Erfolge vor Australian Open Die andere Julia Görges

Einst als Teil des neuen deutschen Fräuleinwunders im Damentennis gefeiert, stagnierte Julia Görges jahrelang. Jetzt befindet sie sich seit Monaten in Top-Form - weil sie eine andere Spielerin kennenlernte.

Julia Görges
AFP

Julia Görges

Von Philipp Joubert


Als die Woche von Julia Görges schon wieder einen erfolgreichen Abschluss gefunden hatte, da sah die 29-Jährige zum ersten Mal in diesen Tagen von Auckland überrascht aus. Nicht so sehr ob des großen Pokals, den sie gerade gewonnen hatte. An die vielen Annehmlichkeiten, die so ein Turniersieg mit sich bringt, hat sich die neue Dauersiegerin des Tennis in den vergangenen Monaten schließlich gewöhnen können.

Aber im Rahmen der Zeremonie ließen die Veranstalter Görges einen Korowai umhängen. In Neuseeland ist die Tradition der Maori schließlich tief mit der Sportwelt verflochten. Und der aus Flachsfaser fein gewebte Mantel ist als ein Geschenk für ganz besondere Anlässe vorgesehen - meist für den erfolgreichen Universitätsabschluss.

Wie ein Abschluss fühlt sich dieser Sieg für Görges vermutlich nicht an. Die Deutsche vermittelt vielmehr den Eindruck der Angekommenen. Der Turniersieg in Auckland ist ihr dritter in Folge. Mittlerweile ist Görges in der Weltrangliste die beste deutsche Spielerin, die Top Ten sind in Greifweite.

Görges nach dem Sieg in Auckland
DPA

Görges nach dem Sieg in Auckland

Und auch wenn sie es nicht bestätigen möchte: Görges gehört trotz fehlender Erfolge auf der Grand-Slam-Bühne zu den aussichtsreicheren Spielerinnen bei den Australian Open. Am 15. Januar beginnt in Melbourne das erste Majorturnier des Jahres.

Geduld? "Als Spielerin nicht einfach"

Zum neunten Mal spielte Görges beim Jahresauftaktturnier in Auckland. Die Veranstaltung lässt sich wohl am besten als familiär umschreiben: Die kleine Anlage ist in fünf Minuten überquert, die wenigen lokalen Journalisten sind entspannt - und haben auch eine Meinung über Görges: Freundlich sei sie, da sind sich alle einig, sachlich werfen zwei von ihnen ein.

Wenn Görges selbst über ihren Erfolg spricht, dann wirkt sie in der Tat sehr aufgeräumt. Oft fällt das Wort Geduld. Die habe sie gebraucht, um diesen Punkt in ihrer Karriere zu erreichen: "Als Spielerin ist es manchmal nicht einfach, dem Entwicklungsprozess wirklich Zeit zu geben."

Görges war einst Teil des im vergangenen Jahrzehnt ausgerufenen neuen deutschen Fräuleinwunders im Damentennis. Sie gewann den ersten großen Titel des Trios Andrea Petkovic, Angelique Kerber und Görges. Doch solche Höhen wie beim Turniergewinn in Stuttgart 2011 blieben die Ausnahme. Erst sechs Jahre später, im vergangenen Oktober in Moskau, gewann sie den dritten Wettbewerb ihrer Profikarriere. Direkt im Anschluss folgten Nummer vier bei der Elite Trophy im chinesischen Zhuhai. Und nun eben der fünfte in Auckland.

Zwischen den Erfolgen von Stuttgart 2011 und der aktuellen Siegesserie schien Görges stagniert zu haben, auch in ihrer Spielweise. Ein Trainer- und Ortswechsel hin zu Michael Geserer nach Regensburg im Jahr 2015, vor allem aber eine methodische Grundüberholung des eigenen Spiels brachten die Wende.

