Jaksche-Geständnis Schweigen hilft nicht mehr

Beklemmung, Wut, Angst: Das Geständnis von Jörg Jaksche im SPIEGEL sorgte bei den deutschen Straßenrad-Meisterschaften für extreme Reaktionen. Feindseligkeiten zwischen den Teams treten immer offener zutage, ein belasteter Fahrer weiß nicht, was er sagen soll, andere tauchen gleich ab.

Von Jörg Schallenberg, Wiesbaden


Die Nummer 48 ist nicht am Start. Aber sie wird das ganze Rennen bestimmen, sie wird das ganze Wochenende in Wiesbaden dominieren. Es ist furchtbar unwichtig geworden, wer hier bei den deutschen Radmeisterschaften auf der Straße den Titel gewinnt. Die Nummer 48 sollte eigentlich Jörg Jaksche tragen, auf den Starterlisten für die Presse ist der 30-Jährige noch verzeichnet.

CSC-Fahrer Voigt (l.): "Ich kann mich nicht an jedes Wort erinnern"
DDP

CSC-Fahrer Voigt (l.): "Ich kann mich nicht an jedes Wort erinnern"

Doch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat Jaksche vor wenigen Tagen aus dem Feld gestrichen. Von einem Zusammenhang mit dessen Doping-Geständnis im SPIEGEL will beim BDR niemand etwas wissen. Dabei war schon sehr lange bekannt, dass der frühere Telekom- und CSC-Fahrer unter Verdacht stand, gedopt zu haben. Doch Jaksche ist ohnehin in jeder Sekunde präsent. Das bekommt auch Jens Voigt zu spüren, als er am Morgen um kurz vor elf zur Präsentation der Fahrer vor dem Wiesbadener Kurhaus eintrifft.

Über ihn hat Jaksche gesagt, dass Voigt 1998 während der Tour de France erzählt habe, sein damaliges Team überlege, Dopingmittel aus Angst vor Polizeirazzien am Straßenrand zu vergraben. Nun windet sich Voigt, sagt, dass er den SPIEGEL gar nicht gelesen habe und dass er vielleicht mal etwas Ähnliches zu Jaksche gesagt habe - aber das sei doch nicht so gemeint gewesen: "Wir haben damals ständig über Doping und Kontrollen gesprochen, ich kann mich nicht an jedes Wort erinnern. Kann sein, dass irgendwer aus einem anderen Team was vom Vergraben erzählt hat, aber ob das ernst gemeint war, kann ich nicht beurteilen."

Voigt fährt für das Team CSC, dessen sportlicher Leiter Bjarne Riis von Jaksche ebenfalls belastet worden ist. Der Däne, der voll mit Dopingmitteln 1996 die Tour de France gewann, soll mindestens zugelassen haben, dass in seinem Rennstall gedopt wird. Auch Bob Stapleton, Chef des T-Mobile-Teams, hat Riis in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE angegriffen. Wenn man Voigt nun nach diesen Beschuldigungen fragt, dann schaut er einen Augenblick verzweifelt und antwortet dann: "Was soll ich darauf sagen? Bjarne Riis ist mein Arbeitgeber." Immerhin streitet der 35-jährige Deutsche kategorisch ab, dass es organisiertes Doping bei CSC gibt. Heutzutage.

Es ist wenig überzeugend, was Voigt zu sagen hat, aber er stellt sich wenigstens den Fragen. Andere tauchen lieber ab. Das Team Milram, dessen sportlicher Leiter Gianluigi Stanga unter Verdacht geraten ist, wollte in Wiesbaden den Kader für die Tour de France auf einer ausführlichen Pressekonferenz vorstellen, auch ein Interview mit Erik Zabel sollte möglich sein. Dann wurde das Interview abgesagt, dann die Tour-Präsentation, dann das ganze Gespräch. Vom Sponsor Nordmilch reiste erst gar niemand an. Die Fragen zum Doping und zu Stanga hätten das Sportliche zu sehr in den Hintergrund gedrängt, heißt es aus dem Team.

Das stimmt ganz sicher - doch daran wird sich in den nächsten Tagen und Wochen nichts ändern. Schweigen hilft nicht mehr. Nachdem Stanga vom Geldgeber einbestellt worden ist, wird wohl bald eine Stellungnahme erfolgen. Bis dahin dürfen die Gerüchte wie in Wiesbaden frei flottieren. Milram, das ohnehin schon durch den positiv getesteten Sprintstar Alessandro Petacchi belastet ist, wird von der Tour ausgeschlossen, lautet eines, das Team werde aufgelöst, ein anderes. Vor dem Start zur Deutschen Meisterschaft hofft Milram-Fahrer Sebastian Schwager zumindest, "dass ich auch in Zukunft weiter als Rennfahrer tätig sein kann". Auf viel mehr darf man als Radprofi eines verdächtigen Teams in diesen Tagen nicht hoffen. Zabel radelt schweigend vorbei.

