Tour-Mythos Alpe d'Huez: Das Rad in der Menge

Aus Alpe d'Huez berichten Philipp Katzer und Jonathan Sachse

König von Alpe d'Huez: Christophe Riblon auf dem Weg zum Etappensieg Zur Großansicht
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König von Alpe d'Huez: Christophe Riblon auf dem Weg zum Etappensieg

Der Anstieg nach Alpe d'Huez gehört zu den berühmtesten des Radsports. Knapp eine Million Zuschauer verfolgten den Heimsieg des Franzosen Christophe Riblon auf der diesjährigen Königsetappe der Tour de France. Für viele begann das Fest schon Tage vorher - und nicht jeder bekam von dem Radrennen etwas mit.

Als die Motorräder vorbeirauschen, setzt Kyle den Kopf seines Hundekostüms auf. Er schaut sich kurz um und fängt an zu rennen. Jetzt ist Kyle genau neben seinem Landsmann Tejay van Garderen, der als erster Ausreißer den Anstieg hinaufkommt. Doch das Zuschauerspalier ist nicht breit genug für beide. Nach nicht mal zehn Sekunden muss Kyle stehen bleiben. "Auf diesen Moment habe ich sechs Tage gewartet", sagt der Texaner.

Der Anstieg nach Alpe d'Huez ist wohl der berühmteste der Radsportwelt. Und verlangt auch von den Zuschauern einiges an Verrücktheit: Bei kaum einem anderen Sportereignis ist das Verhältnis von Aufwand und erlebtem Livesport derart unausgeglichen. Schon Wochen vorher reisen die ersten Fans an, um den Berg mit ihren Wohnmobilen und Zelten zu besetzen. Bei der 18. Etappe der diesjährigen Tour de France stehen fast eine Million Zuschauer am Straßenrand, auch für sie müssen die Fahrer in diesem Jahr gleich zweimal auf den Berg.

Deutsche Fahnen schon Tage vorher ausverkauft

Als die Fahrer in Gap starten, steigen Kerstin und Detlef aus ihrem Wohnmobil. Seit vier Tagen warten sie bereits an dieser Stelle. Von hier, vier Kilometer vor dem Ziel, können sie die grauen Plattenbauten von Alpe d'Huez sehen. Weiter oben war schon am Montag nichts mehr frei. Das Ehepaar aus Thüringen reiste nur für diese eine Etappe an. "Weil wir wussten, dass hier viele andere Fans sind", sagt Detlef. Viele Menschen ziehen noch mehr Menschen an. So funktioniert ein Mythos.

Vor zwei Tagen wollten die beiden oben im Ort eine deutsche Fahne kaufen. Doch die waren ausverkauft. Jetzt schmückt eine Brasilienfahne ihr Wohnmobil. "Wir feuern jetzt Murilo Fischer an, den einzigen Brasilianer", sagt Kerstin. Der Brasilianer wird heute 26 Minuten nach Etappensieger Riblon das Ziel erreichen. Das Sportliche spielt sowieso nur eine Nebenrolle. Viel wichtiger sei das Zusammensein der Radsportfans aus aller Welt, sagt Kerstin.

Aus der Vogelperspektive beeindruckt dieser Berg in den französischen Alpen. Die 21 Kehren hoch zum Ziel sorgen für eine klare Struktur. Die Namen der Sieger an den Kurven beschreiben die Geschichte. Am Denkmal ihrer nationalen Sieger versammeln sich die Fans aus aller Welt. Die Italiener in Kehre zwei und drei: Marco Pantani, zweifacher Sieger. Die Schweizer an Kehre 14, hier gewann Beat Breu 1982. Der heutige Etappensieger Christophe Riblon wird schon bald an Kehre 15 eingetragen werden, als dritter französischer Fahrer, der Alpe d'Huez gewann.

Drei Stunden bevor Christophe Riblon den steilen Anstieg beginnt, biegt ein junger Radfahrer um die Ecke der siebten Kehre - auf die Gerade der Holländer. Links Orange, rechts Orange. Die Holländer schreien ihn von beiden Seiten den Berg hinauf, berühren ihn, lassen gerade noch Platz für ihn und sein Rennrad.

Stolz blickt er geradeaus, wechselt in den Wiegetritt. An seinem Rücken hängt die Fahne Luxemburgs. Er strampelt im Trikot von RadioShack. Das Team, für das sein Landsmann Andy Schleck fährt, der hier Stunden später attackieren wird. Hier am Anstieg nach Alpe d'Huez erlebt der kleine Junge den Moment, indem er nicht nur das Trikot seines Idols trägt, sondern selbst zum Helden wird.

"Wir sind doch alle zum Feiern hier"

In der Pantani-Kehre liegt plötzlich ein italienischer Hobbyfahrer am Boden. Ein Versorgungsfahrzeug des französischen Teams Sojasun hat ihn angefahren. Sofort ist die Gendarmerie zur Stelle, klärt die Situation. Innerhalb weniger Minuten stauen sich dahinter Hunderte Hobbyfahrer. Für sie ist es wichtig, die heilige Etappe nach Alpe d'Huez am selben Tag wie die Profis zu fahren.

Als die Profis zum ersten Mal den Anstieg erreichen, hat William aus Utrecht Mühe, die Fahrer zu erkennen. "Ich hasse die Tour de France", schreit er, um lauter zu sein als die Musik, "wir sind doch alle nur zum Feiern hier". Seit drei Tagen verpflegt er sich am improvisierten Bierstand. Dass sein Landsmann Bauke Mollema die Chance auf das Podium heute verliert, interessiert ihn nicht.

Manchmal überschreiten die Fans die Grenzen: Richie Porte, Edelhelfer des Gesamtführenden Froome, verfängt sich vier Kilometer vor dem Ziel in der Flagge eines Japaners und gerät ins Schleudern. Christopher Froome bekommt während seines Kampfes mit dem Hungerast auf den letzten Kilometern so viele Schläge auf den Rücken seines Gelben Trikots, dass er diese noch im Ziel gespürt haben dürfte. Bereits vor der Etappe hatte Tony Martin Respekt vor der aufgeladenen Atmosphäre: "Wenn die Leute neben mir herrennen, macht mich das manchmal aggressiv." Doch auch das gehört zur Tour, das wissen die Profis.

Zwei Stunden nach dem Rennen hängen über Alpe d'Huez dicke Wolken. Die Zäune im Zielbereich sind abgebaut, die Tourkarawane zieht weiter. Es wird wieder einige Zeit dauern, bis aus dem verschlafenen Wintersportort erneut der Mittelpunkt der Radsportwelt wird.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Toll wars...
merapeak75 18.07.2013
... und die Atmosphäre war einfach grandios. Mehr gibt's eigentlich nicht zu sagen!
2. ich staune
mariakäfer 18.07.2013
über Jens Voigt und hoffe und will glauben dass er sauber ist. Es muss doch noch ehrliche Menschen geben.
3. Wer einmal..
jankut 18.07.2013
dabei war, wird es niemals vergessen und garantiert wiederkommen. Gruß aus Frankreich.
4. das ist doch kein Sport ---
paulsen2012 18.07.2013
egal ob mit oder ohne Doping !!
5. na kommt schon ?
na!!! 18.07.2013
na wo bleiben jetzt die doping vorwürfe ? die halbweißheiten , die posts über doping von leuten die noch nichtmal selbst im leben mit leidenschaft und ergeiz sport betrieben haben , und viel dafür gegeben haben :-) na , wo bleibt ihr ;-)
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100. Tour de France: Merckx, Indurain, Ullrich
Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt