Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Johan Cruyff: Der König ist tot

Ein Nachruf von

Corbis

Mit Johan Cruyff ist einer der Allergrößten des Fußballs gestorben. Der Niederländer war überragend auf dem Platz und noch überragender als Trainer. Das moderne Spiel ist undenkbar ohne ihn.

In dem berühmten Lied "American Pie", das den tragischen Unfalltod von Rocklegende Buddy Holly besingt, gibt es die wunderbare Zeile: "The Day the Music died." Der Tag, an dem die Musik starb. Natürlich wurde danach auch noch Musik gemacht, aber ihr Erfinder war gestorben.

Der 24. März 2016 ist der Tag, an dem der Fußball starb.

Auch nach Johan Cruyff wird Fußball gespielt werden, erfolgreicher, schöner Fußball, aber es wird ein Fußball sein, der auf ihn zurückgeht, den großen Niederländer, Koning Johan, der am Donnerstag im Alter von 68 Jahren an Krebs gestorben ist. So wie Buddy Holly den Rock 'n' Roll erfand, so erfand Johan Cruyff den Fußball, wie wir ihn heute kennen.

Als Cruyff, dieser lange hagere Typ, eigentlich viel zu leichtgewichtig und schlaksig für den Sport, als junger Kerl 1964 zu Ajax Amsterdam kam, waren die Niederlande eine vernachlässigenswerte Größe im internationalen Fußball. Als er seine Karriere genau 20 Jahre später beendete, war Oranje eine der ganz großen Fußballnationen und ist es - verpasste EM-Qualifikation hin oder her - bis heute geblieben.

Ein Amsterdamer durch und durch

Cruyff, Amsterdamer durch und durch von Herkunft und vom Habitus her, selbstbewusst bis zur Arroganz, einen natürlichen Führungsanspruch vor sich her tragend, war er der geborene Mannschaftskapitän, bei Ajax und in der Nationalmannschaft. Gemeinsam mit dem damals ebenfalls noch eher unbekannten Ajax-Coach Rinus Michels, der bis dahin lediglich die Amateure des Klubs betreut hatte, schuf er den berühmten voetbal totaal, einen so nie dagewesenen Offensivrausch.

Dreimal gewann Ajax in den frühen Siebzigerjahren den Europapokal der Landesmeister - und was für eine Mannschaft hatten Michel und Cruyff da um sich gesammelt: Johan Neeskens, der treue Adlatus von Cruyff auf dem Feld, Johnny Rep, Piet Keizer, Ruud Krol, Barry Hulshoff und der deutsche Ausputzer Horst Blankenburg, der Cruyff den Rücken frei hielt. Aber Cruyff, die legendäre Nummer 14, er war ihr Souverän. Heute darf bei Ajax kein Profi mehr die Nummer 14 tragen, sie wird seit vielen Jahren nicht mehr vergeben.

Die Auftritte bei der WM 1974 in Deutschland waren Festspiele in Orange. Die Partien gegen Titelverteidiger Brasilien war ein Höhepunkt der Fußballkunst der Siebzigerjahre - Cruyff und die Niederländer huschten so leichtfüßig an ihren Gegenspielern vorbei, dass diese sich nur noch mit brutalen Tritten zu helfen wussten.

Die Niederlage im Endspiel gegen Deutschland blieb denn auch die größte Wunde in Cruyffs Karriere. Nur gefolgt von seinem offiziellen Abschiedsspiel 1978 gegen den FC Bayern, bei dem die Münchner dermaßen übermotiviert waren, dass sie Cruyffs Ajax-Team 8:0 besiegten. Das konnte nicht sein, dass der große Johan Cruyff so abtritt. Also hat er kurzerhand noch einmal sechs Jahre weitergespielt, in den USA, noch einmal bei Ajax und ganz zum Schluss ausgerechnet beim größten Erzfeind, Feyenoord Rotterdam.

Spielstil des FC Barcelona bis heute prägend

Cruyff war ein großer Spieler, bei Ajax, ab 1973 dann beim FC Barcelona, er war vielleicht aber ein noch größerer Trainer.

Die Kunstfertigkeit, als Coach des FC Barcelona einen Spielstil zu kreieren, der bis heute Gültigkeit hat - das hat außer ihm niemand geschafft. Josep Guardiola und Louis van Gaal - diese beiden komplett unterschiedlichen Trainertypen stehen tief in seiner Schuld. Ihr Erfolg baut auf Cruyffs System des offensiven Ballbesitzfußballs auf, das er den FC Barcelona spielen ließ.

Und wieder hatte er eine große Mannschaft zur Verfügung: Mit Guardiola im Mittelfeld, Ronald Koeman in der Abwehrzentrale und dem Exzentriker Hristo Stoichkov im Sturm holte Cruyff sich 1992 letztmals eine europäische Trophäe, den Europapokal der Landesmeister.

Cruyff war kein einfacher Typ, wie sein deutsches Pendant Franz Beckenbauer gerierte er sich gerade in seinen späten Jahren gerne als Doktor Allwissend des Fußballs, er verstrickte sich bei seinem Herzensverein Ajax Amsterdam in unschöne Streitereien mit der Klubführung, mit seinen Zeitungskolumnen machte er jahrelang Politik im niederländischen Fußball.

Als graue Eminenz von Spanien aus sah er sich gerne, und seine Sprüche füllen mittlerweile ganze Bücher, egal wie groß oder gering ihr Sinngehalt war. "Jeder Nachteil hat einen Vorteil", "Du musst schießen, sonst kannst du nicht treffen", "Bevor ich einen Fehler mache, mache ich ihn erst gar nicht", "Zufall ist logisch" - jeder in Holland kennt diese Sätze. Auch sie sind Allgemeingut geworden.

Cruyff hat mal gesagt: "Ich glaube nicht, dass man jemals den Namen Cruyff sagen wird, ohne dass die Leute wissen, von wem man redet."

Something touched me deep inside. The day soccer died.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
trus 24.03.2016
Es lebe der König!
2.
Bernie59 24.03.2016
Für mich der Größte!! Der Lieblingsspieler meiner Jugend. Ruhe in Frieden, Johan. Werde dich wirklich nie vergessen .
3.
rene1311 24.03.2016
mooi
4. Wie traurig!
ge1234 24.03.2016
König Johan war einer der Grössten im Fußball ever! Ich hatte das große Glück, ihn auf dem Höhenpunkt seiner Karriere Mitte der Siebziger live im Stadion spielen zu sehen. Welch ein begnadeter Fußballer!
5. Auch der Iran verbeugt sich vor dem König
KerKaraje 24.03.2016
"Manam taa´zim mikonam. Be naame Iran": Auch ich verbeuge mich. Im Namen Irans.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: