SPIEGEL ONLINE: Herr, Schmidt, auch im abgelaufenen Jahr war Blutdoping die beliebteste aller Manipulationsarten im Sport. Sie haben einen Test entwickelt, der im Blut eines Athleten sehr viele Betrüger überführen könnte. Was macht den Test so erfolgversprechend?
Schmidt: Die Ausdauerleistung eines Sportlers hängt direkt mit der Menge an Hämoglobin im Blut zusammen. Das Ziel eines jeden Blutdopings ist es daher, die Hämoglobinmenge zu erhöhen. Beim Leistungssportler bleibt diese Größe aber unter nahezu allen Bedingungen konstant, was die Voraussetzung für den Test ist. Diese Tatsache haben wir in vergangenen zwei Jahren bei 330 Spitzensportlern nachgeprüft und sind uns dabei sehr sicher geworden. Da sich also bei der nicht-dopenden Sportlerpopulation im Gegensatz zu manipulierenden Athleten dieser Wert nicht verändert, können dopende Sportler eigentlich relativ leicht überführt werden.

Blutproben: Hämoglobinmasse als Doping-Indikator
Schmidt: Wenn jemand wirklich untrainiert ist und dann auf einen Marathon hintrainiert, den er in 3:30 Stunden läuft, so verändert sich der Wert im Durchschnitt um sechs Prozent. Wenn jemand aber komplett austrainiert ist, dann gibt es praktisch keine Veränderung mehr. Aufgrund von Verletzungen, die in extremen Fällen zu langer Bettlägerigkeit zwingen, kann sich so ein Wert etwas verändern, aber das ist auf Grund der Krankengeschichte nachvollziehbar.
SPIEGEL ONLINE: Was passiert bei Blutdoping?
Schmidt: Nach Manipulation rechnen wir derzeit mit einer Zunahme der Hämoglobinmasse um zehn bis zwölf Prozent - wenn nicht noch mehr. Doping ist also ganz klar ersichtlich. Bei minimaler Anwendung von beispielsweise Epo kann der Zuwachs natürlich auch geringer sein. Der erwünschte Effekt ist es dann allerdings auch.
SPIEGEL ONLINE: Kann der Wert nicht durch ständige Manipulation konstant oben gehalten werden?
Schmidt: Für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass ein Sportler beispielsweise mit 18 Jahren anfängt zu dopen und das bis zu seinem 30. Lebensjahr durchhält, ohne Lücken - dann ist das tatsächlich schwierig nachzuweisen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass dies in der Praxis möglich ist - Eigenblutdoping ist über längere Zeit ohne Pausen nicht durchzuführen. Und wer regelmäßig Epo oder Epo-Mimetika zu sich nimmt, der wird früher oder später durch andere Tests überführt. Das hat man in diesem Jahr mit dem Epo-Mittel Cera bei der Tour de France gesehen.
SPIEGEL ONLNE: Ihr Test wird andere Kontrollmethoden also nicht ablösen?
Schmidt: Nein. Er ist im Zusammenhang mit den anderen Tests für den Blutpass zu sehen. Dort werden bislang, beispielsweise im Radsport beim Weltverband UCI, viele indirekte Größen schon gemessen. Dazu zählt unter anderem der Hämatokrit-Wert (Zellanteil am Blutvolumen, d. Red.) oder die Hämoglobin-Konzentration (roter Blutfarbstoff, der Sauerstoff zu den Muskeln transportiert, d. Red.). Unser Test würde den Blutpass (siehe Infokasten) perfekt ergänzen…
SPIEGEL ONLINE: … und revolutionieren.
Schmidt: Ja. Zusammen mit den anderen Größen könnte die statistische Aussagekraft so erhöht werden, dass man beispielsweise mit einer Wahrscheinlichkeit von 100.000:1 oder 1.000.000:1 sagen könnte: Die Veränderungen des Blutes dieses Sportlers sind unnatürlich. Wenn dann die wenigen anderen Einflussmöglichkeiten ausgeschlossen werden, bleibt nur Doping übrig. Wir müssen dazu dann nicht mehr die Substanz nachweisen, mit der gedopt wird, wir würden auch so sehen, wenn Blut manipuliert wurde - egal mit welchen Mitteln, ob mit Epo oder Eigenblut. Wenn wir sehen, dass die Hämoglobinmenge im Blut des Sportlers um einhundert Gramm zunimmt, dann wissen wir, dass er sich zwei Blutbeutel gegeben oder drei bis vier Wochen Epo verabreicht hat. Bislang konnte das Blut nach diesen Maßnamen noch so manipuliert werden, dass die Kontrolleure nichts feststellen konnten. Mit viel Flüssigkeit etwa. Das wäre bei diesem Universal-Bluttest nicht mehr möglich.
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