Missbrauchsskandal im US-Turnen Teamarzt soll mindestens 265 Frauen und Mädchen missbraucht haben

Der Skandal um den ehemaligen US-Teamarzt Larry Nassar weitet sich aus: Noch mehr Opfer wollen gegen den 54-Jährigen aussagen. Die Richterin plant Live-Übertragungen aus dem Gerichtssaal.

Larry Nassar
REUTERS

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Das Ausmaß des Skandals um den ehemaligen Teamarzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, wird immer größer: Nassar habe mindestens 265 Mädchen und Frauen missbraucht, sagte die Richterin Janice Cunningham in Charlotte im US-Bundesstaat Michigan. Bisher war der Arzt von mehr als 150 Mädchen und Frauen des Missbrauchs beschuldigt worden. Vor dem Gericht in Charlotte wollen mindestens 65 der Opfer gegen Nassar aussagen.

"Wir haben mehr als 265 Opfer identifiziert und eine unbestimmte Zahl von Opfern im Bundesstaat, im Land und überall in der Welt", sagte Cunningham zu Beginn der Anhörung, bei der die Dauer einer weiteren Haftstrafe für Nassar festgelegt werden soll. Sie habe daher entschieden, Live-Übertragungen im Internet aus dem Gerichtssaal zu erlauben, damit alle Betroffenen das Verfahren verfolgen könnten.

Nassar wird den Rest seines Lebens ohnehin hinter Gittern verbringen. Der 54-Jährige, der über Jahre hinweg Dutzende minderjährige Sportlerinnen sexuell missbraucht hatte, wurde bereits zu einer Haftstrafe von bis zu 175 Jahren verurteilt.

25 bis 40 weitere Jahre Haft möglich

Diese Verurteilung wegen Missbrauchs kommt zu einer früheren Haftstrafe von 60 Jahren hinzu. Nassar war im Dezember von einem anderen Gericht wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt worden. In dem Prozess in Charlotte könnten nun noch einmal mindestens 25 bis 40 Jahre Haft hinzukommen.

Die 17-jährige Jessica Thomashow, ebenfalls ein Opfer des Arztes, forderte die Richterin auf, gegen Nassar die Höchststrafe zu verhängen. "Larry Nassar ist böse", sagte sie: "Larry Nassar ist ein Verbrecher der schlimmsten Sorte."

Jessica Thomashow (links)
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Jessica Thomashow (links)

Die Turnerin Madison Bonofiglio, die bereits im März 2017 gegen Nassar ausgesagt hatte, sagte, sie kenne noch mindestens zehn Opfer, die sich bisher nicht zu Wort gemeldet hätten: "Es macht mich wirklich traurig, dass einige meiner besten Freundinnen glauben, dass ihre Fälle egal sind, weil Nassar sie nur fünf bis zehn Mal missbraucht hat."

Zu Nassars Opfern gehören auch die olympischen Goldmedaillengewinnerinnen Simone Biles, Gabby Douglas, McKayla Maroney und Aly Raisman ebenso wie Dutzende Athletinnen an der Michigan State University. Gegenüber den Mädchen hatte Nassar seine sexuellen Handlungen als Teil einer Untersuchung oder Behandlung dargestellt.

"Ich habe mir einfach nur die Augen ausgeheult"

Die vierfache Turn-Olympiasiegerin Biles, die sich Mitte Januar als Nassar-Opfer zu erkennen gegeben hatte, schilderte ihre Leidensgeschichte in einem Fernsehinterview. Sie habe die sexuellen Übergriffe zunächst vor sich selbst geleugnet und sei dann zusammengebrochen, berichtete Biles im Sender NBC News: "Ich habe mir einfach nur die Augen ausgeheult", sagte die Spitzensportlerin. "Es fühlt sich so an, als hätte er sich einen Teil von mir genommen, den ich nicht zurückkriegen kann."

Nassar war fast 30 Jahre lang der Mannschaftsarzt der US-Turnerinnen. Der Skandal hat den Turnsport in den USA tief erschüttert. Vor einer Woche war auf Druck des Olympischen Komitees der USA (USOC) der gesamte Vorstand des US-Turnverbands zurückgetreten.

Im Video: 175 Jahre Haft für Nassar

mru/afp

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