Achilles' Ferse: "Friss oder stirb"

Er war 2006 Europameister über die 10-Kilometer-Distanz, bei den Olympischen Spielen 2012 will Jan Fitschen jetzt den Marathon laufen. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt der Langstreckenläufer, wie hart er dafür trainiert - und wie er die Qualifikationszeit schaffen will.

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Läufer Fitschen: "Ich habe sehr viel investiert"

Frage: Herr Fitschen, wie geht es Ihren Füßen?

Fitschen: Denen geht es wunderbar. Warum fragen Sie?

Frage: Weil die Fuß-Fotos auf Ihrer Website wirklich gruselig sind: zerfetzte, blaue Zehennägel.

Fitschen: Ach, die Füße sind das kleinste Übel. Die sehen zwar schlimm aus, sind aber für den Physiotherapeuten unangenehmer als für mich (lacht). Wenn der Marathon am Sonntag vorbei ist, werden sich die Füße auch wieder erholen.

Frage: Sie wollen sich am Wochenende in Düsseldorf für den Olympia-Marathon in London qualifizieren. Nervös?

Fitschen: Manchmal denke ich: Oh Gott, Hilfe, du wirst richtig schnell sein müssen! Aber insgesamt freue ich mich vor allem auf das Rennen. Ich habe sehr viel investiert in die Vorbereitung und will nun die Früchte meiner Arbeit ernten.

Frage: Vergangenes Jahr sind Sie in Düsseldorf Ihren ersten Marathon überhaupt gelaufen. Damals wollten Sie einfach nur ankommen - jetzt peilen Sie Olympia an. Ist das nicht zu ehrgeizig?

Fitschen: Der Schritt ist wirklich sehr groß. Aber die Olympischen Spiele sind halt nur alle vier Jahre. Und ob ich 2016 noch dabei bin, weiß ich noch nicht genau. Um die Olympia-Norm von 2:12 Stunden zu schaffen, müsste ich meine Bestzeit um vier Minuten verbessern. Ich probier's einfach mal.

Frage: Ist es nicht riskant, für das Erreichen der Norm auf nur einen einzigen Marathon zu setzen?

Fitschen: Klar, ich würde auch gerne noch zwei, drei weitere Rennen laufen, wenn es in Düsseldorf nicht reichen sollte. Bei der wochenlangen Erholung, die man nach einem Marathon braucht, funktioniert das aber zeitlich nicht. Jetzt heißt es also: Friss oder stirb! Und wenn es nicht klappt, wäre das zwar saublöd - aber die Welt würde für mich nicht untergehen.

Frage: Für André Pollmächer ist der Olympia-Traum gesundheitsbedingt geplatzt. In Düsseldorf startet er nun als Ihr Tempomacher. Wie wichtig ist das?

Fitschen: Auf den Mittel- und Langdistanzen kommen die Weltrekorde immer mit Hilfe von Tempomachern zu Stande. Es ist viel einfacher, sich an jemandem festzubeißen, als das ganze Ding alleine durchzustehen. Wichtig ist auch, dass der Hase ein gleichmäßiges Tempo läuft. Ansonsten vergeudet man zu viel Energie.

Frage: Sie waren 2006 Europameister über 10.000 Meter. Haben Sie sich schon richtig an die ganz lange Distanz gewöhnt?

Fitschen: Bei mir dauerte es schon früher ein, zwei Jahre, bis ich auf eine neue Distanz eingestellt war, etwa, als ich auf die 5000 Meter oder 10.000 Meter wechselte. Ich trainiere gut und bin optimistisch, dass ich meine Marathon-Ergebnisse in diesem Jahr steigern werde. Dann kann ich auch guten Gewissens mit dem Leistungssport weitermachen.

Frage: Schon mal bereut, dass Sie mit der Schinderei für den Marathon überhaupt angefangen haben?

Fitschen: Nein, Marathon ist genau mein Ding: Die langen Läufe in der Natur draußen - ich bin froh, dass ich die noch machen darf. Das brutal harte Training auf der Bahn, diese ewigen Intervalle, die ich früher machen musste, haben viel weniger Spaß gemacht.

Frage: Sie waren kürzlich im Trainingslager in Kenia. Konnten Sie sich etwas von den Afrikanern abgucken?

Fitschen: Die Kenianer haben einen tollen Kampfgeist - und gleichzeitig legen sie die totale Lockerheit an den Tag, sie ruhen sich sehr viel aus. Genau das ist das Geheimnis: knallhart trainieren und sich zwischen den Einheiten vernünftig erholen.

Frage: In Kenia tummeln sich die besten Läufer der Welt. Reden die überhaupt mit einem Jan Fitschen?

Fitschen: Auch die absoluten Granatenläufer sind total cool und überhaupt nicht eingebildet. Mit Wilson Kipsang, der jetzt den London-Marathon gewonnen hat, saß ich vor paar Wochen noch abends beim Barbecue. Es ist doch so: Alle Läufer, egal ob Welt- oder Bezirksklasse, teilen die gleichen Sorgen. Und alle fürchten das brutale "Auf-die-Fresse-bekommen" bei Kilometer 35.

Das Interview führte Wendelin Hübner

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