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Behinderter Weitspringer Rehm: "Ich will einen richtig geilen Wettkampf"

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Paraylmpics-Sieger Rehm: "Ich will wieder zittern müssen" Zur Großansicht
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Paraylmpics-Sieger Rehm: "Ich will wieder zittern müssen"

Als erster behinderter Sportler startet Markus Rehm bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Der Weitspringer hat eine Beinprothese, die Konkurrenz ist skeptisch. Der Fall zeigt: Inklusion und Fairplay - das ist kompliziert.

Leverkusen - Das Anlegen der Prothese dauert nicht länger als einen Schuh anzuziehen. Markus Rehm sitzt auf einer Holzbank im Leichtathletikstadion in Leverkusen. Er zieht einen Strumpf aus Silikon über den Stumpf seines rechten Unterschenkels, dann stülpt er seine Prothese darüber: einen Schaft aus Kohlefaser. Noch ein paar Handgriffe mit dem Schraubenzieher, dann ist auch die Feder aus Vollcarbon an dem Schaft montiert. Der Umriss der Feder ähnelt dem Hinterbein einer Katze. Auf der Unterseite hat die Feder Spikes. Rehm erhebt sich, wippt auf seiner Prothese.

Beim Integrativen Sportfest in Leverkusen sind behinderte und nichtbehinderte Sportler gemeinsam am Start. Der Weitsprung ist das Highlight des Abends. Rehm steht am Anlauf, animiert das Publikum zum Klatschen. Er beschleunigt, macht 19 Schritte und drückt sich beim Absprung auf seiner Prothese ab. Rehm schafft 7,73 Meter, der Stadionsprecher ist begeistert: "Unglaublich, was für eine Energie aus diesem Athleten kommt", ruft er in sein Mikrofon.

Markus Rehm, 25, ist der beste beinamputierte Weitspringer der Welt. Er gewann bei den Paralympics 2012 in London die Goldmedaille. Seine Bestmarke liegt derzeit bei 7,95 Meter, er fliegt fast so weit wie die besten deutschen Athleten ohne Behinderung.

Am kommenden Wochenende wird Rehm in Ulm bei den deutschen Meisterschaften springen - als erster Athlet mit Handicap bei den Titelkämpfen. Sein Start hat eine Debatte ausgelöst, es geht um die Frage, inwieweit Inklusion im Spitzensport möglich ist. Es geht um Fairplay und darum, ob sich eine Sprungfeder mit einem menschlichen Bein vergleichen lässt.

Rehm hat keine Konkurrenz mehr

Rehm wuchs im schwäbischen Göppingen auf, mit 14 Jahren verlor er seinen Unterschenkel, ein Unfall beim Wakeboarden. Ein Motorboot überfuhr ihn, die Schiffsschraube zerfetzte sein Bein, nach drei Tagen mussten die Ärzte amputieren. Doch wenige Monate später trieb Rehm schon wieder Sport, sprang Trampolin, begann mit Weitsprung. Nun eben mit Prothese. 2008 wechselte er zu Bayer Leverkusen, der Verein hat eine der größten Behindertensport-Abteilungen Deutschlands. Rehm arbeitet halbtags als Orthopädiemechaniker, an sechs Tagen in der Woche trainiert er, manchmal auch zweimal am Tag. Er hat mehrere Sponsoren, eine Agentur kümmert sich um Interviewanfragen.

Nach dem Weitsprungwettkampf in Leverkusen sitzt Rehm an einem Biertisch unter dem Tribünendach. Er trägt ein enges Shirt, hüftaufwärts gleicht sein Körper dem eines Modellathleten. "Selbst mit einem halben Bein", sagt er, "kann ich voll trainieren." In den vergangenen Jahren hat Rehm mehrere Weltrekorde aufgestellt. Die Wettkämpfe im Behindertensport sind für ihn keine Herausforderung mehr, meistens gewinnt er, manchmal mit über einem Meter Vorsprung vor dem Zweiten. Er wolle nicht respektlos klingen, sagt Rehm, aber mit der Konkurrenz im Behindertensport sei es eben schwierig.

"Der Wettkampf gegen andere ist der Inhalt meines Sports", sagt er, "ich will um jeden Zentimeter kämpfen müssen, ich will zittern müssen." Er träumt schon lange davon, gegen Athleten mit zwei gesunden Beinen anzutreten.

