"Kurt" bei der Fifa-eSport-WM Der Wutspieler

Er kritisiert das Spiel und die Gamerszene, nennt sich selbst den Besten aller Zeiten: Kein "Fifa"-Profi polarisiert wie Kurt Fenech. Die Geschichte eines Getriebenen.

Kurt "kurt0411" Fenech
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Kurt "kurt0411" Fenech

Aus London berichtet


Wenn Cristiano Ronaldo zu einem Freistoß antritt, posiert er immer auf die gleiche Weise, breiter Stand, die kurze Hose hochgekrempelt. Auch wenn Ronaldo ein Tor schießt, zelebriert er es mit demselben Jubel. Kaum ein Fußballstar versteht sich so gut darauf, sich zu inszenieren. Bei der Fifa eSport-WM ist das ein kleines Problem. Vielen Profis fehlt der Glamour.

Die eSportler, die in London gerade den besten "Fifa"-Spieler der Welt ermitteln, könnten von Ronaldos Strahlkraft nicht weiter entfernt sein. Mit dem Inszenieren haben sie es nicht so. Kurt Fenech ist anders. Der 23-Jährige aus Malta tritt bei der WM unter dem Namen "kurt0411" an, aber alle nennen ihn schlicht Kurt. Er ist der größte Showman bei dieser WM, im Grunde ist er der einzige.

Kurt bezeichnet sich selbst als den "besten 'Fifa'-Spieler aller Zeiten", vor seiner Anreise hatte er angekündigt, die Erde werde beben, sobald er englischen Boden betrete. Viele vergleichen ihn wegen seiner Sprüche mit Zlatan Ibrahimovic, dem schwedischen Fußballstar, einem Meister der Selbstinszenierung. Kurt sagt, er wolle nicht sein wie "Ibra", er habe keine Vorbilder.

Am ersten WM-Tag regt Kurt sich während einer Partie derart auf, dass ihm sein Smartphone aus der Tasche fällt. Später zeigt er das gesplitterte Display vor. Er sei beim Spielen ziemlich sauer geworden, sagt Kurt, die "Fifa"-Version fürs Turnier spiele sich leicht anders, deshalb habe er ein Match verloren. Es bleibt die einzige Niederlage, Kurt gewinnt seine Gruppe souverän.

Kurt gilt vielen als sehr guter Spieler, aber längst nicht als der beste. Noch nie hat er ein wichtiges Turnier gewonnen. Aber der lauteste Spieler, dieser Titel ist ihm gewiss. Kurt polarisiert, im Mai verließ er während eines Turnierspiels die Konsole, er wollte abbrechen, weil er dabei war, zu verlieren, zu Unrecht, wie er meint. Das Gameplay sei schuld gewesen.

Selbst das beste Image beginnt irgendwann zu bröckeln, wenn die Leistung nicht stimmt. Statt bewundert zu werden, wird man belächelt.

Bei seinem Sieg im Achtelfinale über "GoalMachine21"schüttelt er nach einem eigenen Treffer den Kopf, als staune er über sich selbst. Mann, war das gut. Kurt redet mit sich selbst und ins Publikum hinein, er antwortet sich auch selbst, das Publikum aber reagiert mit Lächeln. Dieser Kurt. Als er sich über ein Freistoßgegentor echauffiert, lachen manche Zuschauer laut, ob mit oder über ihn, wird nicht ganz klar.

"Ich spiele besser, wenn ich sauer bin"

Die meisten Spieler haben neben sich ihren Trainer sitzen. Die Coaches können Ratschläge zur Taktik geben, das Spiel des Gegners analysieren, aufmuntern, anstacheln. Kurt spielt alleine. Wenn man ihn fragt, warum, sagt er: "Ich glaube nicht an Trainer." Sie seien nur dazu da, den Profi zu beruhigen, sagt Kurt. "Ich will aber nicht beruhigt werden. Ich spiele besser, wenn ich sauer bin."

Kein WM-Teilnehmer kritisiert die Fifa und Spielentwickler EA so scharf und offen wie Kurt. "Das Spiel ist nicht so gut, wie es sein sollte", sagt er über "Fifa 18". Kurt kritisiert auch die "Fifa"-Szene. Es fehle an Persönlichkeiten. Kaum einer sage, was er denkt. "Vielleicht wird es ihnen auch verboten", sagt Kurt. Da seien all die Sponsoren und Teams, die mitmischen. Er selbst steht aktuell bei keinem Team unter Vertag.

Die meisten "Fifa"-Profis bei der WM wirken tatsächlich wie scheue Ausgaben von Profifußballern. Bloß nicht angreifbar machen. Dabei könnten gerade sie mit Authentizität punkten, sich so von Fußballstars abheben.

Also spricht Kurt für sie, zumindest sieht er selbst es so. Ein bisschen wirkt er wie ein selbsternannter Klassensprecher. "Ich bin einer der wenigen, die offen sagen, wie schlecht 'Fifa 18' ist. Das sollten wir Spieler nicht akzeptieren. Wir verdienen etwas Besseres." Es gibt "Fifa"-Profis, die ihm zustimmen, und solche, die Kurt belächeln. Die Fifa selbst gibt sich zurückhaltend, wenn man sie zu Kurts Kritik befragt.

Im Viertelfinale trifft Kurt auf den amtierenden Weltmeister Gorilla. Kurt gewinnt das Hinspiel 4:1, ein Sieg wie eine seiner großspurigen Ansagen. Diesmal bricht Kurt nicht ein, er steckt im Rückspiel einen Gegentreffer weg, danach kontrolliert er die Begegnung. Er steht im Halbfinale.

Wahrscheinlich machen sie mich zum Präsidenten

Nach dem Sieg über Gorilla sagt Kurt, er habe soeben für den größte Erfolg in Maltas Geschichte gesorgt. Wahrscheinlich werde man ihm zum Präsidenten ernennen. Gelächter. Dann sagt er, er hoffe, "Fifa 19" werde endlich zu dem Spiel, das er und seine Kollegen verdienten. Neben ihm sitzt ein anderer Halbfinalist, Marcus "Marcuzo" Jörgensen. Als er hört, was Kurt sagt, fängt er an zu schmunzeln. Dann fährt er sich mit der Hand übers Gesicht. Er wirkt dabei sehr müde.

Samstag, Halbfinale, Kurt sitzt vor ein paar Hundert Zuschauern auf der Bühne der O2-Arena. Zwei Siege noch, dann wäre er nicht mehr nur der selbsternannte Beste, er wäre es wirklich. Doch sein Gegner, Mosaad "Msdossary" Aldossary aus Saudi Arabien, ein stiller junger Mann, versteht sich aufs Verteidigen. Je länger die beiden spielen, desto häufiger schüttelt Kurt den Kopf. 3:5 und 0:3 heißt es am Ende. In seinen letzten Sekunden spielt Kurt nur noch mit einer Hand und ohne Kopfhörer.

Nach dem Abpfiff stellt sich Msdossary vor die Zuschauer, er macht sich ganz groß, hält die Hände hinter die Ohren, breitet dann die Arme aus. Das Publikum applaudiert, Msdossary gehört jetzt die ganze Bühne. Im Finale zu stehen, das sei schon toll, er sei sehr glücklich, sagt er. Kurt ist da längst verschwunden.

Das Wichtigste zum Fifa eWorld Cup 2018
Was ist der Fifa eWorld Cup?

Ein Videospielturnier, das der Weltfußballverband Fifa ausrichtet. Die Fifa inszeniert es als virtuelles Gegenstück zur Fußball-WM, gespielt wird die beliebte Fußballsimulation "Fifa" von EA Sports. Wer hier gewinnt, darf sich offiziell "Fifa"-Weltmeister nennen - und ist dank des Sieger-Preisgeldes 250.000 Dollar reicher.

Das "Grand Final", also die Finalrunde des Turniers, findet vom 2. bis zum 4. August in der Londoner O2-Arena statt. Für die internationale "Fifa"-E-Sports-Szene ist es der prestigeträchtigste Wettbewerb des Jahres.

