Reaktionen auf Ullrich-Geständnis: "Zu wenig und viel zu spät"

Jan Ullrich sagt im "Focus", er habe mit Eigenblut gedopt - aber keine verbotenen Substanzen benutzt. Dopingjäger Werner Franke bezichtigt ihn nun der Lüge. Auch Radsport-Präsident Scharping und DOSB-Präsident Bach sehen das Geständnis kritisch.

Hamburg - Der frühere Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich hat Blutdoping-Behandlungen beim umstrittenen spanischen Sportmediziner Eufemiano Fuentes zugegeben. "Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen", sagte er in einem Interview mit dem "Focus". Ullrich, der im Februar 2012 bereits gestanden hatte, Kontakt zu Fuentes gehabt zu haben, behauptet laut "Focus" jedoch, keine anderen Dopingmittel als sein eigenes Blut verwendet zu haben.

Die Aussage sorgt nun für teilweise wütende Reaktionen. "Das ist ein neuer Europarekord der Lüge. Er hat ja 2006 oder 2007 in vier Sprachen geschrieben, dass er Herrn Fuentes gar nicht kenne", sagte der Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke. Ullrich habe "damals vor Gericht eine Unterlassung gegen mich erwirkt, die ich erst nach viereinhalb Jahren umdrehen konnte", so der Biologe, der dem ehemaligen Radprofi zudem vorwarf, nicht die ganze Wahrheit zu sagen.

"Jetzt wird sehr zeitnah herauskommen, dass er auch mit verbotenen Substanzen gedopt hat. Er hat andere geschädigt", sagte Franke weiter. Ullrich sei "nicht nur ein stiller Lügner, sondern er wollte, koste, was es wolle, andere sehr aggressiv zum Schweigen bringen". Das sei "eine besondere Frechheit".

Als unzureichend kritisierte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, Ullrichs Geständnis. "Es ist zu wenig und viel zu spät. Für ein wirklich glaubhaftes Geständnis hätte sich Jan Ullrich schon vor einigen Jahren umfassend erklären müssen", so Bach: "Diese Chance hat er verpasst, und selbst jetzt arbeitet er nach meinem Gefühl noch mit rhetorischen Winkelzügen. Das hilft weder ihm noch dem Radsport weiter."

"Mit der Gegenwart des Radsports nichts mehr zu tun"

Auch Rudolf Scharping reagiert reserviert auf die Aussagen des früheren Tour-de-France-Siegers. "Es ist viel zu spät, um reinen Tisch zu machen. Er hätte dem Radsport helfen können, wenn er frühzeitig und komplett reinen Tisch gemacht hätte", sagte der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR).

2007 oder 2008 wäre ein geeigneter Zeitpunkt gewesen, sagte Scharping. "Damals hätte er auch sich selbst besser helfen können. Jetzt ist es nur noch die Wiederholung von längst Bekanntem zu einem viel zu späten Zeitpunkt, aber aus seinem Munde." Generell habe Ullrich "mit der Gegenwart des Radsports nichts mehr zu tun".

Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), reagierte kritisch auf die Dopingbeichte des ehemaligen Radstars. "Er soll endlich aufhören, scheibchenweise vorzugehen, sondern er soll einen Schnitt machen", sagte Vesper: "Es ist doch auch in seinem Interesse, den Schritt so zu gehen wie Lance Armstrong." Ullrichs ehemaliger Hauptkonkurrent Armstrong hatte jahrelangen Dopingmissbrauch auch mit Epo zugegeben. Dem Amerikaner wurden daraufhin sämtliche sieben Toursiege aberkannt.

