Triathlon-Star Frodeno über seinen Sport "Vielleicht muss man eine Art Meise haben"

Das Trainingspensum von Triathlon-Star Jan Frodeno ist gewaltig, allein auf dem Rad legt er 600 Kilometer pro Woche zurück. Hier erklärt der Ironman-Weltmeister, wie er Schmerzen verdrängt.

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Ein Interview von


Zur Person
  • Felix Rüdiger
    Jan Frodeno, geboren 1981 in Köln, ist einer der erfolgreichsten deutschen Triathleten. Er gewann 2015 und 2016 den Ironman auf Hawaii und wurde 2008 Olympiasieger. Am 15. Oktober 2017 wollte Frodeno auf Hawaii erneut siegen, stand kurz vor der Aufgabe. Es gewann Patrick Lange in Rekordzeit (8:01:39 Stunden). Frodeno ist mit der dreifachen Triathlon-Weltmeisterin Emma Snowsill verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt wechselnd in Australien und Spanien.

SPIEGEL ONLINE: Herr Frodeno, beim Ironman auf Hawaii im vergangenen Jahr haben Sie sich mit Schmerzen auf der Laufstrecke ins Ziel gekämpft. Sie kamen dort über eine Stunde hinter Ihrer Bestzeit an. Viele hätten aufgegeben. (Lesen Sie hier das Schmerzensprotokoll von Frodenos Rennen auf Hawaii.)

Frodeno: Natürlich war mir inzwischen klar, dass ich meine Titelverteidigung verpassen würde. Das fühlt sich schrecklich an, ich verliere nicht gern, schon als Kind fielen mir Niederlagen sehr schwer. Aufgeben war aber keine Alternative. Ich wollte mein Rennen zu Ende bringen, ins Ziel kommen - das habe ich geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Der Gewinner Patrick Lange war da schon längst im Ziel. Trotzdem wurden Sie wie der Sieger gefeiert. Wie hat sich das angefühlt?

Frodeno: Es war komisch, dafür gelobt zu werden. Ich glaube, es sagt auch etwas über das Bild des Profisportlers aus. Viele denken, Athleten geben bereits beim ersten Widerstand auf. Mein Biss war vielleicht für viele sehr erfrischend.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren in Ihrer Jugend Rettungsschwimmer und sind so zum Leistungssport gekommen. Muss man Sie in Momenten wie auf Hawaii vielleicht auch mal vor sich selbst retten und vom Weiterlaufen abhalten?

Frodeno: Das haben viele versucht. Am Ende kann ich aber nur mein eigener Retter sein. Ich muss auf meinen Körper hören und entscheiden, kann ich weitermachen - oder kann ich nicht? Ich glaube, das gilt nicht nur für den Leistungssport. Jeder muss in der Lage sein, sich selbst retten zu können.

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Buch geschrieben. Darin sagen Sie, man muss sich Schmerzen schönreden, um Erfolg zu haben. Wie soll das funktionieren?

Frodeno: Ich arbeite mit positiven Bildern, die ich mir vor Augen rufe. Mein stärkstes Bild im Kopf ist eine startende Rakete, die langsam abhebt und mit Wucht zum Himmel schießt. Diese Vorstellung empfinde ich als extrem stark, sie treibt mich an. Die Kunst beim Ironman ist, diese motivierenden Bilder über Stunden zu erzeugen, um so den inneren Dialog mit sich positiv zu halten. Dann kann man auch die Schmerzen ausblenden.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Kopf stärker als Ihr Körper?

Frodeno: Inzwischen ist er das mit Sicherheit. Diese mentale Stärke habe ich mir durch einen jahrelangen Prozess angeeignet. Der Kopf ist vergleichbar mit einem Muskel, der immer neue Herausforderungen auf hohem Niveau benötigt, der konditioniert werden muss. Beim Ironman gehen all meine Konkurrenten mit einem austrainierten Körper an den Start. Deswegen brauche ich zusätzlich einen ausgeruhten und starken Kopf, er kann über den Sieg in einem Wettkampf entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das auf eine andere Sportart übertragen? Das jüngste Ausscheiden von Bayern München gegen Real Madrid im Champions-League-Halbfinale gilt als bitter. Allerdings war es das fünfte Aus der Münchner gegen eine spanische Mannschaft in Folge. Ist dieses Scheitern vielleicht ein Ausdruck mentaler Schwäche?

Frodeno: Ich würde diesen Vergleich umdrehen. Real Madrid steht wegen seiner mentalen Stärke zum dritten Mal hintereinander im Finale der Champions League. Das ist eine großartige Leistung, die auch ein Alphatier wie Cristiano Ronaldo ermöglicht. Jeder im Team weiß, auf ihn ist Verlass, er ist der Anker. So ein außergewöhnlicher Spieler wie Ronaldo kann eine Mannschaft bis an die äußerste Leistungsgrenze führen.

SPIEGEL ONLINE: Familie, Trainingspartner, Physiotherapeut, Manager - Sie spielen in gewisser Weise auch als Einzelsportler in einer Mannschaft. Wer ist in Ihrem Team dieser Anker?

