Italienischer Radsportexperte: Der Mann, der Rasmussen aus Versehen verriet

Von Vincenzo Delle Donne, Rom

Er brachte den Stein ins Rollen: Als TV-Experte hat der ehemalige Radprofi Cassani mit einer Bemerkung während einer Tour-Etappe indirekt dafür gesorgt, dass Michael Rasmussen von seinem Team Rabobank gefeuert wurde. SPIEGEL ONLINE zeichnet den Lauf der Dinge nach.

Es war eine folgenschwere Bemerkung: Eigentlich wollte Davide Cassani in seiner Funktion als Kommentator für den italienischen Sender Rai dem Publikum ein Beispiel dafür liefern, wie ehrgeizig Michael Rasmussen in seinem Beruf als Radprofi agiert. Dafür schilderte Cassani Trainingseindrücke über den Dänen, die er in Italien selbst gesammelt hatte. Das Problem: Zum Zeitpunkt der Beobachtung hätte Rasmussen gar nicht in Italien sein dürfen. Der 33-Jährige, der bis vor kurzem in Gelb fuhr, wurde daraufhin gestern Abend von seinem Team entlassen.

Ein Sprecher des Rabobank-Teams hatte dazu mitgeteilt, dass Rasmussen mit sofortiger Wirkung von der Tour ausgeschlossen wird. Der Däne habe durch Lügen die internen Regeln verletzt, sagte ein Rabobank-Sprecher. Gestern Nachmittag sei klar geworden, dass Rasmussen intern "mehrmals" falsche Trainingsorte angegeben habe.

Rasmussen sei damit konfrontiert worden und habe schließlich zugegeben, statt in Mexiko in den Dolomiten in Italien trainiert zu haben - was für Teamchef Theo De Rooy "das Wasserglas zum Überlaufen gebracht" habe. Sponsor Rabobank hatte seine Entscheidung wie folgt begründet: "Wir sind schockiert und völlig enttäuscht, dass Rasmussen über seinen Aufenthaltsort gelogen hat." Das Verhalten sei "inakzeptabel".

Cassani wurde so unfreiwillig zum "Bergkönigsmörder". In einem Gespräch mit dem Sender Rai schilderte er nach der Entlassung Rasmussens seine Sicht der Dinge.

Frage des Rai-Moderators: Wie fühlen Sie sich, wo Sie gewissermaßen für den Rausschmiss von Michael Rasmussen verantwortlich sind?

Cassani: Ohne es zu wollen, habe ich mich plötzlich in einer äußerst schwierigen Situation befunden. Ich habe am Sonntag, den 15. Juli, während des Kommentars zur Etappe von einer Episode erzählt, die für mich von Aussagekraft für einen Fahrer ist. Ich wollte den Zuschauern die Präzision und Hingabe, mit der Rasmussen seinen Beruf ausübt, klarmachen. Ich habe erzählt, wie ich ihn im Val di Fassa am 13. Juni gesehen habe. Ich habe erzählt, wie er trotz Regens und der widrigen Wetterverhältnisse dort unbeirrt trainierte. Er war allein und auf Anhieb nicht zu erkennen. Er hatte kein Leibchen von seiner Rabobank-Mannschaft an.

Am Ende der besagten Etappe streifte sich Rasmussen das Gelbe Trikot des Führenden über. Der wörtliche Kommentar Cassanis am vergangenen Sonntag lautete: "Dieser Däne vorne greift an, ohne Rücksicht auf Verluste. Diesen Rasmussen habe ich vor 20 bis 25 Tagen im Val di Fassa gesehen. Es war ein fürchterlicher Tag. Es schüttete. Plötzlich sehe ich auf dem Dolomitenpass einen Radrennfahrer vor mir. Ich war neugierig, weil er gut fuhr. Und dann erkenne ich ihn: Michael Rasmussen. Er trainierte gerade und war gerade den Marmolada-Pass hochgefahren. Er fuhr dann nach Hause nach etwa acht Stunden im Sattel."

Frage: Was passierte dann?

Cassani: Diese Worte wurden dann vor ein paar Tagen vom dänischen Fernsehen aufgegriffen und ich wurde gefragt, ob es stimmte, was ich gesagt habe. Natürlich kam ich nicht umhin, dies zu bestätigen. Ich wollte präzisieren, dass ich diese Worte nicht erst vor zwei Tagen gesagt habe oder dass ich damit bewusst Rasmussen schädigen wollte oder dass ich von der Rabobank-Mannschaft bezahlt wurde.

