Tischtennis-Star Boll Azubi bei Meister Roßkopf

Deutschlands Tischtennis-Star Timo Boll will seine erste WM-Goldmedaille gewinnen. Doch beim Turnier in Dortmund scheinen die Chinesen übermächtiger denn je. Jörg Roßkopf weiß, wie man sie besiegt: Als Bundestrainer kehrt er zurück an den Ort, an dem er selbst WM-Geschichte schrieb.

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Von Tobias Jochheim


"Ich bin jung, ich habe noch viel Zeit." Der Satz stammt von Tischtennis-Profi Timo Boll. Er sagte das, als der SPIEGEL ihn fragte, wann er WM-Gold gewinnen würde. Neun Jahre ist das nun her. Neun Jahre, in denen Boll viele Erfolge in Deutschland und Europa feierte - aber keine Goldmedaille bei einer Weltmeisterschaft.

Dabei ist Boll Deutschlands Vorzeigesportler, skandalfrei, fair, bescheiden. Er hat Deutschland zur besten Tischtennis-Nation der Welt gemacht - hinter China. Dort fürchten sie Boll so sehr, dass Top-Spieler abkommandiert werden, um sein Spiel bis ins Detail zu imitieren. Diese Boll-Klone dienen als Sparringspartner für die Welt-Elite um Ma Long und Zhang Jike.

2003 und 2011 schaffte es Boll auf Platz eins der Weltrangliste, insgesamt zehn Monate lang und als erster Deutscher überhaupt. Er sammelte 13 EM-Titel - mehr als sein Vorbild, ehemaliger Mitspieler und heutiger Bundestrainer Jörg Roßkopf. Dessen Ansage vor der am Sonntag beginnenden Team-WM in Dortmund an Boll ist klar: Europa ist nicht genug.

Roßkopf fordert mehr Training und weniger Angst vor China

"EM-Titel erwartet inzwischen jeder von Timo", sagt Roßkopf, 42. "Gold bei WM und Olympia müssen nun sein Ziel sein." Mit anderen Worten: Boll muss die Chinesen besiegen, denn die hätten "die Platte fürs Finale schon gebucht". Weltmeister Zhang Jike prognostizierte: "China gewinnt wieder den Titel, und zwar vor Deutschland, Südkorea und Japan."

Das an zwei gesetzte deutsche Team kann erst im Finale auf China treffen. Einmal dort, hält Roßkopf die Sensation für möglich, zumal vor eigenem Publikum. Der Bundestrainer vertraut auf die Spielstärke seines Teams, und die Weltrangliste gibt ihm Recht: Dimitrij Ovtcharov (Platz 10), Patrick Baum (18), Bastian Steger (25) und Christian Süß (49) spielen in der Elite mit. Hinter den Chinesen, die die Ränge eins bis vier belegen.

Boll, nach einer langwierigen Schulterverletzung auf Rang 6 abgerutscht, könnte ihre Vorherrschaft brechen: Ein "begnadetes Talent", das ihm selbst gefehlt habe, bescheinigt der Bundestrainer Boll, doch es ist ein bittersüßes Kompliment. "Rossi" bestach einst durch Training und mentale Stärke - und genau in diesen Bereichen sieht er bei Boll Nachholbedarf. Längere, härtere Trainingseinheiten fordert Roßkopf, dafür weniger Preisgeldturniere und Sponsorentermine.

Könnte Boll mit Roßkopfs Mentalität an die Platte treten, "müssten wir uns um Olympia-Gold keine Sorgen machen", sagte der Bandestrainer der "Süddeutschen Zeitung". Boll wird die Spitze verstanden haben.

Boll soll Roßkopfs größten Coup wiederholen

Es war eine kalkulierte Provokation - ausgesprochen, damit ihm Boll das Gegenteil beweist. Roßkopf ist ein Meister der Psychospielchen. Unzählige aussichtslos scheinende Partien hatte er in seiner eigenen Karriere gedreht. Das WM-Halbfinale im Doppel 1989 gegen China zählt dazu. Und auch das Finale gegen Zoran Kalinic (Jugoslawien) Leszek Kucharski (Polen).

Roßkopf und Steffen "Speedy" Fetzner holten WM-Gold am 8. April 1989. Zwei unbekannte, dünne Jungen, 19 und 20 Jahre alt, zum Sieg getragen von 11.000 Zuschauern getragen in der Dortmunder Westfalenhalle. "Wir haben uns damals wenige Gedanken über Spielstände gemacht", sagt Roßkopf. "Wir haben uns in einen Rausch reingespielt."

Der Bundestrainer will, dass sein bester Spieler diesen größten Coup des deutschen Tischtennis wiederholt. Meister Roßkopf will seinen Azubi Boll anstacheln, sein eigenes Meisterwerk abzuliefern.

Im Tischtennis hat sich seit Roßkopfs WM-Triumph viel geändert: Die Bälle sind größer, Sätze und Spiele kürzer, Viertel-, Halb- und Finalpartien einer WM müssen nicht mehr am selben Tag absolviert werden. Gold bei einer Weltmeisterschaft allerdings ist genauso viel wert wie vor 23 Jahren. Und solange Boll keins hat, wird Roßkopf nicht zufrieden sein.



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