Frodeno: Ich. Es ist ganz einfach: Wenn es mir gut geht, geht es allen gut. Meine Mannschaft ist wichtig, jeder kennt seine Aufgabe und gibt alles für den Erfolg. Aber man merkt schon sehr stark, dass mit meiner physischen und mentalen Verfassung mein Team steht und fällt.

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Jan Frodeno: Hauptsache ins Ziel kommen

SPIEGEL ONLINE: Sie fahren wöchentlich 600 Kilometer Rad, laufen über 110 und schwimmen 25 Kilometer. Dazu gibt es drei Einheiten im Kraftraum, Ihr täglicher Kalorienbedarf liegt bei 10.000. Das klingt nach Wahnsinn.

Frodeno: Für mich ist das ein ganz stabiler Wochenplan.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Frodeno: Sie müssen das im Verhältnis sehen: Wenn ein Amateur mit diesem Trainingsplan von null starten würde, dann wäre das Wahnsinn. Aber ich bin mittlerweile seit 17 Jahren Profi, habe viele Wettkämpfe bestritten und bin mit den Herausforderungen gewachsen. Vielleicht muss man für meinen Sport aber so etwas wie eine Meise haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind süchtig.

Frodeno: Ich glaube, man kann wirklich von einer Sportsucht bei mir sprechen. Auch in einer trainingsarmen Zeit nach schweren Wettkämpfen muss ich raus, ich muss mich bewegen. Wenn es am Ende nur 20 Minuten sind - auch okay. Ich brauche das, um mich in Schwung zu bringen, damit mir das Frühstück besser schmeckt. Damit ich Mensch bin.

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SPIEGEL ONLINE: Sie sind 36 Jahre alt und wurden 2008 im Triathlon Olympiasieger. Den Ironman auf Hawaii haben Sie zweimal gewonnen, die Ironman-Weltbestzeit von 7:35:39 Stunden halten Sie seit knapp zwei Jahren. Mal ehrlich: Was treibt Sie noch an?

Frodeno: Mein Traum ist es, ganz oben auszusteigen. Diesen Wunsch hat wahrscheinlich jeder Sportler. Seit 2017 hat sich dieser bei mir noch gefestigt: Ich will dieses Jahr auf Hawaii wieder Weltmeister werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum erscheint Ihr Buch schon jetzt?

Jan Frodeno: Die Pläne dafür gab es schon länger. Allerdings war ich anfangs nicht überzeugt, was den Inhalt betrifft und so passte der Zeitpunkt der Veröffentlichung lange nicht. Dann kam mein Desaster beim Ironman auf Hawaii, und ich dachte: "Jetzt funktioniert es."

SPIEGEL ONLINE: Sie zitieren in Ihrem Buch Ihren Vater, der sagt: "If it's not happy, it's not the end." Wäre der WM-Titel 2018 dieses Happy End?

Frodeno: Das wäre für diesen Abschnitt meiner Karriere mit Sicherheit ein Happy End. Mein Karriereende müsste das aber nicht sein. Ich werde dieses Ende nicht von Resultaten abhängig machen, sondern vom Spaß. Und der ist aktuell noch richtig groß.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Marhaus 14.05.2018
1. Die Meise heisst Masochismus
Es gibt Menschen, die sich selbst gerne quälen und gequält werden. Zum Anfang der Trainingswoche geht es erst einmal ins Bordell, um sich von einer Domina flagellieren zu lassen.
norgejenta 14.05.2018
2. Eine Meise hat er ..
mit Sicherheit, aber die braucht man auch um so was zu machen. Der Mann verdient damit sein Geld und trainiert dementsprechend. Das ist natürlich schon was anderes als unsere Fussballer, die überbezahlt, dann schnell mal "übertrainiert " sind. Die meisten können sich das eben nicht vorstellen und der deutsche Durchschnittssportler geht halt zweimal die Woche in Fitnessstudio, hauptsächlich zum ratschen, und wundert sich dann, wenn er keine Erfolge hat. Im übrigen muss man kein Profitriathlet sein um dieses Pensum zu leisten. Ich kenne einige in meinem Bekanntenkreis die sich auf einen vollen Triathlon vorbereiten und die trainieren dann eben frühmorgens und in der Nacht, neben ihrem Berufsleben. Hab selber auch jahrelang Skibergsteigen gemacht auch für Wettkämpfe, dann geht man dann eben im dunkeln mit Stirnlampe auf die Piste und rennt rauf und runter.. Wenns Spass macht:)
butch_triathlet 15.05.2018
3. Solange die Gesundheit mitspielt
Meine absolute Hochachtung vor diesem Pensum. War selbst jahrelang Triathlet incl. Langdistanz. Ich weiß noch, wie ich damals ins Ziel kam und dachte: gar nicht so schlimm. Könnte ich öfters machen. Aber man kennt ja Murphy's Gesetz. Man bewegt sich auf einem anderen Level, der für Normalos schwer nachzuvollziehen ist. Ich finde es allerdings sehr erstaunlich, dass sein Körper das über soviele Jahre in der Form so mitmacht. Hoffentlich muss er das nicht irgendwann bereuen. Er hat wahrscheinlich noch mehr Jahre ohne Triathlon vor sich als mit.
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