Korruptionsaffäre um Funktionär Al-Musallam Einfache Überweisung genügt

Dieser Korruptionsfall sprengt alle Verbandsgrenzen: Nach SPIEGEL-Recherchen soll Schwimmfunktionär Husain Al-Musallam nicht nur Schmiergeld kassiert haben - er leitete offenbar auch Zahlungen an Fifa-Funktionäre weiter.

Husein Al-Musallam
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Husein Al-Musallam


In der unendlichen Geschichte olympischer Kriminalität wird in Budapest anscheinend ein neues Kapitel geschrieben. Täglich kommen brisante Details hinzu. Alles ist miteinander verwoben in dieser globalen Parallelgesellschaft: der Schwimm-Weltverband Fina, der in der ungarischen Hauptstadt seine Weltmeisterschaft und am Samstag seinen Wahlkongress ausrichtet, der Fußball-Weltverband Fifa, das Internationale Olympische Komitee (IOC), der Olympische Rat Asiens (OCA) und andere Sportorganisationen, von denen etliche Top-Funktionäre im Fadenkreuz von Staatsanwälten, Steuerfahndern und anderen Sonderermittlern auf allen Kontinenten stehen.

Dem SPIEGEL liegen nun Informationen vor, wonach Bestechungsgelder, in den Kriminalermittlungen der US-Justiz gegen Fifa-Funktionäre dokumentiert, offenbar auch von Olympia-Konten gezahlt worden sind. Dies ruft die IOC-Ethikwächter auf den Plan, die sonst gern ein Auge zudrücken. Die Vorfälle sind pikant, weil Personen, die die fraglichen Zahlungen ausgelöst haben, im IOC in der Kommission "Olympische Solidarität" über die Verteilung von 509 Millionen Dollar im aktuellen Olympiazyklus an mehr als 200 nationale Olympische Komitees und Projekte entscheiden.

Im Zentrum dieser Vorgänge steht wieder einmal die mächtige Kuwait-Fraktion, die im eigenen Land aber weitgehend isoliert agiert: Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, der Dutzende sogenannte Ehrenämter im Weltsport hält, und sein Adlatus Husain Al-Musallam, erster Vizepräsident und damit Thronfolger in der Fina, sowie Generaldirektor des OCA, das wiederum vom Präsidenten Scheich Ahmad geführt wird.

Schmiergeld für Fußballfunktionär kam von Olympia-Konten

Um Konten des OCA, das sich eigentlich der olympischen Sportförderung verschrieben hat und angeblich nur Gutes tun will, geht es auch in diesem Fall: Mindestens 250.000 Dollar von den 850.000 Dollar, von denen Fußballfunktionär Richard Lai in Ermittlungen des US-Justizministeriums Ende April eingeräumt hat, dass er sie als Schmiergeld erhalten habe, wurden offensichtlich von OCA-Konten abgezweigt. Das geht aus einem Schriftverkehr zwischen dem in den USA vollumfänglich geständigen Lai und OCA-Generaldirektor Al-Musallam hervor.

Lai hat nach eigenen Angaben für das Kuwait-Duo bei Wahlen in der Fifa und im asiatischen Fußballverband AFC Stimmen besorgt und Informationen gesammelt. Dafür wurde er offenbar fürstlich entlohnt. Am 16. Januar 2012 schrieb er Al-Musallam, dem "lieben Captain", eine E-Mail, berief sich auf ein Telefonat zwei Tage zuvor und erbat die Überweisung von 250.000 Dollar bei der HSBC Bank in Hongkong. Eine Viertelmillion sollte für "Ermittlungen" fließen, die Lai nicht näher ausführte. Al-Musallam hatte Lais Kontodaten bereits dem OCA-Finanzchef Nayaf Sraj weitergeleitet. Gemäß Anklageschrift der US-Justiz ging das Geld in zwei Tranchen zu je 125.000 Dollar auf dem Konto 198-362675-833 der HSBC in Hongkong ein - am 17. Januar und am 14. Februar.

Derlei Zahlungen gab es über mehrere Jahre. Lai hat gestanden, das Geld nur für sich und nie für die Sportförderung in seiner Heimat Guam verwendet zu haben. Die Anklageschrift hält zudem fest, dass seine kuwaitischen Partner und er sich nicht mal mehr die Mühe gemacht hätten, Zahlungsgründe zu erschwindeln. Eine simple Anforderung via E-Mail an Al-Musallam habe ausgereicht - und das Geld sei überwiesen worden.

