Klitschkos fragwürdige Boxgegner Blut und Spiele

Die Kämpfe der Klitschkos begeistern die Zuschauer - aber gerade der Sieg gegen Shannon Briggs offenbart, dass die Treffen mehr Show als Sport sind. Die boxenden Brüder zelebrieren das Spektakel gegen schwache Gegner.

Von Susanne Rohlfing

dapd

Üblicherweise sind Boxer stolz darauf, wenn sie den Ring als Sieger ohne einen einzigen Kratzer verlassen. Nach dem Kampf gegen Shannon Briggs jedoch betont Bernd Bönte, der Manager der Klitschko-Brüder, dass auch Vitali Klitschko ein angeschwollenes, blaues Auge davongetragen habe.

Verglichen mit den Verletzungen, die bei seinem Gegner am frühen Sonntagmorgen diagnostiziert wurden, ist das Leiden des Weltmeisters zwar kaum erwähnenswert. Nach Ansicht Böntes aber beweist es, dass Shannon Briggs ein würdiger und gefährlicher Herausforderer war - und dass der Schwergewichtskampf in Hamburg mehr war als eine einseitige Prügelstrafe für den Amerikaner.

Briggs habe Klitschko das blaue Auge noch in einer der letzten Runden zugefügt, er sei also bis zum Schluss gefährlich gewesen. So sieht es zumindest Bönte: "Ich halte Shannon Briggs nach wie vor für keinen schlechten Boxer, der würde gegen viele andere Gegner gewinnen. Viele Boxer sehen gegen die Klitschkos deutlich schlechter aus, als sie gegen andere Gegner aussehen würden. Die Klitschkos sind eine Klasse für sich."

Fest steht: Die Brüder sind gut. Aber sind sie auch sehr gut? Oder sind sie vor allem geschickt bei der Auswahl ihrer Gegner?

Shannon Briggs muss aus Sicht der Klitschkos ein perfekter Gegner gewesen sein. Er machte im Vorfeld genug Krawall, um den Kartenverkauf anzukurbeln und die Menschen dazu zu bringen, den Fernseher einzuschalten. So war die O2-World in Hamburg ausverkauft, und RTL erzielte mit durchschnittlich 13,29 Millionen Zuschauern eine Rekordquote. Mit seinen vielen Muskeln und den wilden Rastalocken sah Briggs gefährlich aus, das war gut fürs Geschäft.

"Es ist schwer zu verkraften, dass ich das angerichtet habe"

Im Ring jedoch brachte der Amerikaner Vitali Klitschko in keiner Sekunde in echte Bedrängnis. Das war gut für die Gesundheit, wenn auch nur für die des Ukrainers.

Shannon Briggs dagegen kollabierte nach dem einstimmigen Punktsieg Vitali Klitschkos am frühen Sonntagmorgen in seiner Kabine und wurde mit schweren Verletzungen in die Uniklinik Hamburg Eppendorf gebracht. Noch am Sonntag besuchte Vitali Klitschko seinen Gegner. Der Anblick scheint ihn schockiert zu haben: "Shannon sah aus, als hätte er einen schweren Autounfall gehabt", sagte Klitschko. "Es ist schwer zu verkraften, dass ich das angerichtet habe."

Aber so ist es seit einigen Jahren: Die Klitschkos teilen aus und kassieren dabei so wenig Schläge wie möglich und so viel Geld wie möglich. "Ich bin nicht bereit, meinen Kopf zu testen, ich möchte diesen Kopf auch nach meiner Zeit als Boxer noch benutzen." Das sagte Vitali Klitschko zum Beispiel im vergangenen September nach seinem wenig spektakulären Triumph über Chris Arreola. Wer seine Gegner überlegen dominiert, kann das sagen. Und wer will den Klitschkos auch vorwerfen, dass sie Kraft sparen, wo es geht und sich nicht verprügeln lassen?

Am Montag machten sich dann auch Bruder Wladimir Klitschko und Manager Bönte auf den Weg ans Krankenbett. Briggs habe ihnen versichert, bis zuletzt bei klarem Verstand gewesen zu sein und auf den alles entscheidenden Glückstreffer gehofft zu haben, sagte Bönte. "Den Lucky Punch hat es in so vielen Kämpfen gegeben", betont der Manager und führt als prominentestes Beispiel das Duell zwischen George Foreman und Michael Moorer im November 1994 an. Moorer dominierte den Kampf klar, bis Foreman in der zehnten Runde doch noch ein Glückstreffer gelang. So wurde er mit 45 Jahren noch einmal Weltmeister - und ein Held. "Das wäre nicht passiert, wenn der Kampf abgebrochen worden wäre", erklärte Bönte.

Nichts als pure Show?

Christoph Götz, Neurochirurg und Ringarzt aus Hamburg, sieht es anders. Er hat den Kampf Klitschko gegen Briggs vor dem Fernseher verfolgt. Warum seine beiden in der Halle anwesenden Kollegen dem Ringrichter nicht den Abbruch empfahlen, versteht er nicht. "Man hätte Briggs keinen Lucky Punch gestohlen", sagt Götz, "dazu war er nicht mehr in der Lage." Das habe man sehen können.

