Von Rafael Buschmann
Vor dem Auftritt gegen Tomasz Adamek hatte Fritz Sdunek in der Boxwelt für Aufregung gesorgt. "Zwei, drei, Kämpfe" werde sein Schützling noch bestreiten, "mehr nicht", sagte der Trainer von Vitali Klitschko der "Welt". Da keimte Hoffnung auf. Wird die Dominanz der Klitschko-Brüder, die alle Weltmeistergürtel im Schwergewichtsboxen halten, bald vorbei sein? Die Ukrainer haben inzwischen keine Gegner mehr, da muss schon einer der beiden seine Karriere beenden, damit wieder etwas Spannung aufkommt.
Doch vermutlich war Sduneks Aussage nur Teil der PR-Kampagne, um den Kampf in Breslau interessanter zu machen. Denn nach dem klaren Sieg gegen den bemitleidenswerten Polen wollte der Trainerfuchs von einem Karriereende des 40-jährigen Vitali Klitschko nun doch nichts mehr wissen. "Lange wird er nicht mehr kämpfen", fabulierte Sdunek am späten Samstagabend zwar, "aber ich weiß nicht, ob es tatsächlich nur drei oder vielleicht doch mehr Kämpfe werden." Sein Rat: "Vitali sollte nicht aufhören, solange er nicht getroffen wird."
Tatsächlich verriet Klitschkos Gesicht, dass er keine echten Treffer kassiert hatte. Abgesehen von einer Rechten Adameks in der fünften Runde war es ausschließlich der WBC-Champion, der den Schlagrhythmus bestimmte. Nach zehn Runden war es dann dem Ringrichter zu viel, er brach den Kampfab, nachdem sich Adamek einem Schlaghagel Klitschkos ausgesetzt gesehen hatte.
Klitschko führt Adamek vor
"Ich war überrascht über sein starkes Kinn", sagte Klitschko. Adamek, dessen Gesicht nach überstandenem Einsatz aussah, als habe er mit einem Schwarm Wespen gekuschelt, gestand: "Ich wollte bis zum Ende kämpfen. Ich bin ein Krieger und muss meinen Stolz herunterschlucken."
Rund 44.000 Zuschauer waren ins Breslauer Fußballstadion gekommen, das eigens für die Europameisterschaft 2012 gebaut wurde. Sie hatten auf eine Überraschung durch ihren Landsmann gehofft, doch es wurde wieder einmal eine Klitschko-Show. Der 110-Kilogramm-Mann dominierte seinen zwölf Kilogramm leichteren Kontrahenten nach Belieben. Klitschko führte Adamek phasenweise vor, boxte auf seine ganz eigene Art, ohne wirkliche Deckung.
Nach diesem ungleichen Duell stellt sich erneut die Frage: Gegen wen sollen die Klitschkos noch antreten? Adamek, der ehemalige Weltmeister im Halb- und Cruisergewicht, ist bereits die aktuelle Nummer drei der Weltrangliste. Damit ist der Pole der beste Boxer außerhalb der Klitschko-Familie. Fraglich ist, ob Adamek diese Einstufung tatsächlich verdient hat. Bislang bestritt er lediglich sechs Kämpfe im Schwergewicht, erreicht hat er in der Königsklasse des Boxens noch nichts.
"Es war ein Fehler, ins Schwergewicht zu wechseln"
"Man kann nicht durch Essen Schwergewichtler werden. Man muss zum Schwergewichtler geboren sein", dozierte Vitali Klitschko, "Tomasz ist der beste Boxer der Welt, nur nicht im Schwergewicht. Es war ein Fehler von ihm, ins Schwergewicht zu wechseln." Vor dem Duell, das in der Spitze gut zehn Millionen Zuschauer im deutschen Fernsehen verfolgten, hatte Klitschko noch Adameks Härte und Einstellung hervorgehoben. Das war dann wohl auch nur Businesstalk.
In Polen selbst war vorab vom "Kampf des 21. Jahrhunderts" die Rede gewesen. Im Ring regierte der 2,03 Meter große Klitschko. Bereits nach zwei Runden hatte der sechs Jahre jüngere und 16 Zentimeter kleinere Adamek so viele schwere Treffer kassiert, dass es eher wie die "Verprügelung des 21. Jahrhunderts" aussah.
Wenn es also der aktuellen Nummer drei der Welt schon so ergeht, wer soll den Klitschkos dann überhaupt noch gefährlich werden? Am Samstagabend wurde bekannt, dass der Engländer David Haye, den Wladimir Klitschko im Juli geschlagen hatte, seine Karriere doch nicht beenden möchte und stattdessen auf einen Kampf gegen Vitali hofft.
Ein solcher Kampf wäre vom Klitschko-Management leicht zu vermarkten, denn Haye gilt als Großmaul, der durch seine Show und Sprüche für Aufmerksamkeit sorgt. Aber boxerisch hatte der 31-jährige Haye genauso wie Adamek gezeigt, dass er mit der größeren Reichweite der Klitschkos nicht klar kommt.
Haye und Adamek müssen sich für diese Unzulänglichkeiten aber keineswegs schämen. Sie befinden sich in bester Gesellschaft. Weltweit gibt es niemanden, der den Klitschkos annähernd Paroli bieten könnte. Wegen der Aussicht auf eine ordentliche Kampfbörse wird sich aber mit Sicherheit ein bis dahin wenig bekannter Herausforderer finden, der sich auf einen der Klitschkos einlässt.
Wie sagte doch Adamek, der eine Millionengage kassiert haben soll, nach seiner Tracht Prügel: "Ich werde leben und gesund sein." Mehr kann man von einem Kampf gegen einen der Klitschkos auch nicht erwarten.
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