Jaksches Dopingbekenntnis Das Geständnis von "Bella"

Leugnen, schweigen, lügen: Lange hat sich Jörg Jaksche an die Gebote des Profi-Radsports gehalten, auch als die Beweislast gegen ihn immer größer wurde. Nun hat er in einem SPIEGEL-Interview jahrelanges Doping gestanden - und deckt die Mechanismen der Branche auf.


Hamburg - Über ein Jahr lang hat Jörg Jaksche geschwiegen. Damals, vor der Tour 2006, waren spanische Ermittlungsbehörden dem spanischen Mediziner Eufemiano Fuentes auf die Schliche gekommen, der in großem Stil Radprofis mit Dopingmitteln versorgte und zudem Eigenblutdoping vornahm. Auch Jaksches Name soll - verschlüsselt als "Bella", der Name seines Hundes - immer wieder auf den Kunden-Listen von Fuentes aufgetaucht sein. Doch der 30-Jährige schwieg erstmal zu den Vorwürfen, er stritt alles ab, wie die anderen Verdächtigen. Nein, er kenne Fuentes nicht und habe auch nicht gedopt.

Nun packt er im SPIEGEL-Interview sowie am Sonntag bei SPIEGEL TV (21.50 Uhr, RTL) aus. Jaksche bestätigt, dass er "Bella" gewesen sei in den Kunden-Listen von Fuentes. Er sei bereits in seiner ersten Profi-Saison 1997 vom damaligen Chef des Polti-Teams, Jean-Luigi Stanga, zum Doping gebracht worden. "Stanga sagte, er wolle jetzt anfangen mit der Behandlung. Er wollte herausfinden, was bei mir wirkt", so Jaksche. Stanga, heute Teamchef beim Zabel-Rennstall Milram, bezeichnete die Vorwürfe als "absurd". Vor der Tour de Suisse 1997 nimmt Jaksche erstmals Epo, nach und nach gewöhnt er sich an die Einnahme der Mittel. Ein Unrechtsbewusstsein herrsche nicht in der Szene, so Jaksche: "Es ist pervers, aber das Doping-System ist gerecht, weil alle dopen. Radsport ohne Doping ist nur gerecht, wenn wirklich niemand mehr dopt."

Vor der Tour 1998 kam es zum sogenannten "Festina-Skandal": Ein Betreuer des Teams wurde von der Polizei mit einem Auto voll Dopingmitteln erwischt. Es gab Razzien, die Angst vor der Polizei führte im Fahrerfeld zu skurrilen Situationen. Jaksche: "Ich fragte Jens Voigt, der damals für die französische Gan-Mannschaft fuhr, was sein Team denn nun mache. Voigt sagte: Einer hat bei uns vorgeschlagen, alles entlang der Strecke zu vergraben und nach der Tour abzuholen. Wie die Kleinganoven haben wir uns damals verhalten." Voigt, Sprecher der Vereinigung der Radprofis und Fahrer im CSC-Team von Bjarne Riis, streitet immer noch ab, jemals etwas mit Doping zu tun gehabt zu haben.

Die guten Leistungen - auch dank Epo-Unterstützung - brachten Jaksche einen Vertrag beim Team Telekom ein. Auch dort konnte er sich weiter auf medizinische Hilfe verlassen. Teamchef Walter Godefroot sei eingeweiht gewesen. "Die Mannschaftsleitung wusste alles. Es war ein fest installiertes System", so Jaksche. "Godefroot ging es nicht darum auszuschließen, dass jemand dopt, sondern dass er ungeschickt dopt."

Oder so ungeschickt ist, gar nicht zu dopen. Vor der Tour de France 1999 hatte Jaksche aus Furcht vor Razzien und Kontrollen Doping abgesetzt. Und kam als 80. in Paris an. Seine Hilflosigkeit beschreibt er so: "Du hoffst von Tag zu Tag, dass das Tempo langsamer wird. Du musst dich mehr anstrengen, und du erholst dich schlechter. Ich konnte nirgends mithalten und kam mir komplett überflüssig vor. Zum Schluss hatte ich Angst, sogar auf einer Eisenbahnbrücke abgehängt zu werden."

Schon im September vergangenen Jahres nahm der SPIEGEL-Redakteur Detlef Hacke Kontakt mit Jaschke auf: Ob man sich nicht einmal im Detail über die Verwicklung des deutschen Radprofis in die Fuentes-Affäre unterhalten könne. Hacke kannte Jaksche von seiner Begleitung der Tour de France und hatte ihn in den Wochen zuvor mehrmals mit Informationen konfrontiert, die aus den Ermittlungen spanischer Fahnder bekannt geworden war. Hacke hielt Kontakt zu Jaksche, und in den Telefongesprächen lüftete Jaksche sein Dopinggeheimnis immer ein klein wenig mehr.

