Jan Ullrich "Den Anblick meines Fahrrads konnte ich kaum ertragen"

Von ganz oben nach ziemlich weit unten - Jan Ullrich fiel tief. Jetzt spricht der ehemalige Radsport-Star über sein Leben nach dem Dopingskandal und erklärt, warum er Respekt vor einer Haftstrafe hat.

higoldy

Ein Interview von


Geboren im Dezember 1973, erster deutscher Sieger bei der Tour de France 1997, verurteilter Dopingsünder 2012: Das ist das Leben von Jan Ullrich im Schnelldurchlauf.

Der gefeierte Held wurde in Deutschland zum Symbol des Dopingproblems. Auch als Privatmann machte Ullrich nach seinen großen Erfolgen vor allem Negativschlagzeilen, etwa als er im Frühjahr 2002 betrunken einen Autounfall verursachte. Im Mai 2014 rammte Ullrich in seiner Wahlheimat Schweiz mit 1,85 Promille Alkohol im Blut und überhöhter Geschwindigkeit erneut zwei Autos. Der Fall wird derzeit neu aufgerollt, Ullrich droht eine Gefängnisstrafe.

Seit 14 Jahren lebt Ullrich mit seiner Familie am Schweizer Ufer des Bodensees, sein Geld verdient er als Organisator von Rennrad-Camps und Radreisen. Am Dienstagabend zeigte das ZDF in der Dokumentationsreihe "37 Grad" einen Film mit den Höhen und Tiefen seines Lebens. Titel: "Für mich gab's keine Grenzen".

SPIEGEL ONLINE: Herr Ullrich, sind Sie ein Gescheiterter?

Ullrich: Ganz und gar nicht. Darum geht es in dem Film auch nicht, also nicht nur. Es gab bei mir natürlich den Punkt, an dem ich ganz unten war. Aber dann ging es bergauf, ich habe mich wieder hochgekämpft.

SPIEGEL ONLINE: Der Zusammenbruch des Dopingsystems in Ihrem Rennstall Team Telekom und Ihr späteres Dopinggeständnis, inklusive Sperre durch den Weltverband. Als Sportler war Ihre Karriere vorbei.

Ullrich: Nach dem Aus ging es mir wirklich schlecht. Vor allem, als das Urteil noch ausstand und ich warten musste. Bis alles vorbei war, hat es noch vier, fünf, sechs Jahre gedauert.

SPIEGEL ONLINE: Letztlich war das die Konsequenz aus Ihren Fehlern.

Ullrich: Ich weiß, und mit Konsequenzen und Strafen kann ich gut leben. Ich stehe zu allen Fehlern, die ich in meinem Leben gemacht habe. Für mich ist es nur wichtig, dass ich in solchen Phasen ein Ende vor Augen habe. Ich brauche eine Ziellinie. Das war schon als Radprofi so, sonst hätte ich in meiner aktiven Zeit nicht 40.000 Kilometer im Jahr auf dem Rad abspulen können oder mich mit über 100 Stundenkilometern auf den dünnen Reifen in die Abfahrt gestürzt. Diese Einstellung hat sich nicht geändert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich geändert?

Ullrich: Ich will immer noch mit Fehlern schnell abschließen. Derzeit läuft ja noch ein Prozess, das Urteil steht aus. Ich habe großen Respekt vor einer Haftstrafe, ich will das alles nur schnell hinter mich bringen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist heute Ihr Ersatz für den Radsport und seine Extreme?

Ullrich: Man muss dazu sagen, dass ich wieder zwischen 10.000 und 13.000 Kilometer im Jahr fahre, ich betreibe den Radsport also schon noch. Inzwischen stürze ich mich aber auch in neue Hobbys. Skifahren zum Beispiel, oder Bergsteigen - ich würde gerne mal auf den Mount Everest kraxeln. Aber insgesamt lebe ich diese extreme Seite viel seltener aus, meine Frau passt da auch gut auf.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn nicht gut auf sich selbst aufpassen?