Das Turnier kann zum Beispiel via YouTube und via Twitch live verfolgt werden. Auch der deutsche Sportsender Sport 1 überträgt den Wettbewerb, zum Teil auch im Fernsehen. Spielergebnisse lassen sich auf einer Website der Fifa abrufen.

Wer ist im "Grand Final" dabei?

32 Spieler kämpfen auf Sonys Playstation 4 und Microsofts Xbox One um den Titel - allesamt junge Männer. Für das Turnier haben sie sich über "Playoff-Events" qualifiziert. Auch für diese mussten sich die Spieler über weitere Wettbewerbe qualifizieren.

Beim "Grand Final" treten nun Spieler aus 19 Ländern gegeneinander, gleich acht Deutsche spielen mit: "Deto", "Eisvogel", "MoAubameyang", "TheStrxngeR", "M4RV", "MegaBit", "Nraseck" und "Sakul".

Die Teilnehmer kennen sich größtenteils persönlich, von anderen Wettbewerben oder weil sie zur Vorbereitung auf den eWorld Cup gemeinsam trainiert haben. Eine Übersicht aller Teilnehmer des "Grand Final" finden Sie in dieser Fotostrecke.

Wer ist Favorit?

Verglichen mit einer Fußball-WM ist es bei "Fifa"-Turnieren schwieriger, klare Favoriten auszumachen. Die meisten Profi-Spieler sagen: Wer es bis in "Grand Final" geschafft hat, kann auch den Titel holen. Eine entscheidende Frage wird sein, welcher der 32 Teilnehmer die stärksten Nerven hat - vor allem, wenn am 4. August nicht nur für den Internet-Stream, sondern vor Livepublikum in der O2-Arena gespielt wird.

Einen Vorteil haben in dieser Hinsicht Spieler, die schon einmal einen so wichtigen Titel gewonnen haben. Dazu zählt Spencer "Gorilla" Ealing aus England, der 2017 das Vorläufer-Event des eWorld Cups, den Fifa Interactive World Cup, für sich entscheiden konnte. Einen Triumph beim Interactive World Cup im Rücken hat auch August "Agge" Rosenmeier aus Dänemark, er gewann ihn 2014.

Die deutschen "Fifa"-Spieler gelten allgemein als stark - und da sie gleich zu acht vertreten sind, gilt auch ein deutscher Sieg in London als gut möglich. Den Interactive World Cup allerdings konnte nie ein Deutscher gewinnen: 2017 in London scheiterte Kai "Deto" Wollin im Finale an "Gorilla".

Wie läuft das Turnier ab?

Es gibt acht Vierergruppen, aus denen sich jeweils die vier erfolgreichsten Spieler für die K.-o.-Runde qualifizieren. Jeder spielt zweimal gegen jeden aus seiner Gruppe, das Ergebnis wird ohne Auswärtstor-Regel addiert. In der Gruppe A und B wird auf der Xbox One gespielt, in der Gruppe C und D auf der Playstation 4. Auch die Achtel-, Viertel- und Halbfinals werden in Form zweier Partien ausgetragen.

Im Endspiel trifft der Sieger der Playstation-Seite auf den Sieger der Xbox-One-Seite. Beide Finalisten spielen jeweils einmal auf jeder Konsole gegeneinander.

Der Turniersieger darf sich über 250.000 Dollar freuen, der Zweitplatzierte über 50.000 Dollar. Wer im Viertelfinale ausscheidet, bekommt immerhin noch 10.000 Euro. Und wer die Vorrunde übersteht, erhält 2500 Euro.

Wird normal "Fifa" gespielt?

Beim eWorld Cup wird eine besondere Variante von "Fifa 18" gespielt, der sogenannte E-Sports-Build. Die Spieler treten - wie es im beliebten "Ultimate Team"-Modus üblich ist - nicht mit Fußballteams in ihrer realen Besetzung an, sondern mit einem Kader, den sie sich selbst zusammenstellen.

