Kristina Vogel über Querschnittlähmung "Fühle mich wie ein Baby, das neu lernen muss"

Im SPIEGEL gab Kristina Vogel ihre Querschnittlähmung bekannt, nun lud die Olympiasiegerin zur Pressekonferenz. Dabei sprach sie auch über den Niederländer, mit dem sie zusammengestoßen war: "Er hat sich noch nicht gemeldet."

REUTERS

Am vergangenen Freitag hatte Kristina Vogel ihre Querschnittlähmung im Interview mit dem SPIEGEL öffentlich gemacht (lesen Sie hier das komplette Interview). Nun sprach die 27-Jährige auch auf einer Pressekonferenz über ihren schweren Unfall und die dabei entstandene Verletzung.

Die Bahnrad-Olympiasiegerin von 2012 und 2016 gab sich bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt kämpferisch, wirkte wie bereits im SPIEGEL-Gespräch positiv und bedankte sich für die große Unterstützung, die sie in den vergangenen Tagen erfahren habe. "Ich hätte niemals gedacht, dass das weltweit solche Wellen schlägt."

Nach ihrer langen Zeit im Krankenhaus fühle sie sich "wie ein Baby, das alles neu lernen muss". Mittlerweile habe sie keine Schmerzen mehr, "eher Muskelkater. Ich habe jahrelang gekämpft, dass die Muskeln wachsen und meine Beine dicker werden. Und nach zwei Monaten ohne Bewegung fängt man bei null an. Das ist gemein", sagte Vogel, die bereits daran arbeitet, körperlich und in ihrem Alltag selbstständiger zu werden.

Auch ihr behandelnder Arzt sprach von großen Fortschritten. Er sagte, Vogel könne es schaffen, bis Weihnachten ein eigenständiges Leben zu führen. "Mit einer Kiste Bier aus dem Keller holen, wird es aber schwer", sagte der Arzt.

"Ich gebe keinem die Schuld"

Vogel war beim Training auf einer Betonbahn in Cottbus am 26. Juni bei einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde mit einem jungen Fahrer aus den Niederlanden kollidiert. Ihr Rückenmark wurde dabei am siebten Brustwirbel durchtrennt. Vogel wurde zweimal operiert und lag mehrere Tage im Koma. "Mitleid bringt mich nicht weiter", sagte sie über diese Zeit: "Ich hätte tot sein können."

Angesprochen auf den Unfall und den niederländischen Profi sagte Vogel: "Zu dem Fahrer hatte ich noch keinen Kontakt. Er hat sich noch nicht gemeldet", sagte sie und ergänzte: "Mir stellt sich die Schuldfrage auch nicht. Ich gebe keinem die Schuld, das klären andere." Auch der niederländische Verband habe sich nicht bei ihr gemeldet.

Der verunglückten Doppel-Olympiasiegerin ist finanzielle Hilfe bei ihrer Rehabilitation sicher. Eine Sport-Versicherung zahlt 150.000 Euro an Vogel. Das hatte der Landessportbund Thüringen am Dienstag mitgeteilt. Zudem sind bisher bei einer Spendenaktion ihres Chemnitzer Teams unter dem Motto #staystrongkristina rund 120.000 Euro zusammengekommen. Vogel will das Geld auch zum behindertengerechten Umbau ihres Hauses in Erfurt verwenden.

jan

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frankenbaer 12.09.2018
1. Angst frisst Menschlichkeit
Ich vermute, das Schweigen des niederländischen Verbandes beruht auf Sorge, Handlungen oder Worte könnte als eine Art Schuldeingeständnis gewertet werden und so versicherungstechnisch zu Problemen führen. Diese Art der Absicherung mag zwar verständlich aber nicht sehr fair sein.
joergzs 12.09.2018
2. Na, zur Gesundheit von Frau Vogel fehlt die Hälfte
Im Mai 2009 wurde Kristina Vogel beim Straßentraining von einem Zivilfahrzeug der Thüringer Polizei erfasst und erlitt schwere Verletzungen. Ein Brustwirbel und die Handwurzelknochen waren gebrochen, sie verlor mehrere Zähne und die Glasscheibe des Autos zerschnitt ihr Gesicht. Eine Gesichtshälfte blieb teilweise taub. Im August 2014 sprach ihr das Landgericht Erfurt ein Schmerzensgeld in Höhe von 100.000 Euro zu, zu zahlen vom Freistaat Thüringen. Der Freistaat hatte nur 25.000 Euro Schmerzensgeld zahlen wollen, Vogel forderte 80.000 Euro. Bei seinem Urteil legte das Gericht die Schwere der Verletzungen zugrunde, aber auch die lange Zeit, die Vogel auf das Geld hatte warten müssen, sowie das Prozessverhalten des Freistaats. Vogel: „[…] Einerseits rühmt man sich mit deinen Titeln […] Es wäre doch aber mal ein Schritt gewesen zu sagen: Du bist unsere Athletin, wir stehen hinter dir.“ Nach längerem Krankenhausaufenthalt und mehreren Operationen kündigte Vogel im Februar 2010 ihr Comeback bei den UCI-Bahn-Weltmeisterschaften im März in Kopenhagen an.
Trollflüsterer 12.09.2018
3.
Unendlich traurig, dass so eine junge, aktive Person so unverschuldet aus dem Leben gerissen wird. Ich hoffe da sie noch jung ist, dass man ich Zukunft per Technik das Rückenmark so überbrücken kann, dass sie irg. wieder gehen kann. Die Physis und gute med. Betreuung hat sie ja. Aber dass die Niederländer sich nicht mal kurz gemeldet haben, ist schon seltsam.
olli_b 12.09.2018
4.
Zitat von TrollflüstererUnendlich traurig, dass so eine junge, aktive Person so unverschuldet aus dem Leben gerissen wird. Ich hoffe da sie noch jung ist, dass man ich Zukunft per Technik das Rückenmark so überbrücken kann, dass sie irg. wieder gehen kann. Die Physis und gute med. Betreuung hat sie ja. Aber dass die Niederländer sich nicht mal kurz gemeldet haben, ist schon seltsam.
Sie ist nicht tot, also schon mal nicht "aus dem Leben gerissen". Wie man an Martyn Ashton sieht, kann man auch nach so einen Unfall eine Menge erleben. Und das ist _nicht_ ironisch gemeint. In disaster there is oppurtunity https://www.youtube.com/watch?v=CYebJBcLZHA
zauberer2112 12.09.2018
5. Der ist fertig
Warum soll der Holländer sich melden? Er weiß, dass alles schief gelaufen ist, was schieflaufen konnte. Und Mitleid bringt ihr auch nichts. Vielleicht meldet er sich ja noch. Mein Bruder hatte mal einen Motorradunfall, ein LKW hat ihm die Vorfahrt genommen. Er lag monatelang im Koma, war schwerbehindert und ist 6 Jahre später gestorben. Der Unfallgegner hat meine Eltern auch 1 oder 2 Mal besucht, aber was sollte er machen? Und sie haben's mit Fassung ertragen. Shit happens, alles Gute Frau Vogel!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.