Schließlich ging die Doping-Laufbahn von Jaksche auch in seinen anderen Rennställen weiter: Nach seinem Ausstieg bei Team Telekom fuhr er für Once, das CSC-Team mit Teamchef Bjarne Riis und schließlich das Team Liberty Seguros. Die Kontrollen wurden verschärft, Epo war immer leichter nachweisbar, so suchten die Radprofis nach anderen Beschleunigern. Im Jahre 2005 kam Jaksche erstmals mit Fuentes zusammen. "Das ist nicht so ein spanischer Metzger", sagt Jaksche im SPIEGEL, "er hat was Geniales an sich, auch wenn er manchmal ein bisschen durchknallt. Das ist so einer, der fährt auch mal bei Rot über die Ampel, um zu sehen, was passiert."

Jaksche wird Kunde bei Fuentes und praktiziert dort Eigenblut-Doping, eine fast vergessene Methode der Leistungssteigerung. Dabei wird dem Sportler das eigene Blut abgenommen, die Blutkonserve konzentrierter roter Blutkörperchen wird ihm Wochen später vor dem Wettkampf wieder zugeführt. Vorteil: Eigenblutdoping ist bislang nicht nachweisbar.

Kurz vor der Tour 2006 fliegt Fuentes auf. Eine Liste mit seinen Kunden gerät in die Hände der spanischen Ermittler. Trotz der Verschlüsselungen wird bekannt: Ullrich soll draufstehen, auch Basso, Jaksche und viele andere Fahrer seines Teams Liberty Seguros. "Mich hat mehr überrascht, wer alles nicht draufsteht - bei all dem Wissen, das jetzt bekannt ist", sagt Jaksche. "Es gibt auch unterschiedliche Versionen dieser Liste, plötzlich fehlen Namen. Da hat es eine Selektion gegeben."

Jaksche ist nach den Enthüllungen zunächst arbeitslos. Als er Anfang des Jahres ein neues Engagement beim zweitklassigen italienisch-russischen Team Tinkoff erhält, hat sich sein Interesse, seine Dopingvergangenheit preiszugeben, zunächst verflüchtigt. Doch schnell wird ihm klar gemacht, dass er als Kunde von Funtes im Radsport unerwünscht ist. Er ist nicht gesperrt, aber erst recht nicht frei. Er wird praktisch kalt gestellt.

Jaksche hofft auf eine kurze Sperre

Anfang Mai trafen sich die SPIEGEL-Redakteure Detlef Hacke und Udo Ludwig mit dem Profi in Lucca, dem Zuhause von Jaksche in der Toskana. Der Radfahrer erzählte viel über die Systematik und den Zwang zum Dopen, und er sagte, dass endlich jemand die Öffentlichkeit aufklären müsse, um den Sport zu retten. Das größte Problem seien die Sportlichen Leiter der Teams, die fast alle früher selbst Radfahrer gewesen seien und damit eine Dopingmentalität besäßen. Er selbst würde ja alles gestehen, aber er sei jetzt 30 Jahre alt, und er wolle noch nicht aufhören, sondern weiter Rennen fahren.

Als sich die SPIEGEL-Redakteure zehn Tage später in Lucca erneut mit Jaksche trafen, liefen die Bänder fünf Stunden lang. Die Redakteure konnten auch ein Fax des Wada-Präsidenten Richard Pound mitbringen, der ausdrücklich bestätigte, dass für solche Fälle wie Jaksche der Kronzeugen-Paragraf geschaffen worden sei. Danach käme der Profi mit einer kurzen Sperre davon. Jaksche erzählte an diesem Tag detailliert, welche Dopingerlebnisse er in zehn Jahren als Radprofi hatte.

Ob er weiter dopen würde, wenn er nicht auf der Fuentes-Liste gestanden hätte?

"Ich würde es wahrscheinlich tun, so egoistisch bin ich schon", sagte Jaksche.

