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Klassiker Mailand-Sanremo

Frühling! Aufs Rad!

Die Frühjahrsklassiker der Radprofis stehen an, und Mailand-Sanremo macht dabei den Anfang. Das Rennen ist mit fast 300 Kilometern Länge ein Monument des Radsports.

Von

AFP

Deutschlands Klassiker-Hoffnung John Degenkolb

Samstag, 18.03.2017   07:01 Uhr

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Wenn sich die Märzsonne hervortraut, dann wird es Zeit für die Frühjahrsklassiker im Radsport. Mailand - Sanremo eröffnet am Samstag die Serie der berühmten Eintagesrennen. Und John Degenkolb träumt von seinem zweiten Sieg.

Rückkehrer gegen Weltmeister gegen Newcomer - das ist die Ausgangskonstellation in diesem Jahr. Degenkolb, der Sieger von 2015, will mit einer Wiederholung seines Triumphs den Schlussstrich unter eine im wahrsten Sinne verunglückte Vorsaison ziehen. Doppelweltmeister Peter Sagan, zu Saisonbeginn vom deutschen Rennstall Bora verpflichtet, ist wegen seiner Bergfestigkeit und Endschnelligkeit der natürliche Favorit für diesen Parcours. Und beide müssen auf das Supertalent Fernando Gaviria achten. Der Kolumbianer sprintet noch schneller als Sagan und ist besser am Berg als Degenkolb.

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Alle drei wollen diesem Traditionsrennen ihren Stempel aufdrücken. Denn wer in Sanremo gewinnt, kann das Restjahr gelassen angehen. Das erstmals 1907 ausgetragene Rennen ist eines der Monumente des Radsports. Die Siegerliste ist voll von großen Namen, vom legendären Fausto Coppi über Eddy Merckx bis hin zu Laurent Fignon, Fabian Cancellara und Mark Cavendish. Aus deutscher Sicht ragen die vier Siege von Erik Zabel heraus. Dessen Sohn Rick feiert in diesem Jahr sein Sanremo-Debüt. Weitere deutsche Siege holten noch Rudi Altig, Gerald Ciolek und zuletzt Degenkolb.

Seit 1907 ist das Rennen eine Legende

Nicht wegen der Namen jedoch ist Mailand - Sanremo eine Legende. Große Fahrer gewinnen große und kleine Rennen, das ist normal. Die Fahrt in den Frühling ist vor allem wegen ihrer epischen Länge von fast 300 Kilometer, dem über 110 Jahre kaum geänderten Parcours und vor allem wegen der vielen Geschichten ein echter Klassiker.

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Der Legendenbau begann schon 1907. Zum Auftakt hatten sich 62 Fahrer eingeschrieben, spätere Tour-de-France-Sieger waren darunter. Nur 33 aber erschienen um 4.30 Uhr früh zum Einschreiben. Nasskalter Regen hatte die anderen abgeschreckt. Nur 14 kamen ins Ziel.

DPA

Peter Sagan aus der Slowakei ist der Topfavorit 2017

Drei Jahre später regnete es so fürchterlich und war so schrecklich kalt, dass die Fahrer unterwegs Schutz in den Häusern suchten. Nur sieben Fahrer erreichten Sanremo. Zwei von ihnen wurden aber nicht gewertet, weil die Zeitnehmer längst nach Hause gegangen waren.

Der Sieger, der Franzose Eugene Christophe, war so ausgelaugt, dass er den damaligen Chronisten zufolge einen ganzen Monat im Krankenhaus von Sanremo verbrachte und zwei Jahre brauchte, um seinen alten Leistungsstand wieder zu erreichen. Das Rennen ging als "Mailand - Sibirien" in die Annalen ein.

Das Event hatte inzwischen so einen Stand erreicht, dass es selbst im Krieg weiterhin ausgetragen wurde. Vor genau 100 Jahren, der Erste Weltkrieg war im dritten Jahr, Russland hatte schon die Februarrevolution erlebt, gingen um 6.19 Uhr - erneut bei Kälte und Regen - immerhin 68 Profis an den Start. Viele kamen in Uniformen, waren von ihren Regimentern abgestellt für dieses Rennen. Sogar ein Ausländer, der aus der neutralen Schweiz stammende Oscar Egg, war dabei. Ansonsten, selbstverständlich, nur Italiener.

Bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein wurde Mailand - Sanremo ausgetragen, nur in den Jahren 1944 und 45 fiel es aus.

Die Bedeutung des Rennens wird von Rennfahrergeneration zu Rennfahrergeneration weitergetragen. Und wenn John Degenkolb 2015 bei seinem Sieg Tränen der Freude in den Augen hatte, dann auch, weil er wusste, dass er nun selbst ein Klassikerheld war.

Zu gerne würde er den Erfolg wiederholen. "Er ist in diesem Jahr sicher besser als im letzten Jahr und so gut wie 2015", sagt sein sportlicher Leiter Alain Gallopin: 2015, das war die tolle Saison mit Siegen in Sanremo und bei Paris - Roubaix. Im Vorjahr, das war jener schwere Unfall, als eine Autofahrerin in die Trainingsgruppe um Degenkolb raste. Es dauerte ein halbes Jahr, bis er wieder bei Rennen antrat.

AP

Fernando Gaviria hofft darauf, die beiden Favoriten zu überraschen

Degenkolb selbst glaubt, dass er derzeit sogar besser ist als noch vor zwei Jahren: "Die Form stimmt. Die Spritzigkeit für den Sprint ist da. Und auch wenn es hier mit dem Etappensieg nicht geklappt hat, so war ich doch auf Augenhöhe mit den Top-Sprintern. Früher war ich immer ein bisschen zurück", sagte er zum Abschluss der Fernfahrt Paris - Nizza. Da schrammte er zwei Mal knapp am Etappensieg vorbei.

Auch Top-Favorit Sagan gibt sich zuversichtlich wie möglich. "Mir über Radsport einen Kopf zu machen ist das kleinste meiner Probleme. Ich bin Favorit für jedes Rennen, das geht schon seit sieben Jahren so. Ich bin dran gewöhnt", meinte der Slowake lässig. Nur Gaviria, der 22-jährige Jungstar, der im vergangenem Jahr in aussichtsreicher Position 400m vor dem Ziel stürzte, ist noch etwas aufgeregt: "Im vergangenem Jahr haben einige gezweifelt, dass ich so ein langes Rennen durchstehe. Jetzt achten alle viel mehr auf mich."

Das stimmt. Gaviria holte sich bereits seinen ersten Skalp. Weil Quick Steps sportliche Leiter alles auf den Burschen setzten, nominierten sie den deutschen Top-Sprinter Marcel Kittel gar nicht erst für Sanremo. Der zweite deutsche Supersprinter André Greipel verzichtete von sich aus. Die deutschen Hoffnungen bei der Classicissima ruhen allein auf den Schultern von Rückkehrer Degenkolb.

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