Deutscher Tour-Debütant: Degenkolb kämpft für die saubere Generation

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Tour-Neuling Degenkolb: Großes Ziel Paris Fotos
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John Degenkolb startet zum ersten Mal bei der Tour de France. Der 24-jährige Deutsche hat Respekt vor den Schmerzen beim härtesten Rennen der Welt. Er wirbt dabei für eine neue, saubere Radsport-Generation.

John Degenkolb hat es sich selbst so ausgesucht, schon im Frühjahr 2012, als klar wurde, dass der damals 23-Jährige nicht bereit war für das härteste Radrennen der Welt. Degenkolb beschloss, noch eine Saison warten zu wollen. Aber jetzt, kurz vor Beginn dieser Tour de France, gibt es kein Zurück mehr. Zum ersten Mal in seinem Leben wird John Degenkolb an den Start der Frankreich-Rundfahrt (Prolog auf Korsika ab 12 Uhr im Liveticker, SPIEGEL ONLINE) gehen. Ausgerechnet bei deren 100. Jubiläum; ausgerechnet bei der ersten Tour nach dem Bekanntwerden des wohl größten Dopingskandals der jüngeren Sportgeschichte.

"Ich nehme den Kampf an", sagt Degenkolb. Für einen der vielversprechendsten deutschen Fahrer wird es nicht nur ein Kampf gegen 3360 Kilometer und mehr als 30.000 Höhenmeter, gegen schwere Beine und innere Widerstände. Es wird vor allem auch der Kampf für einen Sport, den nicht erst seit Lance Armstrongs Beichte kaum noch jemand ernst nimmt.

Der Sprinter Degenkolb weiß das, auch wenn er erst seit zwei Jahren in einem Profiteam fährt und die übelsten Dopingmachenschaften wohl in die Zeit davor fallen. Jedem Radsportler ist klar, dass seine Sportart eigentlich jeglichen Kredit verspielt hat. Manchen ist das egal, sie machen weiter wie zuvor. Das zeigen die jüngsten Fälle ertappter Doper, etwa beim diesjährigen Giro d'Italia.

Drei Wochen Höhentraining auf über 2000 Metern

Degenkolb und andere junge Fahrer nutzen die Dopingkrankheit des Radsports hingegen, um sich durch Ablehnung zu positionieren und profilieren. Als neue Generation, die von sich sagt, nie Dopingmittel konsumiert zu haben, und die es sich zum Ziel gemacht hat, das Vertrauen in ihre außergewöhnlichen Leistungen zurückzugewinnen.

"Wir wollen, dass die Menschen begreifen, dass es auch ohne Doping geht. Dass wir unheimlich viel Arbeit in unseren Sport stecken, im Training zum Teil unmenschliche Entbehrungen auf uns nehmen", sagt Degenkolb. Radsport: Das sei nicht nur Tour de France, sondern vor allem viele hundert Kilometer einsam in den Bergen, stundenlanges Antreten gegen den Schmerz, ohne dass es jemand sieht.

Während der Tour-Vorbereitung verbrachte Degenkolb mit Marcel Kittel, seinem Teamkollegen beim niederländischen Argos-Shimano-Rennstall, drei Wochen in einem entlegenen Winkel der Sierra Nevada. Ihre Unterkunft lag auf 2300 Metern, wollten sie nach einem langen Trainingstag ins Bett, mussten sie 30 Kilometer den Berg hinauffahren. An manchen Tagen begleitete sie ein Kamerateam. Es arbeitet an einem Film für das niederländische Fernsehen, der ähnlich werden soll wie "Höllentour", dieses Opus von Pepe Danquart über die Tour 2003. Die Hauptdarsteller damals: Erik Zabel, Andreas Klöden, Alexander Winokurow.

Ziel: Sieg bei Sprintetappe

Nach der Dopingaffäre um das Team T-Mobile 2006 distanzierte sich Danquart von "Höllentour". Es sei das "wahrscheinlich letzte Denkmal, das man diesem Sport errichtet hat", sagte der Regisseur. Nun, sieben Jahre später, soll es also ein neues Denkmal geben. Es soll, wie damals auch Danquarts Werk, nichts anderes als ein Imagefilm werden. Eine Werbung für den neuen Radsport. Die Hauptdarsteller diesmal: Degenkolb, Kittel und wohl auch Tony Martin, den dritten in einer kleinen Gruppe deutscher Fahrer, die sich zu Botschaftern der dopingfreien Generation gemacht haben.

