League of Legends Schalkes E-Sportler auf dem Weg an die Weltspitze

Während einige Klubs auf "Fifa" setzen, hat Schalke 04 mit "League of Legends" den großen E-Sport-Einstieg gewagt. Mit Erfolg: Nach schwierigem Start steht das Team im Finale der europäischen Playoffs - mit WM-Chancen.

S04 Esports vs. Splyce
FC Schalke 04 / eSports

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Auf Schalke haben sie ja schon so ziemlich alles gesehen. Aber das, das war dann doch irgendwie neu. Vor dem Bundesligaspiel gegen Hertha BSC erschienen auf dem Videowürfel junge Menschen in königsblauen Trikots, die Arm in Arm ihren Sieg in einer Jubeltraube feiern. Sie fahren nach Madrid, war da zu lesen. Sie fahren womöglich sogar zur WM. Schalke ganz vorne dabei, super Sache! Aber irgendwie sehen die Bilder auf der Leinwand mit den ganzen Computermonitoren eher nach Samstagnachmittag im Saturn Gelsenkirchen-Buer aus, als nach Fußballplatz.

"Viele Fußballfans im Verein können mit E-Sport noch wenig anfangen", sagt Tim Reichert. Er ist einer der deutschen E-Sport-Pioniere, gründete 1997 die E-Sport-Organisation SK Gaming mit. Seit Mai 2016 ist er bei Schalke 04 dafür zuständig, den E-Sport im Verein zu etablieren. Als ehemaliger Fußballprofi weiß er, wie die Fans ticken. Entmutigen lässt er sich davon jedoch nicht. "Wir werden nicht jeden 50-Jährigen im Stadion für den E-Sport begeistern können", sagt der 38-Jährige. "Aber wir merken, dass insbesondere junge Fans neben dem Fußball auch zunehmend das verfolgen, was wir in 'League of Legends' leisten."

Dass es viel Grund zur Freude für die E-Sports-Begeisterten in Königsblau geben wird, war zu Beginn der Schalker "League of Legends"-Historie noch nicht zu erahnen. Zur Saison 2016 hat Schalke seinen Einstieg in dem Fantasy-Strategiespiel gefeiert, direkt in der EU LCS, der obersten europäischen Spielklasse. Fünf Spieler in Königsblau sollten fortan Woche für Woche losziehen, um die generischen Basen in einem Echtzeit-Match zu zerstören (Hier erfahren Sie mehr zum Thema "League of Legends"). Doch die etablierten Teams stoppten die Schalker Euphorie schnell, das Team stieg direkt in die zweite Liga ab. "Es gab in der Szene viel Häme", erinnert sich Reichert. Je klangvoller der Name, desto größer die Fallhöhe.

Weltmeisterschaften in "League of Legends" das "Nonplusultra"

Nach einem Jahr kehrte Schalke zurück in die Erstklassigkeit, steckte jedoch nach der ersten Halbserie erneut im Tabellenkeller. Zur Rückserie verpflichtete das Team mit Maurice "Amazing" Stückenschneider einen Veteranen der Szene, der allerdings zuvor seit Monaten kein Team mehr hatte. Ein E-Sports-Märchen begann.

Schalke schloss die Sommer-Serie als Zweiter ab und zog nach zwei gewonnenen Duellen in den Playoffs in das europäische Finale gegen Fnatic am Sonntag ein (17 Uhr, Stream: Lolesports, Twitch, YouTube). Gewinnen sie auch das Endspiel, fahren sie als europäischer Champion zur Weltmeisterschaft nach Korea. "Wir spielen gegen den FC Bayern der Liga und sind krasser Außenseiter", sagt Reichert. "Aber wir sind im E-Sport jetzt schon so weit gekommen, wie noch kein anderer klassischer Sportverein vor uns." Doch selbst wenn sie das große Finale verlieren, wäre eine Teilnahme über eine weitere Qualifikationsrunde noch möglich.

Schalker Desk im LCS-Studio in Berlin
LoL Esports Photos/ flickr

Schalker Desk im LCS-Studio in Berlin

Schalke bei der Weltmeisterschaft in League of Legends, es wäre ein unerwarteter Erfolg für die noch jungen Bemühungen des Vereins in der Gaming-Szene. "Die Weltmeisterschaften in 'League of Legends' sind das Nonplusultra im gesamten E-Sport", sagt Reichert, "jedes Spiel dort verfolgen mindestens zehn Millionen Leute, bei den Finalspielen können es auch gern 50 bis 60 Millionen sein. So viele Zuschauer sind selbst mit Fußball schwer zu erreichen." Zum Vergleich: Das DFB-Pokal-Finale wurde von gut zehn Millionen Zuschauern verfolgt.

Ein Großteil des Publikums kommt aus dem asiatischen Raum, für Schalke ein interessanter Aspekt. Um neue Märkte zu erschließen, reisen Fußballvereine aus aller Welt durch Asien. "Wir haben mit dem E-Sport einen ganz anderen Hebel" sagt Reichert. "Hier geht es nicht um irgendwelche Freundschaftsspiele. Klar ist es eine andere Zielgruppe, aber dafür auch ein richtiger sportlicher Wettbewerb. Das hat schon eine ganz andere Wirkung auf die Marke Schalke 04, insbesondere im asiatischen Raum."

Engagement des FC Bayern würde dem E-Sport gut tun

Schalke ist mit seinen E-Sport-Aktivitäten kein Einzelgänger, auch Klubs wie Werder Bremen und der VfL Wolfsburg haben "Fifa"-Spieler unter Vertrag. Doch mit dem Engagement in "League of Legends" gehen sie in Gelsenkirchen einen Sonderweg. Der Verein habe sich bewusst aus der Komfortzone der Fußballsimulationen gewagt - in den größten Markt, "League of Legends". Dass andere Vereine dem Schalker Vorbild folgen könnten, macht Reichert keine Sorgen: Er sieht eher die Chancen einer gesteigerten Aufmerksamkeit für das Thema: "Wenn sich ein großer Name wie der FC Bayern in diesem Bereich engagieren würde, würde das dem E-Sport gut tun."

Gegner Fnatic mit Starspieler "Rekkles" (l.)
LoL Esports Photos/ flickr

Gegner Fnatic mit Starspieler "Rekkles" (l.)

"League of Legends" ist ein gutes Beispiel, wie sich eine E-Sport-Disziplin immer weiter professionalisiert. In der nordamerikanischen Liga sind mit den Houston Rockets, den Cleveland Cavaliers und den Golden State Warriors im laufenden Jahr drei NBA-Teams in die Liga eingestiegen. Auch in Europa wird ab dem kommenden Jahr das Franchising eingeführt, um die Liga weiter zu professionalisieren.

Die Umstellung auf das Franchising schafft jedoch auch finanzielle Hürden für die Szene. Laut "ESPN" werden sich neue Organisationen in der kommenden Spielzeit mit über zehn Millionen Euro einkaufen müssen, bestehende können für acht Millionen Euro weiter an der Liga teilnehmen. Mehr Geld soll die Wettbewerbsfähigkeit der Teams weiter steigern, die Lücke zur Konkurrenz aus Asien mit den koreanischen Topteams wie dem mehrfachen Weltmeister SK Telecom T1 oder KT Rolster weiter schließen. Ob Schalke 04 zu diesem Schritt bereit ist, kann auch Reichert nicht sagen: "Das ist eine strategische Überlegung, die wir unabhängig von einer WM-Teilnahme treffen müssen."

Noch sind China und Korea die dominanten E-Sport-Nationen, die Szene ist dort schon seit Jahren etabliert. Doch Reichert ist davon überzeugt, dass über kurz oder lang auch europäische Vereine mit der asiatischen Konkurrenz werden mithalten können. "Wir brauchen den Nachwuchs", sagt der deutsche Gaming-Pionier, "das hängt jedoch auch stark mit der gesellschaftlichen Akzeptanz des E-Sports zusammen". Dass diese weiter zunehmen wird, steht für ihn außer Frage. "In fünf bis zehn Jahren wird 'League of Legends' größer sein als die meisten klassischen Sportarten. Nur am Fußball wird kein Weg vorbeiführen."

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
teekesselchen 09.09.2018
1.
schöner Artikel zum Thema. da ihr ja den Twitch-Channel von Riotgames verlinkt und der auf Englisch ist, auf www.twitch.tv/summonersinnlive wird das ganze da auf Deutsch kommentiert. Falls jemand mal reinschauen möchte.
guudebernd 09.09.2018
2. Sport?
es ist erstaunlich was alles als Sport bezeichnet wird. Da hocken die stundenlang vor der Kiste, bewegen nur den einen oder anderen Finger und nennen sich (E-)Sportler und bekommen noch Geld für den Unsinn. Da ist ja Preis/Leistung noch schlechter als beim Fußball. ich spiele ab und an und das schon sehr lange Pacman. bin ich auch ein E-MAIL Sportler und will jemand dafür sein Geld hinterher werfen? Das wäre toll.
dth1978 09.09.2018
3. witzig
es gibt einen „älteren“ Cartoon von Garry Larson. „Hopeful Parents“ - einfach mal googeln. Es war früher tatsächlich unvorstellbar, dass man damit Geld verdienen kann... Zeiten ändern sich!
cosmose 09.09.2018
4.
Zitat von guudeberndes ist erstaunlich was alles als Sport bezeichnet wird. Da hocken die stundenlang vor der Kiste, bewegen nur den einen oder anderen Finger und nennen sich (E-)Sportler und bekommen noch Geld für den Unsinn. Da ist ja Preis/Leistung noch schlechter als beim Fußball. ich spiele ab und an und das schon sehr lange Pacman. bin ich auch ein E-MAIL Sportler und will jemand dafür sein Geld hinterher werfen? Das wäre toll.
Ja nu.... Zeiten ändern sich. Willkommen im 21. Jahrhundert. Schach ist übrigens auch "Sport".
zynischereuropäer 09.09.2018
5. @2
Meine Güte, wann ist es noch mal en vogue geworden mit der eigenen Ignoranz und Unwissenheit zu prahlen und kokettieren?! Mag sein, dass Ihr Horizont am sprichwörtlichen Tellerrand aufhört, aber behalten Sie Ihren Stuss doch bitte für sich. Bitte widerlegen Sie mich, dass Sie ein älterer Herr sind, der mit Sport wahrscheinlich selbst nichts am Hut hat, aber sich anmaßt Dinge als "kein Sport" zu bezeichnen, die er nie ausprobiert hat bzw zu denen er auch nicht in der Lage wäre. Es mag Ihnen neu sein, aber auch vermeintliches "spielen" ist körperlich sehr anstrengend. Was vielleicht an roher Kraft im Vergleich zu Fußball o.ä. fehlt, müssen sie mit mehr Taktik und Konzentration wettmachen.
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