Ex-Radprofi Jaksche: "Fahrer haben Angst, sich vor der UCI zu outen"

Er hat Doping gestanden und kämpft jetzt für einen sauberen Radsport. Im Interview erklärt der frühere Profi Jörg Jaksche die Ziele der neu gegründeten UCI-Opposition, seine Kritik an Pat McQuaid - und fordert den deutschen Radsport-Boss Rudolf Scharping auf, öffentlich Position zu beziehen.

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Ex-Radprofi Jaksche: "Jeder, der jetzt über Doping spricht, verliert seinen Job"

Zwei Tage saßen sie im Londoner Hilton Hotel zusammen: 14 namhafte Kritiker des Radsport-Weltverbandes UCI, die der australische Großsponsor Jaimie Fuller zusammengetrommelt hatte. Fand die Tagung "Change Cycling Now" am vergangen Sonntag und Montag noch hinter verschlossenen Türen statt, stellten sich die beteiligten Akteure am letzten Konferenztag in einer mehrstündigen Pressekonferenz der Öffentlichkeit. Dort äußerten die Radsport-Oppositionellen heftige Kritik an der UCI, seinem Präsidenten Pat McQuaid, dessen Vorgänger Hein Verbruggen - und präsentierten ihre Forderung: Die Führungsspitze des Weltverbandes muss zurücktreten.

Ohne die zahlreichen Veröffentlichungen der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada gegen Lance Armstrong und sein Dopingnetzwerk wäre diese Bewegung wohl nicht zustande gekommen. Die im Oktober veröffentlichten Dokumente und Zeugenaussagen bieten auch einen Einblick in korrupte Praktiken des Radsport-Weltverbandes und dessen Umgang mit Personen, die öffentlich über Doping zu sprechen begannen.

Nach seinem Doping-Geständnis erlebte auch Jörg Jaksche, dass die Führungsspitze der UCI kein Interesse an seinem Wissen hatte und ihn aus dem inneren Kreis des Radsports ausstieß. Als einziger Deutscher nahm der Doping-Kronzeuge an der Tagung in London teil - und stellte sich anschließend zum Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr Jaksche, viele Mitglieder der Arbeitsgruppe "Change Cycling Now" sind sich am Wochenende zum ersten Mal persönlich begegnet - und wollten in nur zwei Tagen nicht weniger als die Regeln für einen neuen Radsport festlegen. War es ein chaotisches Treffen?

Jaksche: Nein, das Treffen war effektiv. Wenn man weiß, dass jeder rechts und links neben einem keine anderen Absichten hat, ist das ein großer Vorteil.

SPIEGEL ONLINE: Warum arbeiten Sie in dieser Gruppe mit?

Jaksche: Ich möchte dem Radsport ein wenig von dem zurückgeben, was ich ihm als Dopingsünder genommen habe. Ich sehe darin keinen neuen Job. Ich distanziere mich da von Jonathan Vaughters (der einzige Teammanager, der in London dabei war - die Red.), weil der als einziger viele Interessen im Radsport hat. Der Rest der Teilnehmer verdient nicht mehr oder weniger Geld, wenn sich die UCI ändern sollte.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende haben Sie die "Charta der Willigen" veröffentlicht. Gefordert wird unter anderem eine Wahrheits- und Versöhnungskommission. Wie soll die funktionieren?

Jaksche: Eine Wahrheitskommission ist kein Ringelpiez mit Anfassen, sie muss Druck ausüben. Was ist wie, wo, wann passiert? Wer ist verantwortlich? Jeder Fahrer, der sich dieser Wahrheitskommission stellt, wird aber besser wegkommen als ein Fahrer, der erklärt, er habe über seine Vergangenheit nichts zu berichten.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen auf die Null-Toleranz-Politik von Sky an. Das Team von Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins hat seine Fahrer und Teammitglieder dazu verpflichtet, in einem Dokument jegliche Verwicklung in Dopingfälle abzustreiten. Wer Doping zugab, wurde gekündigt.

Jaksche: Das ist genau der Weg, den die jetzige UCI befürworten würde.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Jaksche: Weil dann plötzlich nicht mehr über Doping geredet werden würde. Jeder, der jetzt über Doping spricht, verliert seinen Job. Die Fahrer haben Angst, sich vor der UCI zu outen.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern unabhängige Dopingkontrollen. Wer soll in Zukunft die Hoheit über diese haben?

Jaksche: Wir wissen nicht wann, womit und nach welchen Kriterien getestet wird. Was wir wollen ist, dass sich nicht der Radsport selbst testet, sondern eine unabhängige Organisation, die keine Anteile im Radsport hat. Auf jeden Fall wird es mit der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada eine Zusammenarbeit geben.

SPIEGEL ONLINE: Im September 2013 werden 42 Vertreter aus den Nationalverbänden bei der UCI-Präsidentschaftswahl ihre Stimme abgeben. Ihre Prognose: Werden diese Delegierten den jetzigen Präsidenten Pat McQuaid abwählen?