So sehr die Streckensprecher an diesem sonnigen Tag in Wiesbaden auch den angestrengt gutgelaunten Eindruck eines normalen Rennens - es siegte Fabian Wegmann vom Team Gerolsteiner - erwecken wollen, so sehr ist am ganzen Wochenende eine Stimmung aus Beklemmung und Angst, Fassungslosigkeit und Wut zu spüren. Die mühsam gezügelten Feindseligkeiten zwischen jenen Teams der ProTour-Serie, die sich offensiv gegen Doping engagieren und denen, die am liebsten weitermachen wollen wie bisher, treten immer offener zutage. Noch lassen sich Verantwortliche selten mit heftigen Vorwürfen zitieren, doch eine sinnvolle Zusammenarbeit mit Leuten wie Riis, Stanga oder dem ebenfalls von Jaksche schwer belasteten Astana-Berater Walter Godefroot kann man sich etwa bei Gerolsteiner oder T-Mobile immer schwerer vorstellen.

Es entgleist viel in diesen Tagen. BDR-Chef Rudolf Scharping drohte dem Moderator der aus dem Wiesbadener Kurhaus ausgestrahlten "Sportschau" - angesichts der ARD-Vorwürfe gegen seinen Stellvertreter Udo Sprenger - während der Sendung mit den Worten: "Mal sehen, ob ihre Vorgesetzten das auch so sehen." Zuvor hatte der Ex-Minister einen Zeugen des Magazins "Report" bereits als "anonymen Feigling" beschimpft. Sprenger blieb als Organisator der Deutschen Meisterschaften demonstrativ im Amt. Er will gegen die Vorwürfe klagen.

Der 61-Jährige gerät nicht nur wegen Doping, sondern auch wegen vermeintlicher schwarzer Kassen beim mittlerweile aufgelösten Team Nürnberger in Bedrängnis. Dort hatte Sprenger als sportlicher Leiter gearbeitet. Dass gerade bei unterklassigen Rennen offenbar oft Geld am Finanzamt vorbeigeschleust und zudem bisweilen Ergebnisse abgesprochen werden, brachte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer schon während der "Sportschau" in Wallung. Doch gerade als er zur scharfen Kritik ansetzen wollte, war die Sendezeit um. Draußen vor dem Kurhaus wetterte Holczer aber anschließend ungebremst weiter: "Bei solchen Veranstaltungen werden schon ganz junge Fahrer an die Mentalität herangeführt, dass sie als Profi vor allem eins können müssen: möglichst gut betrügen." Spätestens seit Jaksches Geständnis ist klar, wie groß der Betrug war.

Das Jaksche-Interview zum Doping im deutschen Radsport lesen Sie in der neuen Ausgabe des SPIEGEL

