Laufen am Nordpol Der coolste Marathon der Welt

Sie zahlen 8800 Euro, um bei minus 25 Grad Celsius in Thermojacken und Schneeschuhen durchs Eis zu laufen. 50 unverfrorene Athleten messen sich dieses Jahr beim Nordpol-Marathon. SPIEGEL ONLINE sprach mit einem der Extremsportler.

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Wenn Oswald Waye am kommenden Samstag um kurz nach Mitternacht das geheizte Zelt verlässt, wird es draußen hell sein - die Sonne scheint in dieser Jahreszeit 24 Stunden lang. Vor allem aber wird es kalt sein, sehr kalt. Das Zelt steht am Nordpol, die Temperaturen liegen bei mehr als 20 Grad Celsius unter Null. Oswald Waye muss mehrschichtige Funktionskleidung und Schneeschuhe tragen, wenn er am Samstag anfängt zu laufen. 42,195 Kilometer, einen Marathon im Schnee.

Waye, den alle "Osy" nennen, nimmt an der vierten Auflage des "North Pole Marathon" teil. Der "coolste Marathon der Welt", wie Organisator Richard Donovan behauptet. Ausgangspunkt ist das norwegische Spitzbergen, von dort geht es für die Teilnehmer mit einer Antonov in die Arktis und anschließend über 42,195 Kilometer gefrorenes Nordpolarmeer.

Der Ire Donovan hat das Rennen 2003 ins Leben gerufen, seitdem steigt die Teilnehmerzahl von Jahr zu Jahr. Waren es 2004 noch 25 Läufer, werden sich in diesem Jahr über 50 Männer und Frauen auf die Strecke wagen. Mittlerweile gibt es sogar einen eigenen Club für die Extremsportler. Wer mindestens einen Marathon auf den sieben Kontinenten (Ozeanien und die Antarktis zählen in dieser Rechnung als eigene Erdteile) plus den Lauf in der Arktis erfolgreich hinter sich gebracht hat, darf sich Mitglied im "Grand-Slam-Club" nennen.

Oswald Waye, der in Celle geboren und in Großbritannien aufgewachsen ist, könnte am Wochenende den entscheidenden Schritt in Richtung des exklusiven Clubs absolvieren. 99 Marathonläufe hat Waye bereits in Städten wie New York, Boston, London oder Berlin durchgestanden. Für sein Jubiläum, den 100. Marathon seines Lebens, hat er sich den Nordpol-Marathon ausgesucht. "Das ist der letzte Teil der Welt, der in meinem Puzzle noch fehlt", erklärt der 56-Jährige, "es ist sehr aufregend".

"Nichts anderes als Skilanglauf"

Was sind das für Menschen, die 8800 Euro Anmeldegebühr zahlen, um stundenlang bei Minusgraden im Kreis zu laufen? Waye ist Hausmeister einer Baptisten-Kirche und ein gutgläubiger Mensch: "Ich habe keine Vorstellung, außer dass es kälter sein wird als bei jedem anderen Rennen, das ich bislang bestritten habe." Es gehe ihm nicht darum, neue Bestzeiten zu laufen. Manchmal hält er zwischendurch inne und schießt ein Foto. Nicht einmal richtig vorbereiten konnte er sich. Er habe nur sein normales Lauftraining auf der Straße absolviert, sagt er. "Wir hatten dieses Jahr nicht einmal Schnee in London."

Dabei ist eine gute Vorbereitung wichtig. "Die Läufer sollten kälteerprobt sein und sich vorher medizinisch gründlich durchchecken lassen", erklärt Klaus-Michael Braumann, Leiter des Instituts für Sportmedizin in Hamburg. Bei voller Gesundheit und gutem Trainingszustand spreche aus medizinischer Sicht nichts gegen einen solchen Marathon. "Das ist im Grunde ja nichts anderes, als beispielsweise ein Skilanglauf-Wettkampf bei sehr kalten Temperaturen", sagt Braumann, "das kann durchaus eine prickelnde Veranstaltung sein."

Das Eisprickeln in der Arktis dauert acht Runden, doch der Marathon wird nicht direkt am Nordpol stattfinden. Ein paar Kilometer entfernt, auf einer massiven Eisfläche, sei die Gefahr, dass sich Eisschollen lösen oder das Eis bricht, geringer, erklärt Organisator Donovan. "Diese Szenarien sind aber ohnehin sehr, sehr unwahrscheinlich."

Waye nimmt dieses Minimalrisiko auch in Kauf, um laufend Gutes zu tun. Er will nicht nur ankommen, sondern Geld für wohltätige Zwecke sammeln. Und weil Spenden nur für den fließen, der wahrgenommen wird, verkleidet sich Waye in der Arktis als Eisbär, das hat er auch auf dem Festland schon öfter getan. "Ich will das Kostüm dort etwa fünf Kilometer lang tragen", sagt Waye, "die BBC wird einige Aufnahmen machen." Nur zwei Wochen später wird er jedoch wieder ordentlich ins Schwitzen kommen. Dann will er zum zehnten Mal am London-Marathon teilnehmen - und das Kostüm während des gesamten Rennes anbehalten.

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