Geldkoffer aus Angst vor dem Zoll nicht angenommen?

Auf E-Mails aber legte Al-Musallam offenbar wert, wohl damit er seinem Boss Scheich Ahmad etwas vorlegen konnte. So beschreibt es auch die US-Justiz. Bei einem Treffen soll Al-Musallam sogar einen Geldkoffer mitgebracht haben, behauptete Lai bei seinen Vernehmungen. Er will den Koffer aber nicht angenommen haben, weil er Zollkontrollen fürchtete. Al-Musallam hat sich zu diesem Themenkomplex auf Anfragen nicht geäußert, so wie er in den vergangenen Tagen schon zahlreiche andere Fragen des SPIEGEL unbeantwortet ließ: Etwa die nach einem Gesprächsmitschnitt, der nahe legt, dass er von einem millionenschweren Marketingvertrag des OCA zehn Prozent abzweigte.

Pâquerette Girard Zappelli, Ethikbeauftragte des IOC, bemüht sich inzwischen bei Journalisten um diesen Audiomitschnitt. Girard Zapelli stehe in Kontakt zur Fifa, zum AFC, zum OCA und nun auch zur Fina, heißt es im IOC. Diese Institutionen schieben die Verantwortung allerdings ab und verweisen jeweils auf andere Verbände - Scheich Ahmad und Al-Musallam, die in Dutzenden Organisationen Wahlen deichselten, genießen anscheinend die Vorzüge aller Multifunktionäre: Es findet sich immer ein Ausweg.

Im IOC ist es präzise betrachtet sogar so, dass sich die Ethikkommission nur deshalb für die US-Kriminalermittlungen und das als "Mitverschwörer" bezeichnete Kuwait-Duo interessiert, weil Scheich Ahmad selbst darum gebeten habe, teilte IOC-Kommunikationschef Mark Adams mit.

Jener Adams beantwortete allerdings vor zehn Tagen während der IOC-Session in Lausanne und auch in dieser Woche zahlreiche Fragen nach der Tätigkeit Scheich Ahmads als Chef des 509 Millionen Dollar schweren Solidaritätsfond nicht. Der neue Sachverhalt, wonach Al-Musallam, eines der Mitglieder der IOC-Kommission Olympische Solidarität, Fußball-Schmiergelder von Olympiakonten abgezweigt haben könnte, erhöht den öffentlichen Druck auf das IOC.

In Budapest gärt es. Al-Musallam und der von ihm gestützte Fina-Präsident Maglione versuchen verzweifelt, ihre Truppen beisammen zu halten. Die jüngsten Enthüllungen des SPIEGEL und der Londoner Times werden vom Fußvolk ausgiebig diskutiert. Mit Spannung wird die Ankunft von Scheich Ahmad erwartet, für den im Ritz-Carlton-Hotel gebucht ist, wo auch Al-Musallam mit seiner Familie logiert. Sollte der Scheich wie zuletzt mehrere Male auf eine Auslandsreise verzichten, könnte es eng werden - und der präsidiale Herausforderer Barelli aus Italien am Samstag vielleicht doch Wahlchancen haben.



insgesamt 9 Beiträge
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Beijinger 20.07.2017
1. Nach dem Lesen des Artikels
faellt mir nur noch das Zitat von Bert Brecht ein: "Ich kann gar nicht genug fr....., wie ich k...... moechte". Btw, was sagen eigentlich die Generalsponsoren dieser FINA, FIFA,IOC - Panem et Circenses (Brot & Spiele) Zirkusse? Schweigen? Ist man da vielleicht auch in irgendeiner Art und Weise involviert?
dbrown 20.07.2017
2. Neiiin,
wer hätte das gedacht!? Und keiner hat die Eier, solche Typen stante pede ab- und fest zu setzen? Dann soll es so weitergehen.
ofelas 20.07.2017
3. Schwimm
Funktionaer aus einem Land ohne Schwimm -Wettkampf-Tradition, und selbst keine Schwimmwettkaempfe bestritten
GSYBE 20.07.2017
4. Bezeichnung
Wie lange dauert es denn noch, bis jemand den international in Verbänden organisierten Sport als das bezeichnet was er ist: Mafia.
frankfurtbeat 20.07.2017
5. die ganze Bande ...
die ganze Bande der Sportfunktionäre wegstecken ... nur Betrug und Zocke in die eigenen Taschen. Dabei ist es egal ob es sich um Fussball oder Olympia handelt ... was eine ehrenwerte Gesellschaft!
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