Ehemaliger Radsport-Star Der tiefe Fall des Jan Ullrich

Alkoholexzesse, Skandale - und jetzt gar der Tatvorwurf des versuchten Totschlags: Deutschlands einstiger Radsport-Held Jan Ullrich befindet sich privat in einer schweren Krise. Chronologie eines Absturzes.

Jan Ullrich (r.)
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Es gibt nur wenige Menschen, denen man nachsagt, sie hätten in ihrem Land für einen regelrechten Sportboom gesorgt. Michael Schumacher war so einer. Der Rekord-Weltmeister verschaffte der Formel 1 hierzulande in den Neunzigerjahren eine unglaubliche Popularität. Gleiches gilt für Boris Becker, der das Publikum mit seinen Triumphen in Wimbledon vor den Bildschirmen begeisterte und für den Tennissport warb. Und da ist noch jemand: Jan Ullrich.

Der Radsport-Profi lieferte sich in den Pyrenäen und Alpen große Duelle mit den Legenden seines Sports. Ob Marco Pantani, Bjarne Riis oder Richard Virenque - sie alle mussten mit ansehen, wie Ullrich ihnen in den Bergen Spaniens, Andorras und Frankreichs davonfuhr und 1997 als erster Deutscher überhaupt die Tour de France gewann - mit 9:04 Minuten Vorsprung. Im Alter von 23 Jahren war der Rostocker auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn angekommen.

Doch es folgten Rückschläge. Erst kleinere sportliche, dann immer größere - vor allem private.

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Jan Ullrich: Der Absturz

Eine Chronologie des Scheiterns

2002 verursacht Ullrich unter Alkoholeinfluss einen Autounfall und begeht Fahrerflucht. 2006 endet seine Karriere, nachdem sein Name auf der Kundenliste des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes aufgetaucht war. Der Name des Olympiasiegers von Sydney wird bei Medien, Sponsoren und Veranstaltern plötzlich geächtet. 2010 muss er sich behandeln lassen: Burn-out. 2014 kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon, nachdem er mit 1,8 Promille zwei Autos in der Schweiz gerammt hatte.

Doch damit nicht genug: Ullrichs Ehe zerbricht, seine Ex-Frau lässt ihn alleine in seinem Haus auf Mallorca zurück. Im Juli wird er unter Alkoholeinfluss in Polizeigewahrsam genommen, nachdem er auf das Nachbar-Grundstück von TV-Star Til Schweiger eingedrungen war. Er habe Sachen gemacht und genommen, die er sehr bereue, sagte Ullrich später der "Bild"-Zeitung.

Ullrich gelobt Besserung, kündigt einen Neuanfang und eine Therapie in Deutschland aus Liebe zu seinen Kindern an.

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Nach Deutschland ist er tatsächlich zurückgekehrt, doch schon am vergangenen Freitag kommt es zum nächsten Skandal. Der 44-Jährige wird in einem Frankfurter Hotel "nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung" vorläufig festgenommen. Nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft geht es um den Tatvorwurf des versuchten Totschlags oder der gefährlichen Körperverletzung.

Ullrich wird in Psychiatrie von Experten beobachtet

Der Hotelgast sei "mit einer bei ihm weilenden Escort-Dame in Streit geraten", hieß es in der Mitteilung. Er soll die Frau "körperlich attackiert und verletzt haben". Das Opfer sei verletzt worden und habe medizinisch versorgt werden müssen. Laut Staatsanwaltschaft soll er die Frau so gewürgt haben, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Von Ullrich selbst gab es noch keine Stellungnahme.

Es kursieren Bilder, die Ullrich rauchend zeigen: mit drei Zigaretten gleichzeitig. Mittlerweile befindet sich der Tour-Sieger von 1997 in einer Psychiatrie, wo er von Experten beobachtet werden muss. Aufgrund des "seelischen und körperlichen Zustands" des 44-Jährigen habe es keine andere Wahl gegeben, sagte eine Polizeisprecherin in Frankfurt am Main. Wie lange Ullrich in der Klinik bleibt, war zunächst unklar.

Heute, knapp 21 Jahre nach seiner Triumphfahrt auf den Champs Élysees, bleibt nicht mehr viel vom Vermächtnis des einstigen Radsport-Helden.

Mit Material von dpa und AFP



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