Ex-Leichtathlet Kemper "Doping im Westen schlimmer als im Osten"

Schwere Vorwürfe eines Ex-Stars: Der ehemalige Mittelstreckenläufer Franz-Josef Kemper hat die Leichtathletik der alten Bundesrepublik des massiven Dopings bezichtigt. Besonders einen Sprint-Trainer belastet er schwer.

Ehemaliger Mittelstreckenläufer Kemper: "Naivität und Unwissen"
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Ehemaliger Mittelstreckenläufer Kemper: "Naivität und Unwissen"


Hamburg - Der frühere Weltklasseläufer Franz-Josef Kemper hält die Dimensionen des westdeutschen Dopings in den siebziger und achtziger Jahren für weitreichender als zur selben Zeit in der DDR. "1976 und 1980 war es im Westen schlimmer als im Osten, weil es kleinzellenhaft, aber nicht so kontrolliert passierte", sagte der einstige 800-Meter-Europarekordler dem Radiosender Sport1.fm: "In den Sechzigern, Anfang der Siebziger war viel Naivität und Unwissen dabei. Aber was dann 1976 in Montreal passiert ist und 1980 und 1984, da hatte der Westen in vielen Belangen zur DDR aufgeschlossen."

Besonders scharf ging Kemper den früheren Frauen-Cheftrainer Wolfgang Thiele an: "Was Wolfgang Thiele mit den Sprinterinnen in Hamm gemacht hat, war für mich ein Verbrechen. 'Der läuft heute noch frei rum' kann man ja nicht sagen, aber er hatte noch viele Funktionen im Sport - das ist schlimm."

Thiele war als Bundestrainer unter anderem für die im März im Alter von nur 49 Jahren verstorbene frühere Hallen-Weltmeisterin Helga Arendt sowie andere Top-Sprinterinnen wie Ulrike Sarvari verantwortlich gewesen. Thiele starb 2011.

Sich und seine Läuferkollegen bei den Olympischen Spielen 1972 in München hält Kemper für weitgehend sauber: "Ich bin fast hundertprozentig sicher, dass die deutschen und die meisten anderen internationalen Mittel- und Langstreckenläufer damit noch nichts zu tun hatten", sagte der 67-Jährige: "Einzelne sind mit Aufputschmitteln erwischt worden, aber bei uns hat das keine Rolle gespielt. Denn der Sport war für uns nicht existentiell, wir mussten damit kein Geld verdienen. Wir wären gar nicht auf die Idee gekommen, uns hat das auch niemand angeboten."

aha/sid



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spon-facebook-10000103711 09.08.2013
1.
Wie überraschend für uns alle. Wir konnten das alles nicht wissen. Wer hätte das gedacht. Weil wir, wir sind ja die guten. Die anderen, die sind die Bösen. Aus dem Spiegel 37/1987 Rutschbahn in den legalen Drogensumpf Am 10. April 1987 starb, nach dreitägigem Martyrium unter unsäglichen Schmerzen, die deutsche Leichtathletin Birgit Dressel, 26. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13523874.html Aber sind ja immer diese Radfahrer........
carlomanio 09.08.2013
2. Trainings- und Wettkampfkollege
Zu den Olympischen Spielen 1968 in Mexico waren im Mittelstreckenbereich Franz-Josef Kemper, Walter Adams, Bodo Tümmler und Harald Norpoth 1. Garnitur. Ich selbst war 2. Garnitur in dieser Zeit und hatte Gelegenheit die o.g. Sportkameraden sowohl im Trainingslager in St. Moritz (1968) als auch beim Weltrekordversuch über 1000 m in Lahr (Schwarzwald) - ich startete seinerzeit für den TV Lahr - kennenzulernen. Alle waren -auch Paul Schmidt unser Bundestrainer - gute Sportkameraden und das Thema Doping war kein Thema, Gott sei Dank von meiner Seite auch nicht bei den Vorsorge- und Sport-Untersuchungen in Freiburg und Berlin. Auch mit den Hinweis von Franz-Josef Kemper, daß in dieser Zeit diese Sportart nicht zum Geldverdienen da war, lag er richtig. Insofern war hier kein unnötiger Druck vorhanden mit leistungssteigernden Mitteln nachzuhelfen.
tw1974 09.08.2013
3. Doping
Hmmm. (1) Die Aussage von Kemper ist widersprüchlich. Einerseits soll es 1976 und 1980 im Westen schlimmer gewesen sein als im Osten, andererseits hat der Westen 1976, 1980 und 1984 zur DDR "aufgeschlossen". (2) Interessant ist, dass es immer andere Sportler waren, die gedopt haben. Kemper und die anderen Mittel- und Langstreckenläufer sollen nicht am Doping beteiligt gewesen sein. (3) Das es Doping auch im "Westen" gab ist doch vollkommen unstrittig. Aber ein staatliches Dopingsystem, bei dem Athleten unwissentlich oder unter staatlichem Zwang Doping-Substanzen einnahmen, gab es wohl nur im Osten. Wenn man den DDR- mit dem BRD-Medaillenspiegel in den 1980er Jahren vergleicht, ist es wenig plausibel, dass die BRD-Athleten ähnlich systematisch gedopt wurden wie die DDR-Athleten: Den direkten Vergleich gab es wegen des Boykotts erst 1988, aber die DDR holte in Moskau 1980 126 Medaillen (47 Goldene), die dreimal größere BRD 1984 in Los Angeles 59 (17 Goldene). In Seoul 1988: DDR 102 (37), BRD 40 (11).
romaval 09.08.2013
4. Doping
es erstaunt mich, daß jetzt auf einmal viele Personen etwas zu sagen haben.Jahrzehntelang war man still und feige.Jetzt kommt man aus den Löchern, Viele um sich reinzuwaschen.......Seht her ich trage zur Aufklaerung bei. Was für Feiglinge und Charakter.Schaemt euch.
spiegelator 09.08.2013
5. Schon damals gab es das...
Es war ca. 1965, kurz vor dem Aibtur. Ein Mitschüler, ca 70 kg schwer, sollte von der Jugendmannschaft in die erste Mannschaft eines bayerischen Bundesligavereins übernommen werden. Bei gleichbleibendem Training hat er innerhalb kurzer Zeit Muskelmasse aufgebaut bis ca 90 kg. Diese Gewicht ist im Eishockey notwendig zur Verletzungsvermeidung.
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