Tischfußball Spiel der Millionen Fehler

Ja, es gibt sie wirklich: die deutsche Tischfußball-Nationalmannschaft. Knuth Strecker ist ihr Kapitän und einer der besten Kickerspieler Deutschlands. Angefangen hat er wie die meisten in der Kneipe. Doch abseits der Bars hat sich ein Leistungssport mit Ligen und Meisterschaften entwickelt.

Von

SPIEGEL ONLINE

Hamburg - Im schummrigen Barlicht fläzt er sich auf einem Ledersessel, die Haare unter einer Mütze versteckt, an seinem Finger prangt ein auffälliger Siegelring. In das Schmuckstück sind weder Wappen, noch Initialen eingraviert. Es ist eine Tischfußball-Figur. Sein Besitzer, Knuth Strecker, ist einer der besten Kicker-Spieler im Land, sogar Kapitän der Tischfußball-Nationalmannschaft. Und die Bar auf dem Hamburger Kiez ist sein persönliches Trainingszentrum: Strecker ist Geschäftsführer des Kixx, einer Hamburger Kicker-Institution.

Wie fast alle Tischfußballer auf Leistungssportniveau hat Strecker in der Kneipe mit dem Kickern angefangen. "Aus Spaß an der Freude", sagt der 35-jährige Ostfriese. Als es auf dem Dorf keine Konkurrenz mehr gab, fuhren er und seine Kumpels in die große Stadt und lernten die Tricks der Cracks. Seit 2001 ist Strecker Turnierspieler, seit 2011 führt er das Nationalteam an. "Ich habe die gesamte Entwicklung des Sports mitgemacht", sagt er.

Klar, Tischfußball als Kneipensport gibt es noch immer - doch parallel dazu ist ein organisierter Sport mit Ligastruktur sowie nationalen und internationalen Wettkämpfen entstanden. Sogar das Fernsehen überträgt die größeren Turniere mittlerweile live. An diesem Wochenende tritt die Elite bei der Meisterschaft des Deutschen Tischfußballbundes (DTFB) in einem Ferienpark im Sauerland an, um die Teilnehmer für die Weltmeisterschaft Anfang Januar im französischen Nantes zu ermitteln.

Kraft ist beim Tischfußball nicht so wichtig

"Die deutsche Bundesliga ist mit Abstand der beste Betrieb weltweit", sagt Strecker. Etwa 6000 Spieler sind in den Landesverbänden registriert und kickern nicht nur am Wochenende in der Kneipe, sondern regelmäßig im Verein. Manche sogar fünf- bis sechsmal in der Woche. "In meinen intensivsten Zeiten habe ich das auch gemacht", sagt Strecker. Neben seinem Verlagsjob und seiner Arbeit im Kixx bleibt für das Training allerdings nicht mehr viel Zeit.

Das sei aber auch nicht zwingend nötig, sagt Strecker: "Der Weg an die Spitze ist hart, aber wenn man mal ein gutes Niveau erreicht hat, lässt sich das auch relativ leicht halten." Körperliche Voraussetzungen wie Kraft oder Schnelligkeit spielen beim Tischfußball eine eher untergeordnete Rolle, wichtiger sind Hand-Auge-Koordination und Erfahrung. Tischfußball sei zu etwa 70 Prozent ein mentaler Sport, sagt Strecker, "deshalb heißt es auch 'Spiel der Millionen Fehler'".

Bis man die alle einmal gemacht und abgestellt hat, dauert es viele hundert Trainingsstunden. Die haben die wenigsten Hobbyspieler in den Handknochen - und geben sich in den Kneipen trotzdem gern als die Unschlagbaren. Manchmal, wenn Strecker mit Freunden auf dem Kiez ein paar von sich überzeugte Kicker-Spieler beim stümperhaften Spiel beobachtet, fordert er sie zum Duell. "Macht einer den dicken Max, machen wir den rund", sagt Strecker. Weil er's kann.

"Wie das Erlernen eines Musikinstruments"

Die wichtigsten Schusstechniken habe man relativ schnell drauf, der Rest sei Ballgefühl und Konzentration. "Ein paar machen für die Kraft in den Händen Liegestütze auf den Fingern - aber das ist eher Show", sagt Strecker. "Es hilft nur Üben."

Die Nationalmannschaft sei deshalb ein wilder Mix, der älteste Sportler schon über 50. Doch der Nachwuchs lässt nicht mehr lange auf sich warten. Immer mehr Jugendliche lernten das Kickern nicht in der Kneipe, sondern mit einem Trainer im Verein. "Die haben natürlich ganz andere Voraussetzungen als wir", sagt Strecker. "Das ist wie mit dem Erlernen eines Musikinstruments. Je früher, desto besser." Er selbst habe mit 16, 17 Jahren eigentlich zu spät angefangen.

