Kritik von US-Tennisstar an Dopingtests Was an den Vorwürfen von Serena Williams dran ist

Immer nur ich! Serena Williams ist genervt von den Besuchen der Dopingkontrolleure. Doch wird der US-Tennisstar tatsächlich zu häufig kontrolliert?

Serena Williams
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Wenn man Serena Williams fragen würde, wer ihre nervigste Widersacherin ist, würde sie wahrscheinlich keine Konkurrentin nennen - sondern die US-Anti-Doping-Agentur Usada.

Williams liefert sich seit Wochen einen Zwist mit der Usada. Es geht im Kern um die Frage, ob Williams unverhältnismäßig oft von Dopingkontrolleuren besucht und getestet wird. Das jüngste Kapitel dieser Geschichte wurde am vergangenen Mittwoch geschrieben, als Williams nach einer Kontrolle erneut eine Benachteiligung witterte.

"Es ist die Zeit des Tages, in der man 'nach dem Zufallsprinzip' auf Doping getestet wird - und nur Serena", schrieb sie etwas kryptisch bei Twitter, der Sarkasmus war jedoch nicht zu überlesen. "Von allen Tennisspielern bin ich bewiesenermaßen am häufigsten getestet worden. Diskriminierung? Ich denke schon." Später schob sie noch nach, dass sie bereit sei, alles zu tun, um einen sauberen Sport zu haben.

Wie oft Serena Williams in diesem Jahr insgesamt getestet wurde, ist schwer zu rekonstruieren, Tennisspieler werden von unterschiedlichen Institutionen kontrolliert. Generell ist die Usada für die US-Athleten verantwortlich, sie führt die Kontrollen in den Vereinigten Staaten durch. Die International Tennis Federation ITF hat hingegen die Federführung bei WTA und ATP-Turnieren, die häufig außerhalb der USA stattfinden.

Sieben Jahre ohne Usada-Tests

Sicher ist, dass Serena Williams in diesem Jahr von der Usada bislang fünfmal getestet wurde - mehr als doppelt so oft wie alle anderen US-Frauen. Das geht aus der Datenbank der Agentur hervor. Hier werden Kontrollen öffentlich gemacht, die die Usada selbst durchführt, oder die andere "Testing Authorities" auf ihre Anweisung hin durchgeführt haben. Explizit ausgenommen sind eigenständige Tests anderer Institutionen.

Dopingtests der Usada in 2018 (Stand 25.7.)
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Dopingtests der Usada in 2018 (Stand 25.7.)

Wenn man sich die Zahlen genauer anguckt, dann lässt sich Williams' Behauptung, der allein am häufigsten getestete Tennisprofi zu sein, allerdings nicht aufrecht erhalten. Aufschlagskönig John Isner wurde 2018 ebenfalls fünf Mal getestet. Tatsächlich gab es in Williams' Karriere kein einziges Jahr, in dem nicht mindestens ein weiterer US-Athlet ebenso häufig von der Usada getestet wurde wie sie, manches Mal wurde sie sogar von ihrer Schwester Venus übertrumpft.

2001, 2002, 2006, 2007, 2009, 2010 und 2011 wurde Serena Williams sogar kein einziges Mal von der Usada besucht. In dieser Zeit gewann sie fünf Grand-Slam-Einzeltitel. Laut Datenbank wurde sie seit 2001 insgesamt 41 Mal getestet, auch hier liegt sie nicht an der Spitze, weder bei den Frauen noch bei den Männern. Am häufigsten traf es den Doppelspieler Bob Bryan, der insgesamt 56 Mal eine Dopingprobe für die Usada abgeben musste. Venus Williams wurde 43 Mal getestet.

Ein renitenter Kontrolleur wollte ihr Anwesen nicht verlassen

Die Zahlen der ITF, die ihre Tests ebenfalls veröffentlicht (allerdings nur in Korridoren, zum Beispiel "1-3", also zwischen ein und dreimal, oder "7+"), geben ebenfalls nicht her, dass Williams in den vergangenen Jahren übermäßig häufig getestet wurde. Stets finden sich zahlreiche andere Sportler, die ebenfalls "7+"-Mal getestet wurden - 2016 etwa ihre Landsfrau Coco Vandeweghe.

Dopingtests der ITF (2016)
itftennis

Dopingtests der ITF (2016)

In jenem Jahr war Williams - gemeinsam mit zahlreichen anderen US-Athleten - in den Fokus der Dopingberichterstattung geraten. Die in Russland ansässige Hackergruppe "Fancy Bears" hatte die Ausnahmegenehmigungen der Sportstars veröffentlicht, die es ihnen erlauben, eigentlich verbotene Mittel einzunehmen. Darunter auch Williams. Diese Ausnahmen sind relativ weit verbreitet, die Enthüllung eignete sich nicht für einen Skandal, Kritik gab es dennoch. Williams sagte: "Ich bin enttäuscht, dass meine privaten medizinischen Daten von Hackern ohne meine Erlaubnis veröffentlicht wurden."

2017 wurden im Tennis laut Welt-Anti-Doping-Agentur Wada insgesamt 5959 Dopingtests durchgeführt. Ob es nur die Anzahl an Tests ist, die Serena Williams ärgert? Wahrscheinlich hat auch ein Vorfall aus dem Juni, den das US-Portal "Deadspin" veröffentlichte, die Wut in der Williams-Entourage geschürt. Damals war ein Kontrolleur der Usada unangemeldet an ihrem Haus in Florida aufgetaucht, zudem viele Stunden vor dem von Williams angegebenen Zeitfenster, in dem sie dort für einen Test bereitstehen musste.

