Leichtathletik-Star Krause Nach dem Sturz

Gesa Felicitas Krause geht als Mitfavoritin und Titelverteidigerin auf die EM-Strecke über 3000 Meter Hindernis. Mit einem Erfolg würde sie auch ein Trauma aus dem Vorjahr vergessen machen.

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Von , Berlin


Zur Geschichte der Läuferin Gesa Felicitas Krause gehört ein Sturz. Oder noch besser formuliert: Es ist die Geschichte von Gesa Felicitas Krause, und das ist ziemlich ungerecht. Krause ist die WM-Dritte von 2015 über 3000 Meter Hindernis, sie hält den Deutschen Rekord, sie ist die amtierende Europameisterin - sie hat so viel gewonnen, aber nichts hat sie den Menschen so nah gebracht wie die Niederlage bei der WM in London im Vorjahr.

An diesem WM-Tag war sie in der Form des Lebens, sie war bereit, Weltmeisterin zu werden. Dann kam die Kenianerin Beatrice Kepcoech, rempelte Krause an, die Deutsche stürzte, die nächste Läuferin trat ihr auf den Knöchel, dann bekam sie im Fall noch einen Tritt gegen den Kopf. Das Rennen war erst ein paar hundert Meter alt und schon gelaufen. Krause rappelte sich irgendwie auf, benommen, mit brummendem Kopf, mit aufgeschürftem Knie, mit einem Knöchel, der höllisch weh tat, und lief das Rennen zu Ende. Als Neunte kam sie ins Ziel, Neunte statt Weltmeisterin - und Krause war fortan die Leichtathletin der Herzen.

Krause hat lange Interviews ausschließlich zu diesem Rennen geben müssen, diesem Rennen, das für sie die bitterste Enttäuschung war und für das sie mit so ungemein viel Sympathie in der Öffentlichkeit überschüttet worden ist. Heute wisse sie: "Es geht halt weiter, auch wenn es mal nicht nach Plan läuft", hat sie der "Hannoverschen Allgemeinen" in einem Gespräch gesagt.

Immer schneller und besser geworden

Für Gesa Krause ist bis dahin vieles nach Plan gelaufen. Sie ist Stück für Stück, Jahr für Jahr schneller, besser, reifer geworden auf dieser 3000-Meter-Strecke, die alles abverlangt. Wenn sich die Läuferinnen im Dutzend auf den Wassergraben zubewegen, wobei jede versucht, ihre beste Ausgangsposition zu erlangen, den besten Sprung anzusetzen, wenn gerangelt wird, wenn die Kräfte zum Schluss schwinden und auf der Zielgeraden immer noch ein Hindernis wartet, 76,2 Zentimeter hoch, nur nicht straucheln.

Gesa Felicitas Krause am Wassergraben
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Gesa Felicitas Krause am Wassergraben

Krause hat sich in diese Sportart, die erst 1998 für Frauen geöffnet wurde und sieben Jahre später WM-Premiere feierte, hineingearbeitet. Sie hat früh erkannt, dass der Hindernislauf eine Chance, eine Lücke bietet, auch als Europäerin zu bestehen - gegen die Übermacht der afrikanischen Läuferinnen, gegen die man auf den übrigen Langstrecken so gut wie nichts ausrichten kann. Mittlerweile gehört sie zu den Besten der Welt. Ihr Deutscher Rekord steht bei 9:11,85 Minuten, das ist eine Weltklassezeit. Aufgestellt hat sie den Rekord vier Wochen nach dem WM-Sturz von London. Auf der Laufbahn in dem Stadion, im dem sie am Sonntag Europameisterin werden will.

Dazu muss sie allerdings Karoline Bjerkeli Grövdal besiegen. Die Norwegerin ist in diesem Jahr bislang die Schnellste in Europa, sie war jahrelang eine der besten europäischen Langstrecklerinnen und hat für diese Saison auf den Hindernislauf umgesattelt. Krause gegen Grövdal, das kann ein Höhepunkt des letzten Wettkampftages bei der EM werden.

Gesa Felicitas Krause
AFP

Gesa Felicitas Krause

"Es ist deprimierend, wenn man weiß, was in einem steckt", hat Krause nach ihrem Sturzrennen von London gesagt. Dies der Welt nicht zeigen zu können, weil schon nach wenigen Metern jemand auf den Knöchel steigt, weil alles, was man über Monate, Jahre investiert hat, durch einen Moment zur Vergeblichkeit wird. Man kann sich noch nicht einmal selbst die Schuld geben. "So schlimm dieser Wettkampf war, mit viel Abstand kann ich Positives daraus ziehen", sagt sie. Zum Beispiel die Motivation für die Europameisterschaft. Den Titel vor eigenem Publikum zu verteidigen, das ist schließlich auch kein schlechtes Ziel.

Und ein Gutes hat das Rennen am Sonntagabend (20.15 Uhr ARD) in jedem Fall: Beatrice Chepkoech, die Frau, die Krause ins Unglück stürzte, ist nicht dabei. Die Kenianerin, durch die Kollision in London genau wie Krause um alle WM-Siegchancen gebracht, hat ihren eigenen Weg gefunden, den Frust von damals zu verarbeiten. Sie ist mittlerweile Weltrekord über die Strecke gelaufen.

Das muss es am Sonntag ja nicht unbedingt sein, dazu ist die Zeit der Kenianerin auch zu gut. Es würde Gesa Felicitas Krause schon reichen, wenn man sie künftig wieder vor allem mit einem Sieglauf in Verbindung bringt.



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