Ironman auf Hawaii Der eiserne Lord

Am Samstag wagen sich fast 2500 Triathleten wieder an den legendären Ironman-Triathlon von Hawaii. Der Wettbewerb ist längst zu einer deutschen Domäne geworden.

DPA

Von


Du musst verrückt sein. Oder aus Eisen. Oder du musst Jan Frodeno sein.

Der Mythos vom Ironman-Triathlon auf Hawaii müsste eigentlich längst zu Tode erzählt, totgeschrieben sein, erstickt im Kommerz. Aber er ist nicht kaputt zu kriegen. Weil es auch genau 40 Jahre, nachdem der US-Marineoffizier John Collins sich dies erdachte, ein Irrsinn bleibt: Erst die 3,8 Kilometer durch die Brandung von Kona, dann die 180 Kilometer auf dem Rad durch die Lavawüste von Big Island, am Ende die Marathonstrecke bei Temperaturen von mindestens 30 Grad. Der Ironman von Kona bleibt der Ironman schlechthin, für Triathleten wie Wimbledon, Wembley und der Holmenkollen zusammengenommen.

Als Collins 1977 seinen Plan vorlegte und der US-Athlet Dave Scott erstmals davon hörte, soll er gesagt haben: "Das hört sich aber nach verdammt harten drei Tagen an." Bis er belehrt wurde, dass diese Tour de Force an einem einzigen Tag absolviert wird. Scott schluckte, meldet sich dennoch an und gewann den Ironman anschließend sechs Mal.

Eine Riesenshow, ein Riesenmarkt

Am Samstag ist es wieder so weit (live im ZDF-Stream ab 18.30 Uhr), ein Kanonenschuss wird die Athleten als Startsignal ins Wasser jagen, beim ersten Start gingen gerade einmal 15 Sportler ins Rennen, mittlerweile sind es fast zweieinhalbtausend, die sich ins Meer stürzen, die meisten von ihnen Triathlon-Amateure, ihnen voran die gut 100 Profis, die den Sieg bei den Männern und Frauen unter sich ausmachen.

Eine Riesenshow ist der Ironman, aber auch ein gewaltiger Markt. 1000 Dollar Startgebühr, aufwendige Qualifikationswettbewerbe über den ganzen Erdball verstreut. Als vor Jahren einmal wenige Startplätze bei Ebay versteigert wurden, landete das Gebot am Ende bei 40.000 Dollar. Pro Startplatz. Die veranstaltende Firma WTC kassiert ordentlich ab. Triathlon ist eine perfekte Sportart für die Werbeindustrie, die meisten Sportler sind im besten Konsumalter jenseits der 30, die USA, die Schweiz, Australien und Deutschland sind die Kernmärkte.

Vor allem Deutschland ist im Lauf der Jahre immer interessanter für die Branche geworden, und das hat vor allem mit den sportlichen Erfolgen zu tun. Bei den vergangenen 20 Ironman-Wettbewerben gab es sieben deutsche Erfolge, im Vorjahr war das Podest komplett schwarz-rot-gold: Jan Frodeno stand ganz oben, neben ihm Sebastian Kienle und Patrick Lange. Es ist überhaupt nicht auszuschließen, dass sich so etwas am Samstag wiederholt.

Fotostrecke

14  Bilder
Ironman auf Hawaii: Deutsche Dominanz im Pazifik

Deutschland ist Triathlon-Land geworden, der Verband hat zweistellige Zuwachsraten, was die Mitgliederzahlen angeht. Die "ZEIT" hat mal geschrieben, Triathlon sie die perfekte Sportart "für deutsche Ingenieure", und der Triathlon-Experte Kai Baumgartner hat mal gesagt, der Sport sei etwas "für Bob den Baumeister", für die Tüftler, die Techniker, die nichts dem Zufall überlassen, die jedes technische Detail bis zum Anschlag verfeinern und sich dies auch etwas kosten lassen - kurz, etwas für die Deutschen.

Den eigenen Schuh in Japan anmodelliert

Frodeno ist der Superstar der Szene. Ironman-Sieger 2015 und 2016, Sportler des Jahres in Deutschland 2015, längst sein eigenes Unternehmen. Einer, der bis nach Japan reist, um sich dort den perfekten Laufschuh modellieren zu lassen, mittlerweile zwar schon 36 Jahre alt, aber noch voll im Saft. Frodeno hat sämtliche anderen Triathlon-Wettbewerbe im Sommer ausgelassen, weil er nur ein Ziel hat: Das Triple auf Hawaii.

Der ärgste Konkurrent kommt aus dem eigenen Land: Sebastian Kienle, dreifacher Europameister, zuletzt in Topform. Und dann gibt es noch den Vorjahresdritten Patrick Lange, der 2016 die schnellste je gelaufene Zeit in Hawaii hinlegte. Zwei Stunden 39 Minuten 45 Sekunden. Die Weltklasseläufer mögen über solche Zeiten lachen, die im Marathon vor 100 Jahren zum Weltrekord ausreichten, aber man möchte die kenianischen Superstars sehen, wenn sie vorher schon 180 Kilometer Fahrrad in glühender Hitze hinter sich hatten.

