immer eingeschränkt bleiben.

C) Die dritte Variante war die qualvollste: das Halo, eine feste Orthese, die den Kopf über Wochen komplett ruhigstellt und stabilisiert. Diese Option empfahl der Doktor.

Tim Don ist ein Weltstar im Ausdauersport. Der Brite lief in der Ironman-Serie die schnellste Zeit (7:40:23 Stunden, April 2017) in der Dreifach-Disziplin aus 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen. Für ihn war klar: Wenn er jemals wieder so eine Zeit erreichen will, muss er sich für Option C entscheiden.

Ende Oktober vergangenen Jahres ist das Halo an Tim Dons Kopf angebracht worden, befestigt von vier Titanschrauben, die 8 Millimeter tief in seinem Schädel steckten.

Tim Don
AP

Tim Don

SPIEGEL ONLINE: Herr Don, am Sonntag wird es in Hamburg 35 Grad heiß. Keine perfekten Bedingungen für einen Start beim Ironman, oder?

Tim Don: Das wird verdammt hart! Ich werde dann besonders auf meine Ernährung und Flüssigkeitszufuhr achten müssen. Ich hoffe, meine Strategie geht auf.

SPIEGEL ONLINE: Dass wir heute über Banalitäten wie "ausreichend Wasser trinken" reden, erscheint wie ein Wunder. Hätten Sie damit gerechnet?

Don: Na klar. Aber ich gebe zu, die Zeit seit letztem Oktober war sehr schwer.

SPIEGEL ONLINE: Bitte erzählen Sie, was damals zwei Tage vor dem Ironman auf Hawaii passiert ist.

Don: Es war meine letzte Trainingseinheit vor dem Wettkampf. Ich war mit dem Fahrrad auf der Radspur unterwegs und dann kam dieses Auto. Wir prallten zusammen, ich geriet ins Schleudern, fiel zu Boden und wurde bewusstlos. Nach 20 Minuten wachte ich wieder auf und dachte, mein Schlüsselbein wäre gebrochen. Eine schlimme Verletzung - aber ich rechnete in diesem Moment noch damit, beim Ironman starten zu können. Im Krankenhaus sagte mir dann der Doktor, mein Hals sei gebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine lebensgefährliche Verletzung. Wie ging es weiter?

Don: Zurück in Colorado ging ich zu einem Spezialisten. Er stellte einen Bruch des zweiten Halswirbels fest. Genickbruch, wie man sagt. Die gute Nachricht: Es ist eine Fraktur, die man behandeln kann. Anschließend besprachen wir die Optionen. Halskrause, Operation oder Halo - der Doktor empfahl das Halo, auch wenn es die schmerzhafteste Option ist. Ich hielt das für eine gute Idee.

SPIEGEL ONLINE: Es wurden Ihnen vier Löcher in den Schädel gebohrt, Titanschrauben fixierten die Apparatur an Ihrem Kopf. Sie trugen das Halo für über zwei Monate und konnten sich zu Beginn dieser Zeit kaum bewegen.

Don: Ich konnte meine Arme nicht über den Kopf heben, mich nicht drehen. Ich konnte nicht duschen, wenn ich vom langen Rumsitzen nach Schweiß roch. Das war schrecklich, wie Freiheitsentzug. Aber: Meine Frau und Kinder unterstützen mich und es ging voran. Ich wurde mobiler und nach ein paar Wochen war ich dann heimlich im Fitnessstudio. Natürlich blieb nur für Sekunden geheim, dass ich Gewichte heben war, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt erst ein, zwei Flaschen Wasser tragen durfte.

Fotostrecke

10  Bilder
Ironman-Champion Tim Don: Der lange Weg zurück

SPIEGEL ONLINE: Auf einer Skala von eins bis zehn - wie sehr haben Sie in dieser Zeit gelitten?

Don: Ihre Skala reicht nicht: Mindestens eine Elf! Es waren ja nicht nur die körperlichen Anstrengungen schlimm, jede Behandlung war eine Qual.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich das angetan?

Don: Ich habe mein ganzes Leben nicht anderes als Sport gemacht. Ich liebe meinen Job. Und bitte versetzen Sie sich in meine Situation: Ich war vor Hawaii 2017 in einer überragenden Verfassung und hatte im April davor bei einem Wettkampf in Brasilien die neue Weltbestzeit in der Ironman-Serie aufgestellt. Ich war so gut drauf und hatte die große Chance, erstmals das Podium auf Hawaii zu erreichen. Dann kam die Verletzung. Hätte ich meine Karriere so enden lassen sollen? Das war für mich keine Option.

SPIEGEL ONLINE: Gab es den einen Moment, wo Sie sich wieder bereit für den Ironman fühlten?

Don: Ich hoffe, ich werde diesen Moment am Sonntag beim Wettkampf in Hamburg erleben. Ich muss mindestens Vierter werden, nur dann bin ich ganz sicher für Hawaii qualifiziert.

SPIEGEL ONLINE: Das Rennen wird wegen einer hohen Blaualgen-Konzentration im Wasser ohne Schwimmen stattfinden. Stattdessen heißt es: Laufen, Fahrradfahren, Laufen. Ein Problem?

Don: Ein harter Schlag. Wahrscheinlich wird es nach dem ersten Laufen richtig eng auf der Fahrradstrecke, und das Rennen dürfte insgesamt schneller werden. Aber ich freue mich und hoffe auf einen Platz unter den Top vier.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor einer erneuten Verletzung?