Doch der Kontrolleur verschwand nicht, er weigerte sich zu gehen, bevor Williams sich dem Test unterzogen hatte. Die 36-Jährige rief später WTA-Chef Steve Simon an und beschwerte sich. Simon brachte Williams mit Usada-Chef Travis Tygart in Verbindung. Am Ende wurde Williams nicht getestet und da sie es laut Usada-Protokoll auch nicht musste, wurde der Vorfall nicht als "Missed Test" gewertet.

Williams beklagt "invasive und gezielte Kontrolle"

Die Verärgerung bei Williams blieb jedoch. "Sie hat während ihrer ganzen Karriere die Tests der Usada unterstützt, respektiert und eingehalten. Sie wird dies auch weiterhin machen, deshalb gibt es keinen Grund, für diese invasive und gezielte Kontrolle", hatte das Williams-Lager mitgeteilt. Einen positiven Dopingtest hatte Williams tatsächlich noch nie.

"In der Sportwelt werden die Topathleten immer mehr getestet als die niedriger eingestuften. Das liegt in der Natur der Sache", hatte Stuart Miller, der Leiter des Anti-Doping-Programms der ITF nach dem Vorfall mit dem renitenten Dopingkontrolleur ESPN gesagt: "Natürlich ist es eine Schande, wenn die Leute vom Prozess fristriert sind. Die Intention jeder Anti-Doping-Organisation ist aber, die Integrität des Sports, die Gesundheit der Sportler und ihr Recht auf einen sauberen Wettkampf zu schützen."

Es scheint so, als ob sich Williams noch auf einige Besuche der Dopingjäger einstellen muss.

insgesamt 6 Beiträge
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rubraton 26.07.2018
1. warum wundert mich das nicht?
eine Tennisspielerin in ihrem Alter und ihrem Leistungsniveau ist es gegebenenfalls gerechtfertigt Doping oben des öfteren zu unterziehen. Sehe natürlich die Sachlage von Serena Williams, dennoch sollte sie mit dem Dopingproben meines Erachtens entspannt umgehen. wenn ich nicht zu verbergen habe habe ich als Sportler auch kein Problem einmal pro Monat kontrolliert zu werden. Für mich stellt sich eher die Frage ob Sportler generell zu wenig kontrolliert werden ?!?!
nofreemen 27.07.2018
2. natürlichste Sache der Welt
Dopingtester gehören zum Sport wie die Ratten in einer Stadt. Das kann man nicht trennen und wenn es noch so eine grosse Plage ist.
fixik 27.07.2018
3.
Wie mein Vorredner. Die Frau geht auf die 40 zu und kann immer noch Weltranglistenerste werden. Sie ist immer noch die beste Spielerin der Welt. Sie spielt eher selten, sammelt natürlich dadurch weniger Punkte, aber wenn sie durchgehend spielt und in Form bleibt kann sie niemand aufhalten. Das ist fast schon unnatürlich in diesem Alter so gut zu sein. Gerade bei den Frauen, wo Mitte 20 eigentlich das TOP-Alter ist. Da muss sie verstehen, dass sie öfter kontrolliert. Und selbst 7 Tests im Jahr. Man kann damit leben.
unglaeubig 27.07.2018
4. SPON soll sich mal an die eigene Nase fassen!
Ich will SPON wirklich keinen Rassismus vorwerfen, aber als sich der Deutsche Vorzeigeathlet Robert Harting über die Unbillen des Dopingtestwesens beschwerte, war die Berichterstattung eine andere. Fakt ist: Weil es einige unehrliche Athleten gibt, werden ehrliche Athleten dazu gezwungen, sich jederzeit für Kontrolleure zugänglich zu halten und beim Wasserlassen auf die Geschlechtsteile gucken zu lassen. Spontaneität (in dem Alter normal!) führt zu ‚missed tests‘. Dass das ein ärgerlicher Zustand ist, über den man sich mal beschweren darf, dürfte einleuchten, deswegen sollte man die Beschwerden von Frau Williams nicht als ungerechtfertigtes Gejammer darstellen.
horribilicribrifax 27.07.2018
5. Schamgefühle?
Zitat von unglaeubigIch will SPON wirklich keinen Rassismus vorwerfen, aber als sich der Deutsche Vorzeigeathlet Robert Harting über die Unbillen des Dopingtestwesens beschwerte, war die Berichterstattung eine andere. Fakt ist: Weil es einige unehrliche Athleten gibt, werden ehrliche Athleten dazu gezwungen, sich jederzeit für Kontrolleure zugänglich zu halten und beim Wasserlassen auf die Geschlechtsteile gucken zu lassen. Spontaneität (in dem Alter normal!) führt zu ‚missed tests‘. Dass das ein ärgerlicher Zustand ist, über den man sich mal beschweren darf, dürfte einleuchten, deswegen sollte man die Beschwerden von Frau Williams nicht als ungerechtfertigtes Gejammer darstellen.
Gab's da nicht einen US-Radrennfahrer, der sieben Mal die Tour de France gewonnen hat - und vermutlich viele Tests über sich ergehen lassen musste -, bis ihm nachgewiesen wurde, dass er immer gedopt war? Könnte es sein, dass die plötzlichen Schamgefühle der Serena Williams beim Wasserlösen etwas mit verbesserten Kontrollmechanismen zu tun haben? Mindestens stellen muss man diese Frage.
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