Strapazen ohne Ende warten am Samstag auf Big Island auf die Sportler. Dass man da zumindest den Gedanken erwägt, dass der eine oder andere Sportler versucht, durch Mittelchen die Strapazen ein bisschen zu mildern, liegt nicht ganz fern. Die Top-Athleten wie Frodeno haben stets empört auf Dopingspekulationen reagiert, darauf aufmerksam gemacht, wie oft sie kontrolliert werden. Tatsächlich ist bisher kein Ironman-Sieger bei den Männern aufgeflogen, bei den Frauen musste die Deutsche Nina Kraft ihre Siegprämie wieder zurückgeben, nachdem sie Epo-Gebrauch eingestanden hatte.

Vom Abhängigen zum Top-Athleten

Einer kann den Deutschen schon mal nicht mehr in die Quere kommen: Der Weltjahresbeste Tim Don aus Großbritannien stürzte beim Training am Donnerstag so schwer vom Rad, dass er sich den Halswirbel brach. Und selbst Eisenmänner können mit gebrochenem Hals keinen Triathlon bestreiten. Aber da gibt es ja noch den Kanadier Lionel Sanders, den Mann, der vor ein paar Jahren noch regelmäßig Koks geschnupft und am Tag eine Flasche Whiskey ausgetrunken hat. Ein körperliches Wrack, dann hat er irgendwann die Kurve bekommen, jetzt ist er ein Weltklasse-Athlet.

Ein Sieg von Sanders, das wäre wieder Futter für den Mythos. Wie die Geschichte von Julie Moss, die beim Ironman 1982 vor der Ziellinie in Führung liegend kollabierte und dann auf allen vieren als noch Zweite über den Zielstrich krabbelte. Oder die Story von Christian Dadowski, dem US-Amerikaner, der 2004 sein defektes Rad zwölf Kilometer auf den Schultern trug und dann noch die Marathonstrecke auf sich nahm. Und natürlich die Geschichte vom "Iron War" 1989, als sich die zwei Triathlon-Heroen Dave Scott und Mark Allen ein Kopf-an-Kopf-Rennen bis zum Schluss lieferten. Auch Allen stand sechs Mal in Hawaii auf dem Siegerpodest.

Das wird Frodeno wohl nicht mehr schaffen, aber auch ein Dreifachsieg würde ihn zu einem der ganz Großen auf Hawaii machen. Gründer Collins hat vor 40 Jahren den berühmten Satz gesagt: "Whoever finishes first, we will call him the Iron Man." Margret Thatcher mag die Eiserne Lady gewesen sein, Frodeno ist der Eiserne Lord.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
margarete_berg_in_luv 14.10.2017
1. Letzte kommunikation
Krass diese sport, große, starke mensch mit Wesen Der letzte Satz war trotzdem irgendwie unangenehm zu lesen.
BettyB. 14.10.2017
2. Toll...
Interessanter Artikel mit Zusatzerkenntnis. Für Sportjournalisten sind anscheinend alle Männer Lords...
redneck 14.10.2017
3. Wetter...
ist gut hier fürs Rennen. Relativ kühl, viel Regen und tropisches Tiefdruckgebiet für die nächsten paar Tage...dann wird kurz die Beltroad runtergerannt und das wars. Die obsessiv trainierten und verkrampft humpelnden Körper der Triathlonisten , ihre verbissenen Gesichter und sonnengeröteten Schultern sind im starken Kontrast zu den wunderbaren Surferbodies mit breiten Schultern, schmalen Hüften und entspannten Gesichtszügen der Locals. Der Triathlon sieht aus wie eine Menge Irrer auf der Flucht. Ein ca. 40 km langes, gerades Stück Asphalt durch die heisse Steinwüste wird 4x rauf und runtergeradelt und gerannt. Der Wettbewerb wird fast nicht wahrgenommen ausser das viele Leute an diesem Tag 30km Umweg fahren müssen um den Sportlern auszuweichen.
shooop 14.10.2017
4. Ich kenne 2 Langstreckenthriathleten
...und die sind beide hart zu anderen, selbstgerecht, erwarten bewundert zu werden und sind nicht bereit, Menschen 'unterhalb' ihrer 'Leistungsklasse' als ebenbürtig zu betrachten. Ich selbst mag die Mischung aus Schwimmen, Radfahren und Laufen schon, aber ehrlich gesagt finde ich diesen Ironman-Hype neben aller Faszination auch abstoßend.
LaSuisse 15.10.2017
5. Zu voreilig...
War wohl etwas zu voreilig, dieser Bericht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.