Vor wenigen Monaten unterzeichneten die drei eine gemeinsame Erklärung, in der sie garantieren, nie in ihrer Karriere verbotene Mittel genommen zu haben und auch nie welche zu nehmen. "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, wir gehen offensiv mit dem Problem um", sagt Degenkolb. "Aber die Öffentlichkeit muss uns auch eine Chance geben."

In Italien, wo man mit der Dopingproblematik anders umgeht, hat Degenkolb in diesem Jahr bereits eine Chance erhalten, und er hat sie genutzt. Der 24-Jährige gewann die fünfte Etappe des Giro d'Italia, es war sein größter Erfolg bis dahin. Der italienische Kommentator beschwor ihn lautstark als Nachfolger von Sprintlegende Zabel, Degenkolb sei der "Blitz" gewesen, "der aus dem Regen kam", schrieb die "Gazzetta dello Sport". Dass Degenkolb durchaus fähig ist, es mit der Weltspitze aufzunehmen, zeigte der mehrfache Deutsche Jugendmeister schon im vergangenen Jahr, als er fünf Etappen der spanischen Vuelta gewann.

Vor der Tour aber hat er den größten Respekt, sagt er, und klingt beinahe ehrfürchtig: "Es ist ein ganz anderes Rennen, eine Stufe höher als alles." Er peilt einen Sieg bei einer der Sprintetappen an, "das Grüne Trikot ist wohl noch etwas ambitioniert", sagt er. Weil er zwar überdurchschnittlich viel Kraft besitzt, bei einer Körpergröße von 1,80 Metern mit 77 Kilogramm für einen Radsportler aber eher massig ist, rechnet Degenkolb in den Hochgebirgsetappen mit den größten Qualen. "Ich bin kein Kletterer. Aber ich hoffe, dass ich in der Lage bin, wenigstens nach Paris zu kommen", sagt er. Er habe es ja so gewollt.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Er ist Franke nicht Thüringer
martinkkkk 28.06.2013
Nur weil einer für einen Thüringer STall fährt ist er noch keiner... er ist Franke...
2.
kuddel37 28.06.2013
Zitat von sysopJohn Degenkolb startet zum ersten Mal bei der Tour de France. Der 24-jährige Deutsche hat Respekt vor den Schmerzen beim härtesten Rennen der Welt. Er wirbt dabei für eine neue, saubere Radsport-Generation. John Degenkolb fährt zum ersten Mal bei der Tour de France - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/john-degenkolb-faehrt-zum-ersten-mal-bei-der-tour-de-france-a-904094.html)
Jaja, ganz sauber, ist klar :) Ich dachte da dopen eh alle, also braucht er gar nicht antreteten. Die beiden alten Betrüger sagen doch auch das da alle gedopt sind und es ohne gar nicht geht. Naja in 10-15 Jahren wird man vielleicht wissen wer die diesjährige Tour wirklich gewonnen hat.;)
3. optional
platoon0707 28.06.2013
Hören sie bitte auf von einem sauberen Sieg zu sprechen. Es ist immer noch Dopingverseucht, es gibt nur keine zu, bis wieder was gefunden wurde, und dann kommt das große Bereuen. Die Berichterstattung kann man einstellen und dem Sport weniger Beachtung schenken.
4.
booya 28.06.2013
Zitat von kuddel37Jaja, ganz sauber, ist klar :) Ich dachte da dopen eh alle, also braucht er gar nicht antreteten. Die beiden alten Betrüger sagen doch auch das da alle gedopt sind und es ohne gar nicht geht. Naja in 10-15 Jahren wird man vielleicht wissen wer die diesjährige Tour wirklich gewonnen hat.;)
Das sagen überführte immer gerne, um sich selber moralisch besser zu fühlen. Wundert mich das es Menschen gibt, die denen noch irgendwas glauben.
5. Mal schauen...
nano-thermit 28.06.2013
Mal schauen wann seine Zahnpasta plötzlich für unerklärliche blutleerste herhalten muss und mal schauen ob seine Dementis dann auch so Kamerafreindlich ausfallen. Wer im Radsport auch nur eine Etappe gewinnt, hat die gedopten geschlagen, ohne Doping? Case closed.
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100. Tour de France: Merckx, Indurain, Ullrich

Die Sieger der Tour de France
Jahr Sieger Land
2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
2008 Carlos Sastre Spanien
2007 Alberto Contador Spanien
2006 Óscar Pereiro Spanien
2005 Lance Armstrong* USA
2004 Lance Armstrong* USA
2003 Lance Armstrong* USA
2002 Lance Armstrong* USA
2001 Lance Armstrong* USA
2000 Lance Armstrong * USA
*Aberkannt