Don: Ich bin seit 1997 Profi. Ich hatte Stiche, Brüche, einen Genickbruch. Was soll noch passieren? Ich werde mir nie den Kopf darüber zerbrechen, was Schlimmes passieren könnte. Diese Gedanken würden mich zerstören. Wenn man etwas von mir lernen kann, dann das: sei positiv.

Tim Don
AP/ Andrew Hinton/ On

Tim Don

SPIEGEL ONLINE: Sechs Monate nach Ihrer Verletzung feierten Sie ein erstes, für Ihre Verhältnisse kleineres Comeback beim Boston-Marathon im April. Ihr Weg dorthin wird in einer Dokumentation gezeigt. Warum haben Sie Ihre Geschichte veröffentlicht?

Don: Nach meinem Unfall waren viele Gerüchte im Umlauf. Auf Twitter und anderen Netzwerken hieß es, 'Tim Don kann nie wieder laufen, seine Karriere ist vorbei.' Es wurden so viele verrückte Sachen erzählt. Das war schrecklich und zog mich runter. Ich wollte wieder Herr meiner eigenen Geschichte werden, ich wollte sie erzählen. Also entschieden meine Familie, Sponsoren und ich, meinen Comebackversuch mit der Kamera zu begleiten.

SPIEGEL ONLINE: Die Überwindung von Schmerzen wird gerne glorifiziert. Kämpfer gelten als Sieger. Wie sehen Sie Ihre Rolle?

Don: Ich bin nicht Superman und du musst auch kein Ironman sein, um wieder in die Spur zu finden. Aber es stimmt schon: Manche sehen in mir nicht mehr nur den Sportler Tim Don. Ein Beispiel: Erst heute heute Morgen habe ich eine E-Mail von einer Frau gekommen, deren Mann sich den Hals gebrochen hat. Er ist mittlerweile wieder mobiler. Auch, weil meine Geschichte ihm Kraft gegeben habe, schrieb sie mir. Das ist großartig. Der größte Held ist oft die Person von nebenan.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll Ihre Geschichte einmal enden?

Don: Sieg beim Ironman-Hawaii! Zehn Minuten Vorsprung! Ist doch klar. (lacht) Aber vielleicht fragen Sie mich einfach in zehn Jahren noch einmal. Wer weiß schon, was das Ende ist?

Lesen Sie hier ein Interview mit Jan Frodeno

Hinweis: Wegen Blaualgen ist das Schwimmen beim Ironman Hamburg gestrichen worden. Dadurch wird ein dreigeteilter Duathlon mit der Reihenfolge Laufen - Radfahren - Laufen ausgetragen. Die erste Laufrunde beträgt knapp sechs Kilometer.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
transatco 28.07.2018
1. Wie kann man in dem Alter noch so unreflektiert sein?!
Ein in meinen Augen ganz armer Tropf! Ich wünsche Ihm für die Zukunft mehr Freude n den wahren Dingen des Lebens!
01099 28.07.2018
2.
Bei solchen Menschen frage ich mich immer wieder, ob wir wirklich vernunftbegabte Wesen sind. Anstatt sich für seine Familie zu interessieren, geht er einer gesellschaftlich völlig nutzlosen Profession nach, die zudem noch seine Gesundheit ruinieren kann und sicher schon hat. Warum er sich damit als Vorbild sieht und so verkauft wird, ist mir ein Rätsel.
ironman2001 28.07.2018
3. Qualvoll ist es auf keinen Fall
Guten Morgen, hatte das Vergnügen 1995 einen Halofixateur nach einem Snowboardunfall 3 Monate tragen zu dürfen. C2 Bruch direkt an der Basis. Die Schrauben wurden unter örtlicher Betäubung in den Schädel geschraubt und nicht gebohrt. Ähnlich wie früher der Weihnachtsbaum mit 4 spitzen Schrauben fixiert wurde. Die ersten Tage nach der Installation bin ich auch sofort auf ein Fahrrad Ergometer gestiegen. Man kann sich ja sonst wunderbar bewegen, ist ja alles gut fixiert. Nach einem Monat ging das Duschen auch alleine, das Lammfell im Sommer ein Spass. Ausgehen , Disco Besuche alles war möglich. Nur konnte ich nicht die neugierigen Blicke sehen, weil Umdrehen so lange dauerete. Schmerzvoll war die Versetzung der hinteren Schrauben da diese locker wurden. Und der Anruf in der Schule " Meine Schrauben sind locker", ich kann am Wandertag nicht teilnehmen :). Aus der Erinnerung heraus würde ich sagen ca. 6 - 7 Monate später stand ich wieder auf dem Snowboard. Ein Metallpraktikum und Schule habe ich auch mit dem Fixateur gemeistert. 2001 konnte ich beim letzten Ironman in meiner Nähe teilnehmen. Wenn man das Glück hat den Fixateur zu tragen hat man eigentlich die besten Chancen ohne Komplikationen sein Leben nach ca. 3 Monaten wieder voll zu geniessen. Die andere Option wäre wie Superman im Rollstuhl und eine künstliche Beatmung , das stelle ich mir Qualvoll vor.
dereineuwe 28.07.2018
4. halb so wild...
hatte auch vor paar jahren nen mehrfachen genickbruch - halb so wild. viel schlimmer war das gebrochene becken...
mixow 28.07.2018
5. @transacto
In meinen Augen sind sie der arme Tropf. Dies gilt ebenso für Kommentar 2. Es steht nirgends im Artikel, dass er keinerlei Zeit und Interesse für seine Familie hätte. Wie anmaßend kann man denn bitte sein und solche verachtenden Kommentare verfassen, ohne diesen Menschen und die familiären Umstände näher zu kennen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.