Ullrich: Inzwischen schon. Ich musste lernen, was mir hilft und was nicht. Dass es zum Beispiel keine Schwäche ist, Hilfe von Familie und Freunden anzunehmen. Früher war ich immer der Einzelkämpfer.

SPIEGEL ONLINE: Was musste der Privatmann Ullrich noch lernen?

Ullrich: Ich weiß jetzt zum Beispiel, wie wichtig für mich ist, dass Körper und Geist in Einklang sind. Als Profisportler konnte ich viele Probleme einfach rausstrampeln. Inzwischen mache ich das wieder, fahre fast jeden Tag ein paar Stunden. Aber eine Zeit lang ging das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nicht?

Ullrich: Mit meinem Karriereende habe ich auf einen Schlag aufgehört, Sport zu treiben. Von 40.000 Kilometern auf null. Vier Jahre lang habe ich nichts gemacht. Aus der Liebe zum Radsport war eine Hassliebe geworden. Ich habe die Rennen noch verfolgt, aber aus einer gewissen Distanz. Den Anblick meines eigenen Fahrrads konnte ich kaum ertragen.

SPIEGEL ONLINE: Heute verdienen Sie Ihr Geld wieder im Radsport, Amateure können Sie als Experten und Tourenleiter buchen.

Ullrich: Ja, die Liebe zum Sport ist wieder da. Ich hatte Burn-out und musste auf Kur. Da habe ich dann wieder angefangen mit dem Radfahren, zwei Wochen lang, jeden Tag. Danach war ich ein anderer Mensch. Wenn ich jetzt mal zwei Tage am Stück nur im Büro war, rufe ich meinen Ex-Teamkollegen Andreas Klöden oder andere Freunde hier in der Nähe an. Dann steige ich aufs Rad und alles wird gut.


"37 Grad: Für mich gab's keine Grenzen", Dienstag, 22.15 Uhr, ZDF



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
gigi76 08.03.2016
1. weich gefallen
Ulrich hat aus seiner Profizeit trotz Doping mehrere Millionen Euro gerettet. So fahrlässig, das komplett auszugeben, ist auch ein Ulrich nicht. Faktisch muss er überhaupt nicht arbeiten. Seine Radsportstunden, die er anbietet, sind eher ein Hobby als ein geregelter Job. Kein Neid, nur Realismus.
isegrim der erste 08.03.2016
2. Gefängnis muss nicht sein -
aber lebenslanger Entzug des Führerscheins als Verkehrsrowdy und Wiederholungstäter. Schließlich wollen andere Verkehrsteilnehmer halbwegs sicher an ihr Ziel kommen.
xvxxx 08.03.2016
3. wenn ich mir den anschau...
und dann daneben die Enthüllungsartikel um Scharapowa anschau, dann muss ich sagen: Der Ulrich hätte es viel viel mehr verdient versenkt zu werden. Dem hier eine Plattform für eine mitleidheischendes Interview zu bieten, da ist mir die andere tausend mal lieber...
rompipalle 08.03.2016
4. Ich muss gestehen.....,
dass ich selber einmal sehr begeisterter Leistungssportler war -das Thema Doping war auch Gegenstand meiner Abiturprüfung im Leistungskurs. Dennoch, es kam mir nie die Idee zu dopen "ich war halt zu dumm, oder einfach zu simpel in meinem Hirn". Unsere Gegespieler, einige sind verstorben an Hoden Krebs... Oder durch Selbstmord von Folgen eine Depressionen, sie haben damals immer oder oft gewonnen; wir/ich selten, jedoch war ich immer sauber. Gut so für mich, denn ich lebe immer noch und bin nicht krank durch pharmaco. Das was Tatsache ist, wer dopt betrügt.Und wer betrügt/hat sollte keine mediale Plattform bekommen um sich darzustellen. Clemens Kisselbach
martin.brunnemann440 08.03.2016
5.
Jan Ullrich bleibt für mich ein sympathischer, großer Sportler!
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