Boxer, die anschließend an einer Gehirnverletzung gestorben sind, konnten fast immer noch "mehr oder weniger aufrecht aus dem Ring krabbeln", sagt Götz. Wenn das Gehirn durch die Erschütterung der vielen Schläge anschwillt oder blutet, macht sich das oft erst nach dem Kampf bemerkbar. Nahezu unbekannt ist dabei noch immer, mit welchen Spätfolgen Boxer rechnen müssen. Man wisse jedoch, dass die Schwere der späteren Schäden mit der Anzahl der geboxten Runden korreliere, erklärt Götz. Jede Runde weniger wäre somit ganz klar im Sinne der Gesundheit von Shannon Briggs gewesen.

Bönte beruft sich darauf, dass kein Gegner in den Ring gezwungen werde, dass sie alle freiwillig anträten und dass man nicht mehr tun könne, als Kontrahenten aus den Top Ten der Weltranglisten auszuwählen. Dafür, dass mögliche Gegner wie der britische WBA-Weltmeister David Haye oder der russische Amateur-Olympiasieger Alexander Powetkin wahlweise kniffen oder nicht finanzierbare Gagen verlangten, könne man ja nichts. Bönte beruft sich auch darauf, dass die Zuschauer sich den Kampf in Hamburg bis zuletzt angeguckt hätten.

Das Volk wurde also unterhalten. Fragt sich nur, ob der Kampf deswegen auch gut war. Das gilt wohl auch für das nächste Treffen. Am Montag hat Wladimir Klitschko seinen Gegner für den 11. Dezember in Mannheim vorgestellt. Es ist der Brite Dereck Chisora, ein weitgehend unbekannter und mit 14 Profikämpfen sehr unerfahrener Gegner.

Was bleibt ist ein bitterer Nachgeschmack: Boxen ist brutal. Als Sport betrieben ist es aber zumindest darauf ausgelegt, dass zwei ebenbürtige Gegner miteinander im Ring stehen. Ist das nicht der Fall, handelt es sich um nichts als pure Show. Sind die Umstände so wie am Samstag in Hamburg, mit Sturheit beim Gegner und Unentschlossenheit bei seiner Ecke, dem Ringrichter und den Ringärzten, wird aus der Show pure Brutalität.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
stevie76 20.10.2010
1. ..
schöner artikel, das problem der klitschkos ist einfach, dass sie in ihrer zeit die besten sind. es gibt keine ebenbürtigen gegner, leider. für einen bruderkampf sind beide zu intelligent. ich hätte beide gern in den glanzzeiten von holyfield oder tyson gesehen.
Alf.Edel 20.10.2010
2. Neeeeiiiiiiin!!!
Das ist keine Show! Alles echt! Genau so wie Wrestling und Zaubern....
dent42 20.10.2010
3. Re
Die Frage bleibt ob es z.Zt Gegner gibt die die Klitschkos Schlagen können, ich denke, wenn überhaupt, ist deren Zahl ist stark begrenzt. Übrigens hätte Briggs Trainer auch jederzeit das Handtuch werfen können.
efka 20.10.2010
4. Boxen - Sport - Show
Das ist aber mal was Neues! Es ist doch eigentlich jeder Sport aus den Fußstapfen der Amateure getreten und hat sich zu einem Profisport entwickelt - und bei Profis geht es ums Geld. Am besten um VIEL Geld. Und je dümmer die Zuschauer werden um so höher die Einschaltquoten und die erzielten Gewinne. Ob nun Boxfight oder Schampionslieg oder Buntes-Lika oder Olimbischä Schbiiele. Money makes the world go round! Da braucht man doch nicht so pikiert tun und Effekt hascherisch Fragen: Blut und Spiele! Oh Gott! Wohin ist die Qualität des Journalismus im Spiegel gesunken? Ins unermessliche Loch des www! Schade! EfKa
Miguel, 20.10.2010
5. .
ich hätte sie gerne vor den zeiten von holyfield gesehen - tyson war auch kein guter boxer im technischen sinne ( zumindest am höhepunkt seiner karriere ). aber selbst ein tyson hätte mit den beiden langsamen ( beinarbeit )tapsigen brüdern wahrscheinlich einen interessanten boxkampf abgeliefert. foreman, clay, sugar etc. das wären mit sicherheit gegner gewesen, die den großangelegten klitschkowerbemaßnahmen schon in der anfangsphase einen riegel vorgeschoben hätten. letztenendes ist ein wenn und hätte leider nichts wert und die wenigen zuschauer, die sich nicht blenden lassen vom medienrummel um die beiden brüder, wissen eh um deren mittelmäßigkeit in einer seit jahren sehr, sehr schlechten schwergewichtsklasse.
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