WM in Sheffield Warum Snooker das bessere Darts ist

Am Abend fällt die Entscheidung bei der Snooker-WM. Die Billardvariante hat in Deutschland eine treue Fan-Basis - ist aber längst nicht mehr die Nummer eins unter den Nerd-Sportarten im TV. Völlig unverständlich.

Mark Williams
DPA

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Eine Danksagung von


Das hypnotische Grün des Bildschirms, dieses spezielle Klacken der Kugeln, dazu die dosierten Einordnungen von Kommentator Rolf Kalb. Bei wenigen Sportereignissen bin ich öfter selig eingeschlafen als bei der Snooker-WM - und das meine ich mit dem größtmöglichen Respekt. Snooker ist einfach behaglich.

Die Langsamkeit, mit der dieses Spiel in jedem einzelnen Frame seine Dramaturgie entwickelt, ist einzigartig. Der Stoff für die feinsinnigen Dramen liegt dabei oft schon früh auf dem Tisch, eine unscheinbare rote Kugel an der langen Bande etwa. Snooker erzählt seine Geschichten im wahrsten Wortsinn in aller Ruhe, nimmt sich dafür viel Zeit.

Die Billard-Variante hat in Deutschland lange schon ihr Publikum gefunden. Seit 2003 überträgt der TV-Sender Eurosport regelmäßig, das Highlight jedes Snooker-Jahrs ist die Weltmeisterschaft, die traditionell am ersten Mai-Montag endet. Im Vorjahr verfolgten in der Spitze 620.000 deutsche Zuschauer das Finale zwischen Mark Selby und John Higgins, auf diesem Niveau bewegen sich die Quoten seit Jahren. Der Sender spricht von einer "treuen Anhängerschaft", die TV-Verträge wurden langfristig verlängert. Snooker ist ein perfektes Beispiel dafür, wie das Fernsehen durch einen langen Atem eine hierzulande fast unbekannte Sportart zu einem Quotengaranten entwickeln konnte.

Maximum Break oder 9-Darter?

Eine andere urbritische Sportart hat zuletzt einen ähnlichen Weg genommen: Innerhalb weniger Jahre sind die Übertragungen von der Darts-WM bei Sport1 zu einem Großereignis im Sportkalender geworden, 2004 stieg der Sportsender in die Berichterstattung ein. Am Neujahrstag 2018 verfolgten in der Spitze 2,73 Millionen den WM-Sieg von Newcomer Rob Cross über Rekordweltmeister Phil Taylor. Deutschland liebt die Pfeilewerfer.

Darts-Weltmeister Rob Cross
Getty Images

Darts-Weltmeister Rob Cross

In vielerlei Hinsicht sind sich die beiden Spiele sehr ähnlich: Beides sind Präzisionsspiele, gemeinsam ist ihnen auch die seltsame Fokussierung auf das perfekte Spiel - das Maximum Break und den 9-Darter. Gemeinsam ist beiden auch - und hier dürfte ein wesentlicher Teil des Erfolgs liegen - die Kontinuität bei den auftretenden Personen.

Wenn am Abend im Crucible Theatre die Snooker-Krone vergeben wird, treffen zwei Akteure aufeinander, die schon lange dabei sind. Der Schotte John Higgins gewann vor 20 Jahren seinen ersten WM-Titel, sein walisischer Kontrahent Mark Williams vor 18 Jahren. Phil Taylor dominierte auf der anderen Seite über zwei Jahrzehnte die Darts-Welt.

Drei Pfeile ins Brett - zack, zack, zack

Und gleichzeitig könnten die beiden Spiele in ihrer Präsentation unterschiedlicher nicht sein. Einmal das Tempo: Hier donnert Michael van Gerwen drei Pfeile ins Brett, zack, zack, zack. Dort umrundet Peter Ebdon zum dritten Mal den Tisch und schaut sich kopfschüttelnd eine rote Kugel an. Der Darts-Profi erscheint in einem möglichst bunten Hemd, sein Snooker-Pendant im dunklen Anzug, mit Fliege, natürlich.

John Higgins
Getty Images

John Higgins

Hier grölen kostümierte, stark alkoholisierte Menschen im Alexandra Palace, während auf der Bühne Millimeter über Sieg und Niederlage entscheiden. Dort ermahnt der Snooker Schiedsrichter den beschämten Besucher, dessen Mobiltelefon geklingelt hat. Der Referee tut das sehr höflich und sehr bestimmt - und zwar ein einziges Mal.

Im Alexandra Palace läuft der Zapfhahn ohne Pause, fünf Pints Bier soll jeder Besucher der letztjährigen Veranstaltung verzehrt haben, im Schnitt. Die Angaben hierzu schwanken mehr als mancher Besucher am späten Abend. "One-hundred-and-eighty!" Beim Darts wird ständig gebrüllt, beim Snooker dagegen flüstern selbst die Kommentatoren der BBC in ihrer Kabine, als wollten sie die Spieler nicht in ihrer Konzentration stören.

Ob es nun etwas über den Zeitgeist sagt, dass das schrill-laute Darts in der Gunst der TV-Zuschauer mit viel Schwung am in jeder Hinsicht friedlichen Snooker-Sport vorbeigezogen ist, sei dahingestellt. Wenn am Abend (20 Uhr, TV: Eurosport) die Herren Higgins und Williams ihre vierte und letzte Session um den Snooker-WM-Titel beginnen, werde ich vor dem Fernseher sitzen. Und versuchen, bis zur Entscheidung wach zu bleiben.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Alter Falter 07.05.2018
1. John Higgins
Die coolste Augenbraue der Welt. Ich „liebe“ diesen Typ. Alles Gute John!
MannAusmNorden 07.05.2018
2. Spannend... wenn auch langwierig
Also ich finde Snooker spannend. Und gerade das richtige um nach einem anstrengenden Tag im Büro abends ein wenig zu entpsannen.
skyhigh 07.05.2018
3. r. kalb
Ich möchte die Gelegenheit nutzen und kurz Rolf Kalb anpreisen. Seine Snooker-Moderation ist herrlich entspannt, äußerst fachkundig und dennoch unterhaltsam. Wer sich bisher noch nie mit Snooker beschäftigt hat, möge dies doch einfach bei Eurosport nachholen; ein tolles Spiel und ein phantastischer Moderator!
dr.frustus 07.05.2018
4. Eine Dartscheibe ist schneller …
… aufgehängt als ein Snooker-Tisch reingetragen. Und selbst der größte Depp begreift die Dart-Regeln schneller als die Snooker-Regeln.
gewappnetTS 07.05.2018
5. Aber englischer Kommentar besser
Zitat von skyhighIch möchte die Gelegenheit nutzen und kurz Rolf Kalb anpreisen. Seine Snooker-Moderation ist herrlich entspannt, äußerst fachkundig und dennoch unterhaltsam. Wer sich bisher noch nie mit Snooker beschäftigt hat, möge dies doch einfach bei Eurosport nachholen; ein tolles Spiel und ein phantastischer Moderator!
Richtig, für den Einstieg ist Rolf Kalb ideal. Wer das Spiel dann aber verstanden hat und des Englischen mächtig ist, sollte lieber auf den englischen Kommentar in den Audioeinstellungen des Receivers umschalten. Die Spielerlegenden, die da kommentieren, sind schon ein paar Niveaustufen höher. Das WM-Finale kommentiert da übrigens Ronnie O'Sullivan persönlich.
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