Reckermanns Rücktritt: Kapitulation eines Riesen

Von Felix Meininghaus

Ein großer Sportler tritt ab: Jonas Reckermann, der Riese des deutschen Beachvolleyballs, hat seine Karriere beendet. Der Olympiasieger muss aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Ausgerechnet der Rücktritt könnte das Verhältnis zu seinem Doppelpartner intensivieren.

DPA

Wie geht ein Sportler damit um, wenn das Unvermeidliche Gewissheit wird? Wenn ein Lebenstraum, in den man Herzblut und Energie gesteckt hat, ausgeträumt ist? Er kann verzweifeln - oder reagieren wie Jonas Reckermann. Der 33-Jährige, Olympiasieger im Beachvolleyball, muss seine Karriere beenden, sein Rücken hält den Anforderungen des Spitzensports nicht mehr stand.

Reckermann hat Schluss gemacht auf die gleiche Art, wie er alles macht: direkt und ohne große Schnörkel. "Es hat keiner geweint", sagt Reckermann, wenn er über die Gespräche mit seinem Partner Julius Brink und dem Trainerteam berichtet, "aber es war schon auch emotional." Und dann typisches Reckermann-Understatement: "Die Stimmung war schon mal besser bei diesen Sitzungen."

Die Karriere des Münsterländers ist jetzt Geschichte und mit ihr auch das nicht erst seit London weltbekannte Sportlerduo Brink/Reckermann. Das Team hat eine einzigartige Erfolgsgeschichte geschrieben: dreimal Deutscher Meister, zweimal Europameister, Weltmeister 2009 im norwegischen Stavanger und als Krönung der Gewinn der Olympischen Goldmedaille im vergangen Sommer in London.

Zwei deutsche Sporthelden

Nicht einmal ein halbes Jahr ist es her, dass Reckermann und sein Mitstreiter Julius Brink das dramatische Finale auf dem Platz der Horse Guards Parade gegen die Brasilianer Alison Cerutti und Emanuel Rego gewannen und dabei Millionen Fernsehzuschauer begeisterten. Wie groß diese Leistung wirklich war, zeigte ein Blick in die Geschichte des Sports: Nie zuvor hatte bei Olympia ein Team triumphiert, das nicht aus den USA oder aus Brasilien kam.

Fotostrecke

9  Bilder
Olympiasieger Brink und Reckermann: Weggeschmettert und abgeblockt
Zwei deutsche Sporthelden waren geboren, die gefeiert, herumgereicht, mit dem "Bambi" bedacht, in jedem Jahresrückblick erwähnt und bei der Wahl zu den "Sportlern des Jahres" nur vom Deutschland-Achter geschlagen wurden. In diesem Jahr wollten die Profis ihren Ruhm zu Geld machen und bei der WM in Stare Jablonki (Polen) und bei der EM Klagenfurt (Österreich) weitere Titel einsammeln. Doch dazu wird es nun nicht kommen.

Das Aus steht am Ende eines Prozesses, der sich über Wochen hingezogen hatte. Und es ist eine vergleichsweise unspektakuläre Angelegenheit, keine große Heldengeschichte mit viel Pathos, das ist nicht der Stil des baumlangen Blockspielers. So viel dann aber schon: "Es tut weh", sagt Reckermann, "denn mir wird bewusst, dass eine große Zeit zu Ende geht." Dennoch: "Diese Entscheidung", betont Reckermann, "ist alternativlos", weil sie der Gesundheit geschuldet ist, "und die werde ich nicht aufs Spiel setzen". Seit Jahren plagt sich Reckermann mit diversen Verletzungen, nun - mit 33 Jahren - hat sich die Situation so zugespitzt, dass es keinen Ausweg mehr gibt.

Eine Zyste im Rückenmarkskanal

Dieses Mal ist es nicht die Schulter, die hätte Reckermann im vergangenen Jahr beinahe den Olympiastart gekostet. Stattdessen zwingen Rückenprobleme zum Karriereende. "MRT-Untersuchungen Ende Dezember zeigten neben einem bekannten, aber nun weiter fortgeschrittenen degenerativen Prozess an der Wirbelsäule eine Zyste im Rückenmarkskanal, die auf einen Nerv der Lendenwirbelsäule drückt", heißt es in einer Pressemitteilung, die das Duo am heutigen Vormittag verbreiten ließ.

Reckermann wird erst einmal Abstand suchen und sich dann auf das Leben nach dem Leistungssport einrichten. Das Trainingslager in Südafrika entfällt, er wird viel Zeit mit Frau Katja und dem Mitte November geborenen Sohn Emil verbringen. Zudem soll der Sportler im Vorruhestand eine "noch näher zu definierende Rolle im neuen Team von Julius Brink übernehmen", wie es in der verbreiteten Mitteilung heißt. Der 30-jährige Brink wird nämlich ab sofort mit Sebastian Fuchs, 26, gemeinsame Sache machen, der seinen Lebensmittelpunkt bereits nach Köln verlegt hat, wo die Gruppe der Olympiasieger trainiert. Reckermann glaubt, "dass die beiden das Potential haben, richtig gute Erfolge zu haben".

Derweil bemüht sich Brink, die Erwartungshaltung nicht zu groß werden zu lassen und Druck von seinem neuen Mitspieler zu nehmen: "Das neue Team wird nicht Brink/Reckermann sein. Die gibt es zwar noch, aber die stehen nicht mehr auf dem Platz." Auch sonst werden sich die Dinge ändern. Zum Beispiel der Umgang der Olympiasieger miteinander. Die hatten stets betont, ein sehr korrektes und von Respekt geprägtes Verhältnis zu pflegen, die Beziehung jedoch aus professionellen Erwägungen nicht enger werden zu lassen. Dieser Zwang ist nun aufgehoben. "Jetzt, wo er aufgehört hat", sagt Julius Brink mit einem Grinsen, "können wir endlich gute Freunde sein."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. hager/ahmann...
tzadik 10.01.2013
...hätten in diesem Zusammenhang zumindest eine Erwähnung verdient.die haben zwar nicht Gold, aber immerhin Bronze in Sydney gewonnen
2. Rücktritt
alex2007 10.01.2013
Warum sollte man die anderen zwei erwähnen? Es geht hier um den Rücktritt von R. Jedes mal dieses gemecker hier von Leuten die meinen sie könnten alles besser. Schreib doch selbst nen Artikel drüber und stell ihn online
3. Respekt
ByteSchubser 11.01.2013
vor dieser Entscheidung. Weiterhin alles Gute und die besten Wünsche für die junge Familie. An der Sache selbst gibt es nix zu diskutieren, das ist der einzig richtige Schritt. Was hier mal wieder fehlt, ist der redaktiöse Tiefgang. Interessant sind doch in dem Zusammenhang nicht nur die Aussichten der Volleyballer, sondern die Möglichkeiten des J.R., weiterhin für sich und seine Familie ein glückliches Leben zu gestalten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Olympische Sommerspiele 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Heidemann, Jung & Bischof: Die deutschen Medaillengewinner