Bis Ende 2015 soll der Prothesen-TÜV kommen

Kurz nach den Paralympics 2012 entschied der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) zunächst, Sportler wie Rehm nicht für seine Wettkämpfe zuzulassen. Athleten, die Prothesen für die Ausübung einer Disziplin benötigen, seien von der Wertung ausgeschlossen, hieß es damals. Die Funktionäre sahen in der Technik eine Gefahr für den fairen Wettkampf.

Im Jahr 2013 revidierte der Verband seine Entscheidung. Rehm, der 2014 schon mehrmals bei Meetings gegen nichtbehinderte Springer angetreten ist, bekam die Starterlaubnis für die Deutsche Meisterschaft. Die Qualifikationsnorm von 7,55 Metern hatte er locker überboten.

"Er ist ein Ausnahmeathlet, der vermutlich auch mit zwei gesunden Beinen in der Spitzengruppe mitspringen würde", sagt der DLV-Inklusionsbeauftragte Gerhard Janetzky, "ich gehe momentan davon aus, dass die Prothese kein Vorteil ist. Es gibt keinen Grund, Markus Rehm das Startrecht zu verweigern."

In der deutschen Jahresbestenliste steht Rehm auf Platz fünf, wenn er in Ulm einen guten Tag erwischt, wäre eine Medaille drin. Um die Norm für die Europameisterschaft im August in Zürich zu knacken, müsste er seine Bestmarke nur um zehn Zentimeter übertreffen. Seine Leistung wird jedoch erst mal unter Vorbehalt gewertet. Der DLV will zusammen mit dem Deutschen Behindertensportverband und Sportwissenschaftlern eine Untersuchung anstrengen. Daten wie Anlaufgeschwindigkeit, Absprungdruck und Absprungwinkel sollen zeigen, ob Rehms Leistungen mit denen von zweibeinigen Springern zu vergleichen sind.

Techno-Doping - ja oder nein?

Bis Ende 2015, sagt Janetzky, soll es eine Art Prothesen-TÜV geben. Damit sollen Kampfrichter entscheiden können, ob eine Prothese dem Sportler einen Vorteil bringt oder nicht. Sollten die Regelhüter Rehms Prothese als unerlaubtes Hilfsmittel einstufen, wird seine Wertung rückwirkend annulliert - Rehm dürfte dann auch nicht mehr bei DLV-Wettkämpfen starten.

Wenn im Leistungssport Inklusion und Fairplay aufeinandertreffen, wird es kompliziert.

Rehms Fall zeigt erstmals auch in Deutschland, wie im Sport die Grenze zwischen Behinderten und Nichtbehinderten verschwimmt. Der südafrikanische Prothesenläufer Oscar Pistorius sprintete 2012 in London als erster beidseitig Amputierter zunächst bei Olympia und später bei den Paralympics. Er hatte sich die Starterlaubnis vor Gericht erstritten.

Bevor Pistorius 2013 angeklagt wurde, seine Freundin ermordet zu haben, war er die Ikone des Behindertensports. Er hatte millionenschwere Werbeverträge. Doch Kritiker warfen ihm vor, mit seinen Stelzen Techno-Doping zu betreiben.

Auch Rehm spürt häufig Skepsis. Nach den Paralympics entschied er sich, ein neues Federmodell zu benutzen. Er kann jetzt schneller anlaufen, seinen Weltrekord hat er seitdem um 60 Zentimeter verbessert. Manche Leute, sagt Rehm, würden fragen, ob seine Prothese ihn irgendwann überhole. "Die Menschen sehen darin ein futuristisches Teil, ein Hightech-Gerät", sagt Rehm, "doch die Prothese macht nichts von alleine. Ich bekomme von der Feder nur die Energie zurück, die ich zuvor im Anlauf reinstecke, und das kostet viel Kraft."

Einfach mal einen "richtig geilen Wettkampf" erleben

Biomechaniker gehen davon aus, dass Leichtathleten eine 100-Meter-Zeit von mindestens 10,60 Sekunden schaffen müssen, um acht Meter weit springen zu können. Rehm läuft die 100 Meter in gerade mal 11,46 Sekunden. Liegt seine Weite also doch an der Prothese?

Das Argument sei Schwachsinn, sagt Rehm. Sein Anlauf sei schließlich nur 36 Meter lang. Er sei eben auf den Punkt schnell, er erreiche eine Höchstgeschwindigkeit von 9,8 Metern pro Sekunde, damit könne man durchaus acht Meter weit springen.

Christian Reif (LC Rehlingen) und Sebastian Bayer (Hamburger SV) sind die derzeit besten deutschen Weitspringer. Doch beide wollen lieber nicht über Rehm, ihren neuen Konkurrenten, sprechen. Es ist schwierig, niemand möchte etwas Falsches sagen, niemand möchte als Inklusionsgegner abgestempelt werden. Unter den Springern gebe es keine Vorbehalte gegenüber Rehm, versichert DLV-Funktionär Janetzky: "Die freuen sich auf den Wettkampf mit ihm."

