Doping und Korruption in der Leichtathletik Ganz tief im Sumpf

Die Leichtathletik wird erneut von schweren Vorwürfen erschüttert. Der frühere Weltverbandschef Lamine Diack soll Dopingfälle gegen Geld vertuscht haben. Am Nachmittag wird ein Untersuchungsbericht veröffentlicht - mit neuen Enthüllungen.

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Ex-Präsident Diack, Nachfolger Coe: "Immer geistiger Präsident"
AP/dpa

Ex-Präsident Diack, Nachfolger Coe: "Immer geistiger Präsident"


Lamine Diack, Träger des Olympischen Ordens, Ehrenmitglied des Internationalen Olympischen Komitees, hat dieser Tage noch ein paar Titel dazu bekommen. "Kopf einer mafiösen Bande" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), "einer der größten Sportkriminellen"("Süddeutsche Zeitung"), "Erpresser" ("Handelsblatt") lauten diese. Und das ist nur ein kleiner, vorsichtiger Auszug aus der Presse der Vortage.

Wenn Richard McLaren, Chef der Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zu Doping in der Leichtathletik, über Diack spricht, sagt er: "Dies ist eine ganz neue Dimension der Korruption im Vergleich zur Fifa." Was ja schon einiges heißt.

Diack, heute 82 Jahre alt, war bis zum Sommer dieses Jahres 15 Jahre lang als Vorsitzender des Weltverbandes IAAF der oberste Funktionär in der Leichtathletik, er gehört seit 1982 dem IOC an, und wenn stimmt, was seit Tagen aus den Ergebnissen der Wada-Kommission durchsickert, dann haben er und seine Entourage die Zeit ausreichend genutzt, um so ziemlich gegen alles zu verstoßen, was man als Werte des Sports bezeichnen könnte. Fairness, Chancengleichheit, Unabhängigkeit - Diack führte diese Worte zwar oft und gerne im Munde, aber handelte dann ganz offenbar nach dem kompletten Gegenteil.

Wer nicht zahlen wollte, flog auf

Die Liste der Vorwürfe gegen ihn, seine Söhne Papa und Khalid und ein paar Getreue hat mittlerweile eine erkleckliche Länge. In Kurzform lassen sie sich so zusammenfassen: Der IAAF-Boss habe über Jahre ein System der Erpressung installiert, nachdem erwischte Dopingsünder ihren Sport dennoch weitermachen konnten, wenn sie entsprechend zahlten. Im Gegenzug, so heißt es, ließ Diack das Dopingergebnis dann unauffällig verschwinden.

Ex-IAAF-Boss Diack: Vorwürfe immer zurückgewiesen
AFP

Ex-IAAF-Boss Diack: Vorwürfe immer zurückgewiesen

So sollen russische Leichtathleten hohe sechsstellige Summen gezahlt haben, um bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften trotz positiven Dopingtests an den Start gehen zu können. Die Langstreckenläuferin Lilija Schobukowa hatte bereits vor einem Jahr in der ARD ausgepackt, sie habe 450.000 Dollar in bar gezahlt, um sich das Startrecht bei den Sommerspielen 2012 in London zu sichern.

Wer nicht dazu bereit war, flog auf. So wie es laut französischen Medien der türkischen Läuferin Asli Cakir Alptekin, Olympiasiegerin über 1500 Meter von London, passiert sein soll. Diack und sein Sohn sollen von ihr im November 2012 500.000 Euro verlangt haben, schreibt die Zeitung "Lyon Capitale". Weil Alptekin sich weigerte, wurde ihr Dopingtest öffentlich gemacht. Die Türkin wurde für acht Jahre gesperrt.

Wieder geht es auch um WM-Vergaben

Diack selbst hat, seitdem die französische Polizei offiziell wegen Korruption gegen ihn ermittelt, geschwiegen. Vorwürfe, er vertusche Doping, hat er allerdings zuvor stets von sich gewiesen.

Das gilt auch für andere Vorwürfe: So ist die Vergabe von Leichtathletik-Weltmeisterschaften unter Diack zu einer höchst umstrittenen Geschichte geworden. 2013 ging die WM nach Russland, 2019 nach Katar. In beiden Fällen gibt es den Verdacht, die Vergaben seien Teil von Deals gewesen, und Diacks Sohn Papa habe als IAAF-Berater den Mittelsmann geben.

