Kunstradfahrer Schnabel Der Sattel ist ihm heilig

David Schnabel ist der erfolgreichste Kunstradfahrer der Geschichte, acht Weltmeisterschaften gewann der 29-Jährige aus dem Allgäu. Berühmt geworden ist er trotz seiner vielen Titel nicht - für seinen großen Traum kämpft er trotzdem unermüdlich weiter.

David Schnabel

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Sie sind die Besten, opfern viel Geld und Zeit für ihre Leidenschaft. Ihre Sportarten sieht man nicht bei den Olympischen Spielen oder im Fernsehen. Es geht ihnen um die Sache, nicht um die große Bühne. Hier stellen wir sie vor, die unbekannten Meister.

Es gibt viele Gründe, warum David Schnabel der Größte in seinem Sport wurde, einer ist eine Nagelschere. Die Nagelschere war Teil eines Rituals, das Schnabel vor jedem Turnier pflegte, immer genau vier Tage vorher: Er schnitt sich die Fingernägel. "Es gab mir ein gutes Gefühl, wenn ich am Wettkampftag die gleiche Nägellänge hatte", sagt er.

David Schnabel wurde auch dank der Nagelschere achtmal Weltmeister, er holte 2005, 2006, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012 und 2013 den Titel in seinem Sport, was ihm das Silberne Lorbeerblatt, Deutschlands höchste sportliche Auszeichnung, einbrachte und ihn zum Rekordchampion machte. Aber nicht zu einem Star. Genau genommen ist David Schnabel immer noch unbekannt, was an der Sportart liegt, die er betreibt: Kunstradfahren.

"Schön, dass Sie sich für meinen Sport interessieren" - das ist einer seiner ersten Sätze im Gespräch. Der 29-Jährige, der in Kempten, einer Kleinstadt im Allgäu lebt und dort eine Ausbildung zum Ergotherapeuten macht, kennt das Problem der Nische. Und Schnabel kämpft dagegen. Er engagiert sich in der Initiative "Hallenrad goes Olympia", betreibt Öffentlichkeitsarbeit. Hoffnung, dass das Internationale Olympischen Komitee (IOC) irgendwann einen deutschen Hallenradsport-Olympiasieger kürt, hat er kaum. "Vielleicht ist in 20 bis 30 Jahren etwas möglich", sagt er.

Wie Voltigieren auf dem Rad

Dabei liegt das Kunstradfahren den Deutschen. 2004 wurde mal ein Tscheche Weltmeister, Mitte der Achtziger und in den sechziger Jahren gewann die Schweiz acht Titel. Alle anderen 49 Weltmeisterschaften seit der ersten WM 1956 holten deutsche Athleten. Im Zweiter-Kunstradfahren der Männer hat noch nie eine andere Nation gesiegt, auch die Vizeweltmeisterschaften holten meist deutsche Gespanne.

Kunstradfahren ist ein wenig wie voltigieren auf dem Fahrrad. Die Athleten nutzen dazu ein Spezialrad, es fährt mit einer 1:1-Übersetzung und starrer Nabe - die Sportler können damit auch rückwärts fahren. Im Wettkampf absolvieren die Athleten in einer fünf Minuten langen Kür bis zu 30 Übungen. Handstand auf dem Lenker, Sattelstand oder den "Kehrsteuerrohrsteiger", bei dem der Sportler verkehrt herum auf dem Steuerrohr sitzt und nur auf dem Hinterrad fährt, während das Vorderrad in der Luft ist - zwischen 300 und 400 Figuren sind bekannt.

"Eine Übung kann 18 bis 20 verschiedene Komponenten ausmachen. Da ist im Kopf eine gute Kopplungsfähigkeit gefragt", sagt Schnabel. Während der Kür werden die einzelnen Übungen sofort von einem Kampfrichter bewertet und per Anzeige für Athleten und Zuschauer sichtbar gemacht. Neben Kraft und Körperbeherrschung brauchen Kunstradfahrer vor allem gute mentale Fähigkeiten, um unter Druck die Übungen zu stehen. Eine Stärke von Schnabel. Immer, wenn es in den Wettkampf ging, war er "voll da".

"Wir haben unsere Schwierigkeiten"

Überhaupt seien im Kunstradfahren oft Kleinigkeiten entscheidend, sagt Schnabel. Seit seiner Jugend fährt er mit demselben Sattel. "Den pflege ich mit dem Waschlappen und bürste ihn ab, der ist mein Heiligstes am Rad." Bei neuen Modellen sei etwa das Leder anders, das könnte beim Sattellenkerhandstand möglicherweise ein ungewohntes Gefühl verursachen.

Um auf Weltklasseniveau zu kommen, hat Schnabel früher als Jugendlicher täglich trainiert, in den Ferien sogar manchmal zweimal am Tag. Irgendwann war er ganz oben, gewann einen WM-Titel nach dem anderen und hält den Punkteweltrekord. "Von außen betrachtet wirkt es so, als hätte ich keine richtige Konkurrenz gehabt. Das stimmt nicht. Aber man braucht etwa 15 Jahre, bis man Spitze ist. Nur dann hat man überhaupt die Voraussetzung, Serienweltmeister zu werden", so Schnabel.