Auf die Frage, ob seine Leistungen mit denen von Nichtbehinderten zu vergleichen sind, schweigt Markus Rehm ein paar Sekunden. Er überlegt, dann sagt er: "Natürlich sind die Voraussetzungen anders, ein Vergleich ist schwer." Er wolle sich "nicht irgendwo dazwischenklemmen", er wolle einfach nur mal wieder einen "richtig geilen Wettkampf" erleben. Er werde in Ulm alles geben.

Und falls er deutscher Meister wird? "Dann werden die Diskussionen noch größer, das wäre heftig", sagt Rehm, "darüber denke ich lieber nicht nach."

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1.
ichsagwas 24.07.2014
Vor Markus Rehm und seinen Leistungen habe ich vollen Respekt. Trotzdem sehe ich diese Teilnahme kritisch. Die Voraussetzungen und die Technik sind zu unterschiedlich. Beim Anlauf mag er Nachteile haben, beim Absprung sehe ich eher Vorteile. Wie soll man das gegeneinander Aufrechnen ? Messungen mit modernsten Methoden (Absprungkraft und Anlaufgeschwindigkeit) könnten zur Objektivierung beitragen. Das hätte man längst mal durchführen können.
2.
DuDDle 24.07.2014
Zitat von sysopDPAAls erster behinderter Sportler startet Markus Rehm bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Der Weitspringer hat eine Beinprothese, die Konkurrenz ist skeptisch. Der Fall zeigt: Inklusion und Fairplay - das ist kompliziert. http://www.spiegel.de/sport/sonst/leichtathletik-der-beinamputierte-weitspringer-markus-rehm-im-portraet-a-978888.html
Starker Hinweis darauf, eigentlich schon ein Beweis, dass die bessere Qualität der Prothese zu besseren Leistungen führt. Eigentlich sollten meiner Meinung nach bei den Paralympics standartisierte Prothesen verwendet werden für mehr Fairness, damit finanziell besser gerstellte keinen Vorteil haben. Ob die technisch erzielte Leistung höher als die rein biologische ist, lässt sich wohl schwer nachweisen. Aber falls das so ist trifft der Vorwurf des TechnoDopings zu. Ich denke, dass in Zukunft Prothesen so weit entwickelt sein werden, dass Athleten damit einen Vorteil haben. Aber irgendwann wird man die Leistungsfähigkeit der Prothese auf die des gesunden Beines anpassen können und spätestens dann steht einer Inklusion nichts mehr im Wege, zumindest bei einseitig Amputierten.
3. Tja,
pappnase32 24.07.2014
Wie will man wirklich festlegen was jetzt "Doping" ist oder nicht. Die Technik wird weiter entwickelt und meines erachtens haben die Sportler mit protesen dann einen Vorteil. Es tut mir leid, inklusion kann im Leistungssport nicht funktionieren oder warum gibt es noch die unterscheidung zwischen Mann und Frau?
4. Entscheidung
shooop 24.07.2014
Es ist schwierig, in diesem Punkt eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht sollte man es einfach mal mutig versuchen und Inklusion betreiben, dabei aber aupassen, dass erstmal kein Sportler dadurch schlechter gestellt wird oder um Teilnahmen an großen Wettkämpfen gebracht wird. Mit den Erfahrungen, die man dabei gewinnt, kann man in ein paar Jahren dann viel bessere Entscheidungen treffen. Gott sei Dank geht es hier um erwachsene Menschen und nicht um Kinder...!!
5. Für mich stellt sich als wesentliche Frage:
obsurfer 24.07.2014
Zitat von sysopDPAAls erster behinderter Sportler startet Markus Rehm bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Der Weitspringer hat eine Beinprothese, die Konkurrenz ist skeptisch. Der Fall zeigt: Inklusion und Fairplay - das ist kompliziert. http://www.spiegel.de/sport/sonst/leichtathletik-der-beinamputierte-weitspringer-markus-rehm-im-portraet-a-978888.html
Mit welchem Bein springt er ab - mit dem "künstlichen" oder mit dem "normalen"? Wenn er mit der Prothese abspringt, könnte ich mir schon einen enormen Vorteil vorstellen... Trotzdem natürlich Hut ab und großen Respekt vor dieser außerordentlichen sportlichen Leistung! Ich schaue da auch immer gerne zu
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