Dass der Clan des Senegalesen in der Kritik steht, ist nicht neu. Dass er nie als Vorkämpfer gegen Doping galt, auch nicht. Bereits 2011 erhielt er einen Verweis, weil bekannt wurde, dass er in den Neunzigerjahren Schmiergeld von der berüchtigten Marketingfirma ISL genommen hatte. Diack hatte das damals damit erklärt, er habe das Geld privat für einen Kredit gebraucht, weil sein Haus daheim abgebrannt sei. Das Bild, ihn als Brandstifter der Leichtathletik zu bezeichnen, liegt nahe.

Diack (links), Russlands Präsident Putin: WM 2013 Teil eines Deals?
Getty Images

Diack (links), Russlands Präsident Putin: WM 2013 Teil eines Deals?

Diack ist im August von der Spitze des IAAF abgetreten, seitdem regiert dort der smarte Brite Lord Sebastian Coe, eine Leichtathletik-Legende und spätestens seitdem er die Olympischen Spiele in London als OK-Chef verantwortete, ein Großkaliber im Weltsport. Als er im Sommer die Nachfolge Diacks antrat, lobte er seinen Vorgänger noch in den Himmel. Diack werde stets "sein geistiger Präsident" sein. Jetzt hört sich das schon etwas anders an. Am Sonntag klagte er, "schlechte Menschen haben unser System manipuliert", es sei widerlich, was die Wada-Kommission ans Tageslicht befördert habe.

Gleichzeitig tat Coe, als hätten ihn die Vorwürfe vollkommen überrascht und schockiert. Das allerdings wäre bemerkenswert: Schließlich hatte die Wada-Kommission, die ihre Resultate am Nachmittag offiziell vorstellen wird, schon vor Monaten Interpol eingeschaltet, weil sie dermaßen alarmiert über die skandalösen Zustände war, die sich ihr offenbarte. McLaren sagt: "Dieser Bericht wird den Sport verändern." Kaum vorstellbar, dass der oberste IAAF-Funktionär davon nichts wusste.

Auch der Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Clemens Prokop hat sich zu Wort gemeldet und gesagt: "Die Vorwürfe übersteigen alles, was ich mir hätte vorstellen können", wird er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zitiert. "Sollten sie zutreffen, gehören die Beteiligten so rasch wie möglich ins Gefängnis."

Dort war Diack in der Vorwoche bereits kurzzeitig, nachdem die französischen Behörden den 82-Jährigen vorläufig festgenommen hatten. Am Donnerstag ließen sie ihn dann jedoch wieder laufen - gegen eine Kaution von 500.000 Euro. Für Diack kein Problem, die Summe aufzubringen: Das Geld hatte er sich schließlich zuvor über Jahre beschaffen können.



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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
dbrown 09.11.2015
1. Ich geh am Stock.
Als seinen nur FIFA, UEFA und DFB korrupt. Wo es um so viel Geld und Macht geht, bleibt das halt nicht aus. Nicht nur, aber afrikanische Stammeshäuptlinge sind ja bekanntermaßen ganz weit vorne, wenn es um das Anhäufen unrechtmäßiger Kohle geht. Mich wundert hier gar nichts mehr. So viele Sümpfe zum trockenlegen, eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Leider.
sekundo 09.11.2015
2. ...und
Sebastian Coe hat sicher nichts gewusst!
TOKH1 09.11.2015
3. Unsere arme Jugend
Wie können wir vor unsere Kinder treten und faires Verhalten im Sport und im Leben selbst anmahnen und verlangen, wenn die größten Vorbilder, zu denen sie aufschauen, sich an nichts, aber auch gar nichts halten, um diesem Bild gerecht zu werden? Der Staat muss hier eingreifen. Es geht nicht nur um Sport.
seid-kritisch 09.11.2015
4. Leute, schauen wir einfach keinen Sport mehr!
Diese Art Sport brauchen wir nicht. Lasst uns selber Sport machen. Das ist auch der wahre Sinn von Sport: selber performen und nicht glotzen.
MatthiasPetersbach 09.11.2015
5.
Zitat von TOKH1Wie können wir vor unsere Kinder treten und faires Verhalten im Sport und im Leben selbst anmahnen und verlangen, wenn die größten Vorbilder, zu denen sie aufschauen, sich an nichts, aber auch gar nichts halten, um diesem Bild gerecht zu werden? Der Staat muss hier eingreifen. Es geht nicht nur um Sport.
(Leistungs-)Sportler als Vorbilder? Schon der erste Fehler.
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