Doch bislang ist keiner der Jungen Knuth Strecker gefährlich geworden: Er und sein Kicker-Partner Ingo Aufderheide fahren als Titelverteidiger in der Kicker-Königsdisziplin, dem Doppel, zur Deutschen Meisterschaft, Strecker zählt sich und die anderen Nationalspieler zu den Favoriten. Sie alle haben in Jeans und T-Shirt das Kickern gelernt, tragen zu offiziellen Anlässen wie der DM mittlerweile aber die vom Verband vorgeschriebene Sportkleidung aus Trainingshose und Trikot. Dadurch und mit einem festgelegten Regelwerk will sich der Leistungssport künftig noch mehr vom Kneipensport absetzen - und vor allem ernster genommen werden.

"Aber auch wenn die gesamte Aufmachung und Organisation professioneller geworden ist - Tischfußball bleibt ein Amateursport", sagt Strecker. Genaugenommen ist er sogar nicht einmal das: Im Gegensatz zu Italien und Frankreich hat der Deutsche Olympische Sportbund Kickern bislang nicht als offizielle Sportart anerkannt, die Strukturen basieren komplett auf Ehrenämtern. Immerhin ist man in Deutschland schon etwas weiter als in der Türkei. Dort war Kickern bis vor wenigen Jahren verboten. Es galt als Glücksspiel.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dual_studentin 16.11.2012
1. Endlich...
Kommt der Sport auch in den großen Medien an. Gerne mehr Berichte, auch über die offiziellen Meisterschaften!
tobiash 16.11.2012
2. Na super,....
Zitat von dual_studentinKommt der Sport auch in den großen Medien an. Gerne mehr Berichte, auch über die offiziellen Meisterschaften!
... ich hoffe, dann wird Hallenhalma auch endlich medial gewürdigt. Auch wenn es als Kneipengag ganz lustig ist: zum Zugucken taugt es nicht im Ansatz. Und als Sport würde ich es auch nicht bezeichnen wollen, dann schon eher als Zeitvertreib.
tylerdurdenvolland 17.11.2012
3. Wunderbar!
Zitat von sysopdpa/dpawebJa, es gibt sie wirklich: die deutsche Tischfußball-Nationalmannschaft. Knuth Strecker ist ihr Kapitän und einer der besten Kickerspieler Deutschlands. Angefangen hat er wie die meisten in der Kneipe. Doch abseits der Bars hat sich ein Leistungssport mit Ligen und Meisterschaften entwickelt. http://www.spiegel.de/sport/sonst/knuth-strecker-ist-kapitaen-der-tischfussball-nationalmannschaft-a-865946.html
Endlich wird mal über echten Sport geredet ! Und ganz besonders toll: Gleich als erster und damit wichtigster artikel in der rubrik Sport.
WAZ 17.11.2012
4. Attraktiver Sport
Lange Zeit war der Tischfußball eine unterschätzte Sportart. Inzwischen freuen sich Zuschauer bei Profi-Turniere über spannende und schnelle Spiele. Auch die Wettkampfstätten haben sich verändert: Profi-Tischfußball findet nicht mehr in Kneipen sondern in den Sälen von 5-Sterne Hotels statt (z.B. im Maritim Bonn). Die bekannten TV-Sender haben die Übertragung von Top-Turnieren noch nicht im Focus - demnächst wird sich dies zugunsten dieses Sports ändern. Dieser Sport ist einfach interessanter als Dart oder Billard oder Bowling oder Gewichtheben für den Zuschauer..
shark65 17.11.2012
5. räusper
Zitat von WAZLange Zeit war der Tischfußball eine unterschätzte Sportart. Inzwischen freuen sich Zuschauer bei Profi-Turniere über spannende und schnelle Spiele. Auch die Wettkampfstätten haben sich verändert: Profi-Tischfußball findet nicht mehr in Kneipen sondern in den Sälen von 5-Sterne Hotels statt (z.B. im Maritim Bonn). Die bekannten TV-Sender haben die Übertragung von Top-Turnieren noch nicht im Focus - demnächst wird sich dies zugunsten dieses Sports ändern. Dieser Sport ist einfach interessanter als Dart oder Billard oder Bowling oder Gewichtheben für den Zuschauer..
nanana, der DSAB (Deutscher Sportautomaten Bund) der sich überwiegend aus Dartspielern zusammensetzt, ist ja der Verband, der sich schon vor über 10 Jahren für die Tischfussballer eingesetzt hat und ihnen auf grösseren Open-Turnieren eine Plattform in Form von Internationalen Turnieren gab. Das heisst, ohne die Dartspielerlobby würden sich die Tischfussballer immer noch ausschliesslich in Kneipen rumtreiben ;) Und Interessant liegt im Auge des Betrachters.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.