Die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) kündigte an, mit Ullrich Kontakt aufnehmen zu wollen. "Für den sauberen Sport ist es wichtig, dass er nicht nur seine Vergehen zugibt, sondern auch die Namen anderer Beteiligter im Hintergrund nennt, um weitere Indizien und Hintergründe zu erfahren", so die Nada. Die Dopingjäger betonten, jedes Geständnis von Athleten, die gedopt haben, zu begrüßen.

goe/sid

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Aufmerksamkeit
BürgerinS 22.06.2013
Es wurde ruhig um Herrn Ulrich - deshalb rückt er scheibchenweise mit dem Gedöns raus. Damit sein Name mal wieder in der Presse erscheint. Langweilig - wen interessierts eigentich noch? Alle von den Herren dopen - mehr muss man doch gar nicht wissen, um das Thema Radsport abzuhaken.
2. Es sollte nicht unerwähnt bleiben,
geradsteller 22.06.2013
obwohl hier ja nur ein offenes Geheimnis verkündet wurde, welches nicht gerechtfertigt werden kann: Der Radsport ist auch deshalb anfälliger Prügelknabe, weil ohne Lobby. Das nämlich Radael Nadal und dreiviertel der Spieler von ReaalMadrd auch zum Fuentes- Klientel gehör/ten; interssiert seit Langem niemand- die entsprechenden Verbände (und Interessen) sind zu stark...- hier traut sich nicht einmal ein Nachfrager aus der Deckung.
3. Schade
john_doo 22.06.2013
Natürlich war Jan Ullrich im Jahr 97 unser Tour de France Held, aber nur mit Apfelsaft kommt man nunmal nicht über die Berge. Trotzdem hat er viel zu spät reinen Tisch gemacht, hat viel zu lang gewartet und getäuscht, hat damit Andere gedeckt. Er hat seinen Sport, seine Fan's, die Tour de France lächerlich gemacht und verraten!
4. Das hat doch jeder gewusst.
saiber 22.06.2013
Das er gedopt hat war laenglich bekannt. Damals noch verhement abgestritten, allen gedroht die behaupten er wuerde dopen und jetzt auf einmal will er ehrlich sein? Zu spaet mein Freund. Was will er denn jetzt noch? Vergebung der Oeffentlichkeit damit er wieder schoen Werbung in eigener Sache machen kann? Zu spaet. Er hat gedopt und muss damit selber klar kommen. Kann er ja auch privat mit sich selber regeln. Er muss deshalb ja auch kein schlechter Mensch sein. Aber was soll jetzt das ganze oeffentliche Getue und die Aufklaerung? Meint er dann, dass alle ihn wieder lieb haben werden und er wieder Werbung machen kann? Dafuer ist es zu spaet. Viel zu spaet. Sein oeffentliches Gestaendniss ist wie blanker Hohn.
5. Doping ist zu verurteilen ohne wenn und aber
derandersdenkende 22.06.2013
Zitat von sysopREUTERSJan Ullrich sagt im "Focus", er habe mit Eigenblut gedopt - aber keine verbotenen Substanzen benutzt. Dopingjäger Werner Franke bezichtigt ihn nun der Lüge. Auch Radsport-Präsident Scharping und DOSB-Präsident Bach sehen das Geständnis kritisch. http://www.spiegel.de/sport/sonst/jan-ullrich-reaktionen-auf-eigenblut-gestaendnis-a-907320.html
Und vor allem ist ein Sportsystem (Funktionäre, Sportmedizin, Organisatoren,Journalisten,Verbände etc.) zu verurteilen, daß Sportlern keine Chancengleichheit bietet. Es ist davon auszugehen, daß die Wenigsten von Anfang an mit den Gedanken rangehen, sich durch Doping Vorteile zu verschaffen, viele werden irgendwann mit Dopen beginnen, um überhaupt eine Chance im Dopingsport zu bekommen. Wenn hier einige Funktionäre wieder glauben Klugreden zu müssen, Ullrich kam quasi noch als Kind zum bundesdeutschen Radsport und wurde dort zum Dopen herangeführt. Und ja, die Dopingvergangenheit der Bundesrepublik Deutschland harrt noch immer der Aufklärung. Einige Sportler tragen von sich heraus zur Aufklärung bei, die Verantwortlichen aus Sport und Politik verweigern eine solche weiterhin beharrlich!
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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)