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Seite 1
nanouc 27.05.2007
1. leistungssport
Ich hatte das schon mal in einem anderen thread thematisiert. Leistungssport ist dem rock n' roll näher als der ohrenbeichte. Den sauberen ehrlichen sport gibt es nicht. Siehe Mühlegg, Baumann, Ulrich usw usf. Die liste ist endlos. Warum also einer heeren idee nachhängen. Beim popstar regt sich doch kaum noch einer auf, wenn er mal mit koks , h, amphys oder eine minderjährigen erwischt wird. Warum soll der leistungssport anders sein? Also sollte jeder, der leistungssport betreibt mit dem generalverdacht des dopings leben. Dann kann es auch nicht zu solchen szenen wie bei Aldag und Ete kommen. Keine sportförderung durch den staat und wir sparen noch eine menge geld für die ausrichtung von olympia, wm und sonstigen großereignissen. Soll doch dann ein sponsor über pay tv die unterhaltung zahlen. Wie übrigens jetzt schon bei der championsleague.
Stefanie Bach, 27.05.2007
2. Wettbewerb
Zitat von nanoucIch hatte das schon mal in einem anderen thread thematisiert. Leistungssport ist dem rock n' roll näher als der ohrenbeichte. Den sauberen ehrlichen sport gibt es nicht. Siehe Mühlegg, Baumann, Ulrich usw usf. Die liste ist endlos. Warum also einer heeren idee nachhängen. Beim popstar regt sich doch kaum noch einer auf, wenn er mal mit koks , h, amphys oder eine minderjährigen erwischt wird. Warum soll der leistungssport anders sein? Also sollte jeder, der leistungssport betreibt mit dem generalverdacht des dopings leben. Dann kann es auch nicht zu solchen szenen wie bei Aldag und Ete kommen. Keine sportförderung durch den staat und wir sparen noch eine menge geld für die ausrichtung von olympia, wm und sonstigen großereignissen. Soll doch dann ein sponsor über pay tv die unterhaltung zahlen. Wie übrigens jetzt schon bei der championsleague.
Wir diskutieren hier doch nur Symptome einer kulturellen Frage: Sind wir in der Lage, geregelten Wettbewerb zu organisieren und zu praktizieren? Der geregelte Wettbewerb wird durch Doping und Dumping bedroht. Beides sind Angriffe auf die Bedingungen eines geregelten, gerechten Wettbewerbs. Vielleicht hat Ulrich gedopt, wir wissen es nicht, was wir wissen ist, dass die SPD-Fraktion Mitarbeiter zu Dumping-Löhnen beschäftigt, hierher gehört der Schwerpunkt der Aufregeung. Widerspruch! Wir müssen als Gesellschaft die Frage klären, ob wir bereit sind, den Bedingungen eines fairen, geregelten Wettbewerbs zu entsprechen. Der Sport ist nur ein (kleiner) Bereich. Ihn alleine aufzuräumen ist zu wenig. Politik und Wirtschaft gehören ins Zentrum. Stefanie Bach Magazin Deutsch (http://www.magazin.institut1.de/)
Seifert 27.05.2007
3. Doping-Sumpf
Würde Doping zum Offizialdelikt erklärt -also jede Form der Leistungssteigerung durch Manipulation unter Strafe gestellt-ginge zwar im internationalen Sport das Licht aus,es bestünde aber die Chance,dass der Sport insgesamt sauberer würde. Leider bleibt das wohl Utopie,wie ja wohl auch der Amateurstatus Großvaters Art schon längst zu Grabe getragen wurde und damit dem Doping massiven Ausmaßes international der Weg bereitet wurde. Ich befürchte,das keine Sportart(nicht mal Angeln oder "Taubensport")ohne Dope auskommt. Bliebe noch die Freigabe:aber soll man sie wirklich schlucken +spritzen lassen,was das Zeug hält? Schade,Tom Simpsom war ein frühes Zeichen,aber begreifen wollte es keiner!!
Iggy Rock, 27.05.2007
4.
Beides könnte dem Sport helfen, Amnestie und für diejenigen die da nicht mitmachen bzw. für diejenigen die es weiter betreiben härteste Strafen. Mit der Amnestie könnte man erst einmal für die Aufklärung sorgen und mit harten Strafen, jegliches Doping auf Dauer unterbinden. Die jetzigen Sperrungen oder Geldstrafen sind viel zu lasch. Wie wäre es wenn jeder teilnehmende Sportler vor einem Wettkampf einen Vertrag unterschreiben muss der beinhaltet das ihm, bei nachgewiesenem Doping, nicht nur eine 5-10 jährige Sperre droht, sondern er 80-90% seiner finanziellen Einnahmen (vor allem die durch Werbeverträge), aufgrund möglicher Erfolge unter Dopingeinfluss, der Antidopingforschung und evtl. noch humanitärer Hilfe zur verfügung stellen muss? Das würde richtig wehtun und schnellstens zum umdenken führen. Ebenso müsste man Anreize schaffen das Beteiligte schneller und auch überzeugter auspacken, wenn sie etwas wissen. Das man erst nach einer Karriere als Betreuer im Sport plötzlich auf die Idee kommt mal Klartext zu reden und es der öffentlichkeit mitzuteilen ist zu spät.
Pinarello, 27.05.2007
5. Wenn schon, dann aber alle aufzählen!
Zitat von sysopSchwimmen, Wintersport, Leichathletik: Das Thema Doping könnte nach dem Ruf des Radsports auch andere Sportarten ramponieren. Wie kann man den Doping-Sumpf austrocknen? Helfen härtere Strafen oder Amnestie?
Sie bauchen das Thema Doping gar nicht auf den Sport zu begrenzen sondern gleich auf die ganze Gesellschaft beziehen. Also, Nikotin, Kokain, Alkohol, Amphetamine, Ecstasy und "Angstnehmer" schon bei den Schulkindern, der Sport ist nur Teil eines Problemes, das die gesamte Gesellschaft betrifft, was aber automatisch das ERgebnis ist, wenn nur Leistung zählt und per Konkurrenzkampf gnadenlos ausgesiebt wird, siehe Bayern mit seinen Schülern, aber der 4. Klasse, also etwa 10 Lebensjahren wird bereits das gesamte spätere Leben geregelt, wer später mal oben ist oder unten den Bodensatz bildet. Bevor wir hier über Berufssportler urteilen, die wissen ja schließlich was sie machen, fangen wir doch erstmal bei den Kindern im Schulalter an, denn die wissen nicht was mit ihnen gemacht wird.
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