Aufschlag und Vorhand als besondere Stärken

Nach sieben Jahren mit Sascha Nensel war es für Görges "natürlich erst mal ungewohnt, überhaupt etwas Neues zulassen zu können und eine neue Stimme zu hören". Aber: "Ich bin einfach nur froh, dass ich einen neuen Weg eingeschlagen habe und dadurch auch die andere Spielerin Julia Görges kennengelernt habe."

Mittlerweile ist die neue Julia Görges ein gutes Beispiel dafür, dass Tennis vor allem ein Sport der richtigen Entscheidungen ist. Erst neben und dann natürlich auf dem Platz. An jedem Tag, in jedem Match, in jedem Ballwechsel. Es gewinnt, wer sein eigenes Spiel besser als der Gegner versteht, wer vorausdenkt und seine Stärken zielgerichtet einsetzt.

Görges mit einer Vorhand
DPA

Görges mit einer Vorhand

Bei der 29-Jährigen sind diese Stärken vor allem die Vorhand und der Aufschlag. Gerade beim Service sieht Görges eine Weiterentwicklung: "Ich habe ein gutes Repertoire, kann alle Ecken anservieren und nutze verschiedene Drallarten." Wie ihre Finalgegnerin von Auckland, die als Weltranglistendritte ins Turnier gegangene Caroline Wozniacki, anmerkte, komme der Aufschlag mittlerweile vor allem in Schlüsselsituationen. Insgesamt 46 Asse schlug Görges in Auckland. Damit gehört sie in dieser Kategorie wie im vergangen Jahr zur Spitzenklasse im Damentennis.

Und doch: Auf eine Rolle als Mitfavoritin für die Australian Open oder konkrete Rankingziele will sich Görges nicht festlegen: "Ich möchte einfach in Ruhe hart arbeiten und weiterhin mein Spiel entwickeln. Das ist mir eigentlich viel wichtiger." Was bei manchen wie Koketterie daherkommt, scheint bei Görges tatsächlich Teil des Prozesses zu sein: An jedem Tag das Richtige tun, damit am Ende das Richtige passiert - und wenn am Ende ein großer Titel dabei ist? Wunderbar.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pansenhans75 07.01.2018
1. Konstanz
Ich wünsche ihr die Konstanz um längerfristig oben mit zu spielen.... sie hat trotz der Tenniszauberwelt immer ihre Bodenhaftung behalten
k.k.laake 07.01.2018
2. Mit Abstand die beste deutsche Spielerin
Als ich sie letztes Jahr gesehen habe dachte ich nur: Wow. Was ist denn mit der passiert? So ein Powertennis habe ich noch nie von einer deutschen Spielerin gesehen. Klasse. Sie ist halt leider auch schon 29. Witthoeft wäre eine weitere Kandidatin für die Zukunft, aber noch fehlt der die Konstanz.
kopi4 07.01.2018
3.
Geheimfavoritin für die Australian Open? Bei aller Wertschätzung, Siege bei der B-WM und in Auckland reichen dafür nicht. Mal nicht,wie bei x anderen Grand Slams,in der 2.Runde raus würde als Fortschritt schon reichen.
DieHappy 07.01.2018
4.
Zitat von kopi4Geheimfavoritin für die Australian Open? Bei aller Wertschätzung, Siege bei der B-WM und in Auckland reichen dafür nicht. Mal nicht,wie bei x anderen Grand Slams,in der 2.Runde raus würde als Fortschritt schon reichen.
Genau, wenn man auf dem Weg in die Top 10 ist und gerade mal die WTA Nummer 3 Wozniacki in einem Finale geschlagen hat, sollte man sich damit abfinden, das spätestens in der 2. Runde von 128 Spielerinnen Schluss sein wird. Immer diese Experten.
jbochow 07.01.2018
5. Mitfavoritin?
Die Görges hat in ihrem Leben an 39 Grand Slam Turnieren teilgenommen und war noch nie im Viertelfinale.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.