Jaksche: Ich weiß es nicht. Eine Hauptarbeit von Pat McQuaid ist es ja, in der Gegend herumzufliegen und Verbandspräsidenten die Hände zu schütteln und auf gut Wetter zu machen. Die Profiteams müssen zudem zehn Räder pro Jahr abgeben, die für sogenannte Aufbauzwecke benutzt werden. Da freut sich natürlich der Verbandspräsident aus Mozambique, wenn McQuaid zehn Räder übergibt. Wir müssen all diese Verbandspräsidenten überzeugen, dass es dem Radsport besser gehen wird, wenn es eine Zäsur an der Spitze gibt.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten die nationalen Verbände denn jemand anderen wählen?

Jaksche: Es ist unhaltbar, dass sich eine Untersuchungskommission mit Pat McQuaid beschäftigt und er trotzdem im nächsten halben Jahr weiterhin den Radsport regieren darf. Zum Vergleich: Jeder Fahrer, der verdächtigt wird, gedopt zu haben, darf nicht mehr an den Rennen teilnehmen und wird zum Teil sogar nicht mehr bezahlt. Weswegen darf McQuaid einfach so weitermachen, als wenn nichts gewesen wäre?

SPIEGEL ONLINE: In London hat sich der US-Amerikaner Greg LeMond als UCI-Gegenkandidat ins Gespräch gebracht.

Jaksche: Nur als Interimspräsident. Ich glaube nicht, dass er das in Vollzeit machen möchte. LeMond will hauptsächlich - und das ist unsere gemeinsame Intention - dem Radsport helfen. Es geht ihm nicht um ein politisches Amt.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) mit seinem Präsidenten Rudolf Scharping für einen neuen Präsidenten stimmen?

Jaksche: Wenn Scharping eine moralische Verpflichtung sehen würde, etwas im Radsport zu verändern, würde er dem alten UCI-Kopf McQuaid den Rücken zukehren. Das wäre ein klares Statement.

SPIEGEL ONLINE: Diesen Samstag lädt der BDR dazu ein, in einem Chat Fragen an Scharping zu richten. Was möchten Sie wissen?

Jaksche: Ob er jemanden, der von Lance Armstrong 125.000 Dollar überwiesen bekommen hat, wieder wählen würde. Daran konnte sich McQuaid nicht mehr erinnern. Es ist dann fraglich, ob jemand mit Amnesie für so ein Amt weiter haltbar ist.

Das Interview führte Jonathan Sachse

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Erst wenn kein Schwein
mescal1 05.12.2012
mehr an diesem jetzigen "Radsport" interessiert ist, dann und nur dann wird sich was ändern. Es sind viel zu viele jetzt in leitender Position, die selber in dem ganzen Sumpf verwickelt waren - warum sollten die was ändern wollen? Erst wenn gar nichts mehr zu verheimlichen ist, erst dann wird gehandelt. Schade. Schade auch für Jaksche. Bin gespannt wie lange er noch den Mund aufmachen darf.
2. Leistungssport
hubertrudnick1 05.12.2012
Zitat von sysopEr hat Doping gestanden und kämpft jetzt für einen sauberen Radsport. Im Interview erklärt der frühere Profi Jörg Jaksche die Ziele der neu gegründeten UCI-Opposition, seine Kritik an Pat McQuaid - und fordert den deutschen Radsport-Boss Rudolf Scharping auf, öffentlich Position zu beziehen. Jörg Jaksche über UCI Pat McQuaid Rudolf Scharping Change Cycling - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/joerg-jaksche-ueber-uci-pat-mcquaid-rudolf-scharping-change-cycling-a-871087.html)
Leistungssport und Doping, kann man denn das auseinanderhalten?
3. doping
Richardfburton1 05.12.2012
Also, wenn Jacksche nicht über Doping reden würde, wurde kein Mensch mehr über Ihn reden. So kann man natürlich auch sein Geld verdienen.
4.
TLR9 05.12.2012
Auf den Chat mit Rudolf Scharping bin ich gespannt. Zu seinem 65. Geburtstag am 2. Dezember hatte ja schon der Bund Deutscher Radfahrer ein Loblied auf ihn geschrieben. "Neben dem BDR-Anti-Doping-Programm, das international Nachahmer bis in die höchsten Gremien fand, einer weiteren Mitgliedersteigerung hat er erfolgreich Sponsoren für den Verband akquiriert." BDR-Prsident Rudolf Scharping wird 65 | Radsport bei rad-net.de (http://www.rad-net.de/nachrichten/bdr-praesident-rudolf-scharping-wird-65;n_28267.html) Mittlerweile gibt es kein deutsches Profi-Radsportteam der höchsten Kategorie, da sich Sponsoren wie Telekom/T-mobile, Gerolsteiner und Milram aus diesem Sport verabschiedeten. Dabei wäre es löblich, dass es noch Angestellte geben würde, die entgegen der Kilometerpauschale trainieren.
5. Gute Idee
sick-and-tired 05.12.2012
Es muss Anreize geben, dass Leute über Doping auspacken.
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Zur Person
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    Jörg Jaksche, Jahrgang 1976, ist ein ehemaliger deutscher Radrennfahrer und mehrfacher Teilnehmer an der Tour de France. 2006 war Jaksche in den Doping-Skandal um Eufemiano Fuentes verwickelt, ein Jahr später gestand er, jahrelang gedopt zu haben. 2008 beendete er seine Laufbahn.

Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt