Kanute Dittmer bei Olympia Legende auf den letzten Metern

Er ist 36, dreifacher Olympiasieger und einer der Größten seines Sports - doch Kanute Andreas Dittmer weiß nicht, wo er steht. Diese Spiele sollten seine Krönung werden, stattdessen lauert die junge Konkurrenz auf den Sturz des Königs. Kann er das Blatt noch wenden?

Aus Peking berichtet


Andreas Dittmer kommt nicht. Er hebt dort unten am Ufer sein Boot vom Boden auf, dreht es um und setzt es wieder auf dem Wasser auf. Er winkt kurz, dann dreht Dittmer ab und steigt ein. Auspaddeln. Weg.

Kanute Dittmer: "Es geht sehr zäh"
DPA

Kanute Dittmer: "Es geht sehr zäh"

So viele Fragen. Und erstmal keine Antworten.

Zum Beispiel darauf, warum es nicht so richtig zu laufen scheint für Dittmer, 36, die Kanutenlegende, den dreimaligen Olympiasieger. Oder läuft es nur noch nicht? Es heißt, das schwüle Wetter mache ihm zu schaffen. Und: Fühlt er so etwas wie Erleichterung, es über die 1000 Meter ins Finale geschafft zu haben? Beim Hoffnungslauf über 500 Meter wurde er nur Vierter und schied aus. Man wüsste es gern.

Aber Dittmer kommt nicht. Er paddelt lieber.

Dafür steht jetzt Reiner Kießling hinter dem bunten Papierzaun, der Journalisten von Sportlern trennt, und guckt angestrengt. "Ich habe kurz gedacht, hoffentlich hört er nicht gleich auf", sagt Kießling, der Kanu-Bundestrainer. Dittmer hatte den Hoffnungslauf über die 1000 Meter hoffnungslos schlecht begonnen, bei 250 Metern war er Sechster, bei 500 Metern Vierter, bei 750 Metern immer noch. Und damit draußen. Aber Dittmer kapitulierte nicht, er kämpfte auf den letzten 150 Metern und wurde am Ende Zweiter. "Ich wusste, dass er hintenraus stärker ist", sagt Kießling, aber es klingt eher so, als habe es der Bundestrainer nur gehofft.

Denn was kann man schon wissen über Dittmer, im Moment?

Im Vorbereitungscamp in Duisburg legte der Mann aus Neubrandenburg angeblich Super-Zeiten hin, jedenfalls die, die man von ihm erwartete. Doch in Peking? Vorgestern soll der Bundestrainer ratlos gewesen sein, heißt es. Nur Vierter war Dittmer im Vorlauf über 500 Meter geworden, viereinhalb Sekunden hinter dem Sieger Alex Schukowski aus Weißrussland, viereinhalb Sekunden hinter dem direkten Finaleinzug. Fast zwei Sekunden landete er am Montag über 1000 Meter hinter David Cal, als Zweiter immerhin. Aber das änderte nichts am enttäuschenden Zwischenstand: Zwei Vorläufe, kein Sieg.

Andreas Dittmer hat seinen Sport zwölf Jahre lang beherrscht wie wenige vor ihm. Olympiasieger im Zweier-Canadier 1996, Olympiasieger im Einer in Sydney über 1000 Meter, Olympiasieger im Einer über 500 Meter in Athen. Achtmal Weltmeister. Peking sollte die Krönung werden, aber jetzt ist eine Medaille ganz weit weg. Und die junge Konkurrenz lauert: David Cal, 25, spanischer Olympiasieger 2004 über 1000 Meter. Oder Attila Vajda, 25, der Weltmeister 2007 aus Ungarn.

"Die Vorlaufleistungen haben Andreas belastet, man hat heute die Angespanntheit gemerkt", sagt Bundestrainer Kießling und auch, dass alles im Kopf anfange und dann aufs Boot übertragen werde. Sie haben vor dem Hoffnungslauf zusammen gefrühstückt, Kießling, Dittmer, seine Freundin und die Schwester Anja, Triathletin. Gut zugeredet habe er seinem Schützling dort, sagt Kießling. Ist es also einfach nur eine Kopfsache? "Ja, mit, es kommt ja alles zusammen."

Vielleicht hat Andreas Dittmer ja seinen Kopf frei bekommen mit seiner Energieleistung auf den letzten Metern.

Und jetzt kann man ihn auch fragen. Andreas Dittmer ist da. Er kommt nicht in die Mixed Zone, sondern durch den Athletenausgang. "So richtig rutschen will das noch nicht, ich quäle mich hier ehrlich über die Rennen", sagt er. Aber er sei nun im Finale, dort gehe es "von Neuem los". Auch Dittmer rätselt und hofft.

Wer glaubt, die Vorstellungen des einstigen Dominators könnten Teil eines ausgeklügelten Plans sein, wird enttäuscht. Gepokert habe er nicht. "Es geht sehr zäh. Aber ich lasse den Kopf nicht hängen", sagt Dittmer. Über 1000 Meter am Freitag (9.30 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist er ohnehin nicht mehr favorisiert, seinen einzigen Weltcupsieg in dieser Saison feierte er über 500 Meter.

Die Goldmedaille ist kaum noch zu erreichen. Dittmer ist nicht mehr der Favorit, die heißen Cal oder Vajda. Deutschland hat sicherere Goldkandidaten, allen voran den Kajak-Zweier mit Ronald Rauhe und Tim Wieskötter, unbesiegt seit sieben Jahren. Eine Medaille wäre nach jetzigem Stand ein tolles Ergebnis für Andreas Dittmer und das "schöne Geschenk", das er sich hier zum Abschluss seiner Karriere in Peking erhofft.

Ein Rennen noch. Und jede Menge Zeit für Antworten.

insgesamt 473 Beiträge
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l.augenstein 15.07.2008
1.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Offensichtlich ist dieses Thema Blech:-)
Shiraz, 16.07.2008
2.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Naja, in der Disziplin Dressurreiten-Mannschaft sind wir schwer zu schlagen.
ichbinesselbst, 16.07.2008
3.
Zitat von ShirazNaja, in der Disziplin Dressurreiten-Mannschaft sind wir schwer zu schlagen.
Na wenigstens ist auf unsere Pferde-Athleten noch Verlass.
ichbinesselbst, 16.07.2008
4.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Die, die gedopt sind, aber das so clever gemacht haben, dass die Tests nicht anschlagen, haben Chancen. Ist die DLRG eigentlich am Pekinger Olympia-Schwimmbecken zur Rettung unserer Schwimmerinnen und Schwimmer im Einsatz?
klumpenhund 16.07.2008
5.
Zitat von ichbinesselbstDie, die gedopt sind, aber das so clever gemacht haben, dass die Tests nicht anschlagen, haben Chancen. Ist die DLRG eigentlich am Pekinger Olympia-Schwimmbecken zur Rettung unserer Schwimmerinnen und Schwimmer im Einsatz?
Schnarch... War eigentlich klar das sowas kommt... Es gibt 2 Olympiafreds, 3 Radsportfreds und ein Dopingfred und überall wird nur über Doping herumspekuliert. Wie wäre es mit einem Sammelfred, den man in die Abteilung Gesellschaft packt? Vielleicht kann man sich dann in der Sportkategorie auch wieder über Sport unterhalten.
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