Achilles' Ferse "Ich wusste, dass ich gewinne"

Es war ein unglaubliches Finale: Mit einem spektakulären Schlussspurt sicherte sich Dieter Baumann 1992 Olympia-Gold über 5000 Meter. Im Interview mit achim-achilles.de spricht der 47-Jährige über seine Erinnerungen, die Auswirkungen des Rennens und mögliche Nachfolger.

Läufer Baumann: "Großes Glück"
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Läufer Baumann: "Großes Glück"


Frage: Herr Baumann, Ihr sensationeller Gold-Lauf bei den Olympischen Spielen 1992 ist noch jedem im Gedächtnis, der das Rennen verfolgt hat. Begleitet Sie der spektakuläre Zieleinlauf noch in den Schlaf?

Baumann: Die Bilder an sich begleiten mich überhaupt nicht. Ehrlich gesagt, ich kann mich kaum dran erinnern. Der Blickwinkel der Kamera überlagert inzwischen mein eigenes Bild von dem Lauf. Ich habe das Rennen ja ganz anders erlebt.

Frage: Woran erinnern Sie sich?

Baumann: Die Afrikaner direkt vor mir, ich habe sie gespürt, gesehen. Dann war da diese schwierige Situation, in der ich innen lief und alle anderen außen. Ich war "eingekesselt", wie die Reporter sagten. Ich hatte großes Glück, das Heft des Handelns noch mal in die Hand zu bekommen: Die Lücke ging auf zwischen den Jungs - ansonsten hätte ich das Ding nicht mehr gewonnen.

Frage: Was ging Ihnen durch den Kopf, also Sie zum Schlussspurt ansetzten?

Baumann: Ich wusste, dass ich gewinne.

Frage: Wie konnten Sie so sicher sein?

Baumann: Kurz vor dem Ziel spurtet jeder mit voller Kraft, man kann die Geschwindigkeit der anderen gut einschätzen. Ich habe sofort gespürt, dass ich der Schnellste bin.

Frage: War Ihnen damals bewusst, dass Sie Sportgeschichte schrieben?

Baumann: Nein, diese Dimension ist mir bis heute nicht bewusst. Mich sprechen zwar regelmäßig Leute darauf an und sagen, dass sie das Rennen nie vergessen werden. Aber ich selbst bin da sehr nüchtern. Ich sehe mich als Läufer und habe damals einfach gemacht, was ich gut konnte.

Frage: Sie haben in Barcelona das Größte erreicht, was ein Sportler erreichen kann - und konnten wirklich so cool bleiben?

Baumann: Als ich die Ehrenrunde lief und die Kulisse sah, dachte ich mir schon: 'Hoppla, das ist ja schon ein größeres Sport-Festle, das du gerade gewonnen hast.' Ich brauchte einige Wochen, um das alles einordnen zu können, auch den großen Medien-Hype.

Frage: Boris Becker löste 1985 mit seinem Wimbledon-Sieg einen Tennis-Boom aus. Haben Sie mit dem Olympia-Sieg das Laufen zum Massenphänomen gemacht?

Baumann: Überhaupt nicht. Die Volkslaufbewegung gab es schon vor meiner Gold-Medaille. Und ich war ganz sicher nicht ihre Galionsfigur.

Frage: Warum hat später kein deutscher Langstreckenläufer mehr das Niveau erreicht, das Sie hatten?

Baumann: Die Konkurrenz durch die Afrikaner ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich härter geworden. Und die mangelnde Perspektive auf eine gute Platzierung schreckt viele ab. Mit meinen Zeiten von früher würde ich heute kein einziges Rennen gewinnen. Ich würde wohl nicht mal den Endlauf erreichen. Aber es gab auch nach mir exzellente Läufer.

Frage: An wen denken Sie?

Baumann: An Jan Fitschen, der Europameister wurde über 10.000 Meter. Auch Stephane Franke, der mehrmals EM-Medaillen gewann. Oder Nils Schumann, 800-Meter-Olympiasieger.

Frage: Welchen deutschen Läufern trauen Sie bei den Olympischen Sommerspielen in London etwas zu?

Baumann: Irina Mikitenko könnte im Marathon eine gewisse Rolle spielen. Von einer Medaille gehe ich zwar nicht aus, aber ein vorderer Platz wäre wohl möglich. Und dann haben wir dieses Jahr einen Überraschungsmann, Arne Gabius. Schwierig einzuschätzen, wie er sich bei einem großen internationalen Turnier bewährt. Aber das Finale über 5000 Meter könnte er erreichen. Das wäre eine Sensation.

Das Interview führte Wendelin Hübner



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insgesamt 4 Beiträge
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Monoton&Minimal 01.06.2012
1. Gespannt
Zitat von sysopGetty ImagesEs war ein unglaubliches Finale: Mit einem spektakulären Schlussspurt sicherte sich Dieter Baumann 1992 Olympia-Gold über 5000 Meter. Im Interview mit achim-achilles.de spricht der 47-Jährige über seine Erinnerungen, die Auswirkungen des Rennens und mögliche Nachfolger. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,835827,00.html
Ich bin ja gespannt wie lange es dauert sich der erste hier ueber Doping und wie-furchtbar-doch-der-Leistungssport-ist auslässt... 20 Jahre ist das nun her - verdammt wie die Zeit vergeht!
breisig 01.06.2012
2.
Zitat von Monoton&MinimalIch bin ja gespannt wie lange es dauert sich der erste hier ueber Doping und wie-furchtbar-doch-der-Leistungssport-ist auslässt... 20 Jahre ist das nun her - verdammt wie die Zeit vergeht!
alles doping, wie furchtbar ist doch der leistungssport! wobei, die erklärung mit der zahnpasta hatte einen gewissen charme;)
worship_mud 01.06.2012
3. optional
doping ist schlecht und leistungssport furchtbar. zufrieden, M&M? :D
Hirdoban 01.06.2012
4. Dieter Baumann - Unschuldig
Und ich bin nach wie vor der Meinung, daß man ihm übel mitgespielt hat. Bei dem was heute alles Doping ist, ist es ein Leichtes gewisse Dinge, wie zum Beispiel auch Zahnpasta, zu manipulieren. Jemand wollte ihm schaden und in Deutschland sind wir ganz besonders schnell mit Verurteilungen (siehe auch Claudia Pechstein). Wäre die Dopingkontrolle und Verfolgung in anderen Ländern genauso, würde Deutschland um Längen im Medaillenspiegel vorne stehen.
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