Mit der Zeit - Schnabel hatte schon seine ersten WM-Titel gewonnen - gingen ihm die Kürübungen in Fleisch und Blut über und mussten kaum noch trainiert werden. Dafür absolvierte Schnabel verstärkt Ergänzungstraining - Dehnübungen, Handstandtraining, Koordination, Kondition.

Unter professionellen Bedingungen konnte er aber nur während seiner Zeit als Sportsoldat trainieren. Ohne finanzielle Unterstützung musste er danach voll arbeiten und konnte sich erst abends dem Kunstradfahren widmen. Lediglich sein Heimatdorf unterstützte ihn finanziell, wenn er wieder mit einem Regenbogentrikot nach Hause kam. Preisgelder gibt es selbst bei Weltmeisterschaften so gut wie keine, und Sponsoren haben ihn nur mit Equipment unterstützt.

Schnabel hofft auf den Hype

"In Deutschland gibt etwa 5000 Kunstradfahrer, die eine Wettkampf-Lizenz des internationalen Verbandes besitzen", sagt Hilmar Heßler vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR). Hallenradsport fristet ein Schattendasein weit hinter Bahn- und Straßenradsport. Es populärer zu machen, sei nicht immer einfach. "Wir haben unsere Schwierigkeiten, das Fernsehen zu überzeugen, dabei ist die Sportart eigentlich spektakulär", sagt er. Und Schnabel ergänzt: "Für mich ist es schwer nachzuvollziehen, weshalb der Sport so wenig Unterstützung erhält. Die Erfolge und die Leistungen sind ja da." Zudem gehe es auf dem Top-Level nicht weniger professionell zu als bei anderen olympischen Sportarten, Kunstradfahren verfügt über alle Kaderstrukturen. Doch trotz WM-Titeln in Serie fehlt mediale Aufmerksamkeit und damit das Geld.

Um dem Sport mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, müsste er olympisch werden, der Ritterschlag für jede Sportart. Allerdings fehlt dazu in andern Ländern eine dichte Vereinsstruktur, wie es sie in Deutschland gibt. Schnabel kämpft - für die anderen. Als aktiver Sportler wird Schnabel ein Olympia-Debüt seines Sports nicht mehr erleben. Er hat bereits nach der WM im November 2013 seine Wettkampfkarriere beendet.

Nun will er mit Kunstrad-Shows etwas Geld verdienen und eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Hier kann er abseits des Reglements mehr Show-Elemente einbauen. Die Hoffnung gibt er nicht auf. "So langsam könnte der Hype mal losgehen", sagt er.



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Seite 1
jiujoe 15.09.2014
1. Bitte richtig informieren
Es mag ja sein, dass D. Schnabel jetzt in Kempten lebt (Kleinstadt mit mehr als 50.000 Einwohnern???), aber er ist Unterfranke nicht nur von Geburt und sein ganzes sportliches Leben für Niedernberg bzw. Soden gestartet.
KarlRad 15.09.2014
2. Danke!
Ich habe David Schnabel mal auf einer Fahrradmesse sehen können. Ziemlich beeindruckend, was der so drauf hat. Die Sportart scheint leider etwas zu "un-hip" für unsere Zeit. Sehr schön, dass sich SPON mal mit Kunstradfahren beschäftigt.
Erich91 15.09.2014
3. Es ging aber hier nicht um die Herkunft
Zitat von jiujoeEs mag ja sein, dass D. Schnabel jetzt in Kempten lebt (Kleinstadt mit mehr als 50.000 Einwohnern???), aber er ist Unterfranke nicht nur von Geburt und sein ganzes sportliches Leben für Niedernberg bzw. Soden gestartet.
und auch nicht ob er Unter-oder Oberfranke ist. Es ging um den Sportler der in Kemten wohnt. Einzig allein der verdient Beachtung und Anerkennung.
Newspeak 15.09.2014
4. ....
Es geht ihnen um die Sache, nicht um die große Bühne. Ja, klar. Und deshalb beschäftigt sich jeder zweite Satz des Beitrages damit, wie schade es doch ist, daß der Sport so wenig bekannt ist, wie man das Fernsehen dafür begeistern will, daß es zuwenig Sponsorengelder gibt etc. Ich glaube ihm ja, daß er die Sache aus persönlicher Begeisterung macht, sonst könnte man sowas nicht erreichen. Aber man sollte bitte auch zu seiner Eitelkeit stehen. Es ist völlig natürlich, Anerkennung für das haben zu wollen, was man tut. Es ist aber nicht natürlich, daß jeder ein Star ist. Entweder kommt man damit klar, oder sucht sich eine andere Betätigung. Was bringen acht Weltmeistertitel eigentlich, wenn man nicht damit zufrieden ist?
DonCarlos 15.09.2014
5. Meinung eines Gebührenzahlers
Als Gebührenzahler des öffentlich rechtlichen Rundfunk kotzt es mich tagtäglich an zu bestimmten Jahreszeiten nur Fußball als Sport geboten zu bekommen und diesen auch über meine Zwangsbeiträge zu finanzieren. Es gibt viele tolle Sportarten über die in ARD oder ZDF berichtet werden könnte. Ein "Special" über irgendeine sonstige Sportart außer Fußball in den Dritten, halte ich für nicht ausreichend. Ganz einfach Regelung: Über jede Deutsche Meisterschaft muss mindestens ein einstündiger Bericht in den Hauptprogrammen gebracht werden.
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