In London tritt jeder mit der Nationalmannschaft seines Landes an, welche 23 virtuellen Spieler diese im Kader hat, lässt sich aber frei festlegen: Deutsche Teilnehmer können zum Beispiel auch Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo nominieren, alle Spieler aus dem "Ultimate Team"-Universum stehen zur Auswahl. Auch sogenannte Legenden wie Brasiliens Ronaldo oder Lothar Matthäus lassen sich ins eigene Team holen.

Welche Rolle spielen reale Fußballklubs?

Der Fifa eWorld Cup ist kein Vereinsturnier, jeder Spieler kämpft hier für sich und sein Land um den Titel. Diverse Spieler sind jedoch bei E-Sports-Teams oder in den E-Sports-Abteilungen von Fußballklubs unter Vertrag, sie dürfen diesmal sogar in ihren Vereinstrikots spielen - mit einer Landesflagge auf dem Ärmel. Der Deutsche "Deto" zum Beispiel steht bei Manchester City unter Vertrag, "TheStrxngeR" beim FC Basel.

Die Vereine zahlen den Spielern ein Gehalt und unterstützen sie zum Beispiel, indem sie ihnen Trainer oder Psychologen zur Seite stellen. Das Geld, das die Vereine zahlen, macht es vielen Spielern leichter, sich auf das professionelle "Fifa"-Spielen zu konzentrieren.

Ist "Fifa" ein beliebter E-Sport?

Die "Fifa"-E-Sports-Szene professionalisiert sich gerade: Die Preisgelder steigen, das Zuschauerinteresse wird größer, immer mehr Sportklubs und Sponsoren steigen ein. So groß wie Titel wie "League of Legends" und "Dota 2" ist "Fifa" im E-Sport aber nicht.

Zudem gibt es immer wieder Kritik an "Fifa": So ärgern sich Spieler zum Beispiel darüber, dass es im "Ultimate Team"-Modus ständig den Anreiz gibt, echtes Geld auszugeben, da das eigene Team so schneller leistungsfähiger wird. Im Fall von "Fifa 18" wird auch immer wieder über Bugs, also technische Fehler im Spiel, geschimpft.

Allgemein zählt "Fifa" zu den beliebtesten Videospielen überhaupt, "Fifa 18" etwa hat sich in Deutschland mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Nicht jeder Käufer interessiert sich aber fürs kompetitive Gaming: Viele spielen "Fifa" zum Beispiel auch gern offline gegen vom Computer gesteuerte Gegner.

Ist der eWorld Cup neu?

Ja und nein. Das Turnier ersetzt ab 2018 den Fifa Interactive World Cup, ein ähnliches Turnier, das seit 2004 einmal pro Jahr stattfand. Der Interactive World Cup wurde schon in Städten wie Dubai, Barcelona und New York City ausgespielt.

Neu beim eWorld Cup sind Doping-Kontrollen. Zudem müssen die Teilnehmer dieses Jahr den Disziplinar- sowie den Ethikkodex der Fifa unterschreiben: Auf diese Art stellen sie unter anderem klar, dass sie sich nicht an der Manipulation von Fußballspielen und -wettbewerben beteiligen.

Wie kann ich "Fifa" spielen?

Von "Fifa" erscheint jedes Jahr eine neue Version, aktuell ist "Fifa 18". Das Spiel gibt es für Playstation 4, Xbox One und den PC. Außerdem existieren optisch und spielerisch weniger moderne "Fifa 18"-Versionen für Playstation 3, Xbox 360 und die Nintendo Switch. Die Mobilversion des Spiels, "Fifa Mobile", ist noch deutlicher abgespeckt.

Das nächste "Fifa", "Fifa 19", soll am 28. September 2018 erscheinen. Es wird erwartet, dass EA Sports in London weitere Details zu dessen Neuerungen bekanntmacht. Bislang weiß man unter anderem, dass "Fifa 19" ein neues Schuss-System bietet und die Champions-League-Lizenz hat.



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