bri



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Seite 1
misha77 24.05.2007
1.
Zitat von sysopDie Liste der Doping-Geständnisse im deutschen Radsport wird immer länger. Wie stark schadet dies seiner Popularität? Ist die Glaubwürdigkeit dauerhaft beschädigt?
Das einzig positive ist, das endlich damit aufgehört wird, das Sport immer sauber und fair sei. Sicherlich ist die Glaubwürdigkeit beschädigt, ich denke für Sport im Leistungskontext ist dies aber sinnvoll.
Andree Barthel 24.05.2007
2.
Wird Ullrich sein „Tour de France“ Sieg nun los? Wundern würde ich mich nicht, sollte die Tourleitung beschließen, aufgrund der Geständnisse der Ärzte, Doping verwendet zu haben, Ullrich aus den Tourannalen zu streichen. Das wäre wirklich der Treppenwitz des Jahrhunderts – Amstrong, von dem alle überzeugt sind, dass er gedopt habe, zudem jeden, der so etwas behauptet, verklagen lässt, gilt weiterhin als völlig unbescholten, während in Deutschland sich ehemalige Radfahrer massenhaft als Dopingsünder outen, womit die Leistung Ullrichs, seines schärfsten Konkurrenten, weiter herabgewürdigt wird. Ich glaube nicht, dass damit eine weltweite Enthüllungswelle ausgelöst werden kann, denn die anderen Fahrer werden sich hüten, sich selbst zu belasten. Und ist es nicht so, dass niemand so genau wissen will, warum die Fahrer so schnell die Berge hochkamen? Reicht es nicht, dass wir uns denken können, dass damals kräftig manipuliert wurde? Das heißt nicht, dass alles wie bisher weitergehen soll, ganz und gar nicht. Doping soll und muss bestraft werden, unverständlich ist nur, warum Deutschland sich anschickt, „brutalstmögliche Aufklärung“, wie Herr Koch sich auszudrücken pflegt, betreiben zu wollen. Ausgerechnet Beckmann, den niemand sich bis letzten Montag als Enthüllungsjournalisten vorstellen konnte, bringt alles ans Tageslicht. Nein, hier geht es nicht um Aufklärung, sondern um einen Radikalschnitt, ohne den es keine neuen Helden für ARD und ZDF gibt. Der Dopinggeruch muss weg, denn mit ihm lässt sich der Radsport nicht vermarkten, jedenfalls nicht hier. Jetzt besteht die Chance, mit jungen Leuten sich ein neues Image aufzubauen. Die Altstars müssen nur daran glauben, was aber nicht ganz korrekt ist, da es so aussieht, als ob Aldag und Henn ihren Kopf gerettet hätten. Nur Ullrich, der an einer Aufklärung das geringste Interesse hat, wird daran glauben müssen. Bölts, der immer bei der ARD den Saubermann gab und schnell dabei war, über Ullrich herzuziehen, hat nun auch da mitgemacht - umso authentischer seine Analysen bei der nächsten Tour.
fusbalsau, 24.05.2007
3.
Der Radsport mit seinem Aushängeschild Tour de France ist doch schon lange k.o. Mittlerweile kann man eher sagen, wenn sowieso alle gedopt sind, ist es ja wieder fairer Wettkampf. Insofern hat der Radsport eher an Glaubwürdigkeit gewonnen, wenn jetzt ein paar als integer geltende Radrentner wie Böltz, Aldag, Henn (und Zabel?) ihre Sünden gestehen. Ich bin auf die Mutantenolympiade in Peking gespannt. Es wird soweit kommen, dass niemand mehr wissen will, wer nu gedopt hat und wer nicht. Vieleicht will dann aber auch keiner mehr wissen, wer gewinnt. Tut mir leid für die sauberen Sportler, aber sobald es um große Titel und Geld geht, ist Misstrauen angesagt, sei es Radsport, Leichtathletik, Schwimmen, Gewichtheben oder was auch immer - die Chance, dass der Gewinner am Ende gedopt war, ist viel zu groß. Ich als Konsument kann da nicht mehr genug Gefühle aufbringen, so dass da irgendwie Spannung entstehen könnte. Es ist pervers, aber je weniger Zuschauer eine Sportart hat, desto weniger Geld fließt und desto größer ist die Chance, dass sich ein sauberer Sportler durchsetzt. Für Peking vertraue ich daher z.B. auf die Kanuten, evtl die Tontaubenschützen;) Also zur Frage nochmal: Der Profiradsport ist so tot, der stinkt. Der Amteurradsport natürlich nicht.
steh-fan, 24.05.2007
4. differenzierter sehen
welcher Radsport? Es betrifft doch lediglich Straßenrennen. Es gibt doch andere, viel spannendere und abwechslungsreichere Radsportarten, die ebenfalls olympisch sind, wie z.B. Mountain Biken. In dem Bereich hat es bislang keine grösseren Doping-Affären gegeben und vielleicht bekommt dieser Radsport nun mal die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die er verdient.
bartsan1, 24.05.2007
5. Wen interessiert das eigentlich?
Meine Güte, das ist doch so unwichtig, warum bauschen wir das ncoh auf. Hat denn irgendein Naivling wirklich geglaubt, diese Tapen auf den Rädern dopen nicht? Vergessen wir doch einfach den Zirkus und legen den Radsport dort ab, wo er hingehört, in die Versenkung.
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