Frage: Was haben Sie auf dem Marmolada-Pass gemacht?

Cassani: Ich war in den Dolomiten, weil ich mit einem Verlag ein Projekt mache, bei dem ich wichtige Bergetappen befahre und dabei die Schwierigkeiten aufzeige. Ich habe Rasmussen just da getroffen. Dann bin ich nach Trient gefahren. Vor zwei Tagen kam dann das dänische Fernsehen und fragte mich, ob es stimmte, was ich gesagt hatte. Ich konnte nicht anders, als diese Aussage zu bestätigen. Ich wollte keinen Fahrer anschwärzen. Im Gegenteil. Ich bin nämlich sehr traurig darüber, dass auch wegen meiner Feststellung ein Radprofi von der Tour de France ausgeschlossen wurde. Andererseits habe ich nur das gesagt, was der Wahrheit entsprach. Dann hat mich gestern Abend der Rabobank-Teammanager Theo De Rooy angerufen und gefragt, ob es stimme, was ich gesagt habe. Ich habe geantwortet: "Theo, willst du die Wahrheit hören?" "Ja!", hat er gesagt. Daraufhin ich: "Ja, Theo, ich habe Rasmussen am 13. Juni in Italien gesehen!"

Zwei Stunden später stellte De Rooy Rasmussen zur Rede und überführte ihn der Lüge. Um den Dopingkontrollen auszuweichen, hatte der Däne seiner Mannschaft gesagt, dass er sich zum Training in Mexiko befinde. Der Generaldirektor der Rabobank-Mannschaft hat dann die Entscheidung getroffen, Rasmussen sofort zu suspendieren. Rasmussen war niedergeschlagen, am Boden.

Cassani: In dieser Geschichte sind sehr viele Lügen erzählt worden. Ich würde gern Rasmussen begegnen und ihm in die Augen sehen. Gestern Abend hat er mich angerufen. Er war nicht böse auf mich. Ich hingegen bin in Tränen ausgebrochen.

Aufzeichnungen aus der Rai-Übertragung vom 25. Juli 2007

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Forum - Die Tour - eine einzige Farce?
insgesamt 615 Beiträge
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1.
DJ Doena 24.07.2007
Und Rasmussen kommt wegen Verfahrensfehlern "frei". Aber war das nicht von vornherein klar?
2.
Kummibaer 24.07.2007
Was soll man dazu noch sagen? Für wie dumm will man die Radbegeisterten noch verkaufen? Es sollte endlich reiner Tisch gemacht werden, denn so gut wie jeder Radprofi wird auch Dreck am Stecken haben. Aus Protest interessiere ich mich auch gar nicht mehr für die Tour, sondern warte nur wieder auf "neue Enthüllungen".
3.
maxxboersi 24.07.2007
JA JA JA scheinbar ist der reiz des geldes doch so stark, daß die sanktionen nicht ausreichen. es gibt wohl noch genug dumme radprofis, die ihre gesundheit für geld ruinieren. schade.
4.
TommIT 24.07.2007
Zitat von DJ DoenaUnd Rasmussen kommt wegen Verfahrensfehlern "frei". Aber war das nicht von vornherein klar?
UIrgendwer muss ja gewinnen Für mich ist damit die Tour für die nächsten drei Jahre - mediale Dunkelheit Sch....laden
5.
dbraaker 24.07.2007
Wieso geworden? Wann gab es denn den letzten Sieger, den man guten Gewissens als unbelastet bezeichnen könnte? Doping ist doch nichts neues im Radsport! Genausowenig ist es etwas neues, dass die Veranstalter bei der Doping-Bekämpfung nicht über Lippenbekenntnisse hinauskommen, das Fremdblutdoping von Wino war eine reine Verzweiflungstat (genau wie Landis im letzten Jahr), man kann sich nur an den Kopf packen wie dumm das war, denn seit 2004 ist Fremdblut-Doping bekanntermaßen nachweisbar. Das systematische Doping wird doch garnicht erfasst, Leute wie Rasmussen und der Rest der Top Fahrer werden fast jeden Tag getestet und nichts ist auffällig, abgesehen von der präsentierten Leistung natürlich..
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