Janz weit draußen Leiden ohne Michael Jordan

Washington ist eine wunderbare Stadt, auf der jedoch ein Fluch lastet. Wie anders ist es zu erklären, dass die Sportteams der amerikanischen Kapitale ihren Fans nur Leid bescheren - besonders seit Michael Jordan gegangen wurde.

Von , Washington


Mein Freund Michael hat es am besten. Er leidet nur 17 Wochen lang. Dann ist die Football-Saison für die Washington Redskins vorbei, wie sie immer vorbei ist, wenn es ernst wird und die Playoffs beginnen. Diesmal haben sie ihren Negativrekord aus dem vorigen Jahr noch unterboten: fünfmal gewonnen, elfmal verloren.

Wer sich für Eishockey in Washington interessiert, ist mit den Capitals geschlagen. Sie haben den außergewöhnlich guten Olaf Kölzig im Tor und den genialen Jaromir Jagr im Sturm. Aber sie stehen an letzter Stelle nach 37 Spielen, sie haben ihren Trainer Bruce Cassidy schon gefeuert und noch mehr als 30 Spiele vor sich. Schönes neues Jahr auch.

Ich leide am längsten: 82 Basketball-Spiele lang. Mit den Wizards. Mit mir leiden immer weniger Zuschauer, denn wer nur acht Spiele gewinnt und 20 verliert, gerade eben - du glaubst es nicht - gegen die Atlanta Hawks, eine andere Gurkentruppe, dem laufen die Fans weg. Oder sie leiden einsam daheim vor dem Fernseher, wo sie keiner sieht.

 Erinnerung an glückliche Zeiten: Michael Jordan verlieh Washington Größe
AP

Erinnerung an glückliche Zeiten: Michael Jordan verlieh Washington Größe

Washington ist eine wunderbare Stadt. Immer was los, alles Weltpolitik. Michael Jordan fühlte sich angezogen, bescherte uns glückliche Tage, Größe und Leidenschaft. Geld ist genug in der Stadt. Ted Leonsis, Dan Snyder und Abe Pollin investieren gewaltig in ihre Teams. Die Zuschauer strömen, sobald sie ihre Andacht einem Großen widmen können. Zu den Redskins hinaus ins Fedex-Stadion, das größte in der Liga, pilgern sie sogar unbeirrbar in Massen, obwohl die Offensive Line ihren Quarterback notorisch nicht schützen kann und die Wide Receiver vor sich hin träumen.

Natürlich betrachten die Besitzer der heimischen Teams ihr Spielzeug als Geldmaschine, aber wer sich einen Club kauft, strebt immer auch ein bißchen Unsterblichkeit an: Weißt du noch, damals, als die Wizards Abe Pollin gehörten, und den NBA-Titel geholt haben... Sie mischen sich auch keineswegs so heftig ein wie George Steinbrenner bei den New York Yankees. Ihnen fehlt nur das Entscheidende: ein glückliches Händchen. Die Redskins machen sich gerade auf die Suche nach dem fünften Head Coach in fünf Jahren. Die Wizards heuern und feuern im Akkord, genauso wie die Caps.

Es gibt keine andere Erklärung als den Fluch. Er liegt auf Washington, wie er auf den Boston Red Sox liegt, weil sie 1918 Babe Ruth losgeschlagen haben. Der Fluch entsteht fast zwangsläufig, wenn im Weißen Haus ein Präsident sitzt, der ein Baseball-Team sein eigen nannte. Der Fluch schwillt an, weil diese vielen Wichtigwichtigs im Senat, auf der K-Street, wo die Thinktanks hausen, und in der Regierung mein schönes Washington entweder grundsätzlich verachten oder als Di-Do-Stadt betrachten. Sobald sie können, eilen sie nach Hause, um die Timberwolves oder die Green Bay Packers zu umjubeln. Uns fehlen auch schmerzlich Celebrities wie Spike Lee, die ihre Dosis Masochismus zum Beispiel mit den New York Knicks ausleben.

Einen historischen Augenblick lang hatten wir die Chance, dem Fluch zu entkommen. Michael Jordan verlieh uns die Größe und den Glamour und die Beachtung. Aber dieser Abe Pollin, dieser ehrpusselige Greis, fürchtete die Strahlkraft der Ikone. Der Sog ist aus der Stadt, der Fluch schwillt wieder an.

Jetzt sind wir wieder Provinz. Jetzt sind wir wieder Washington, die schöne kleine Stadt am Potomac, wo an jedem Morgen der Himmel blaut. Wo Weltpolitik gemacht wird und Code Orange angesagt ist. Und wo selbst das Leiden am Fluch nicht die Klasse besitzt wie in Boston und New York.



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