Lauf-Brüder Ingebrigtsen Die eilige Familie

Gold, Silber und Bronze für eine Familie? Das haben sich die norwegischen Brüder Ingebrigtsen für den 1500-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-EM vorgenommen. Der Konkurrenz bleibt lediglich der Argwohn.

Henrik Ingebrigtsen
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Henrik Ingebrigtsen

Von , Berlin


Die bekannteste Person aus der südnorwegischen Stadt Sandnes ist eine Pokerspielerin. Annette Obrestad zählt zu den Stars der Branche, hat bereits mehrere Millionen Dollar Preisgeld am Spieltisch kassiert.

Ein Pokerface trägt auch Gjert Ingebrigtsen gerne auf, man weiß selten genau, was in ihm vorgeht. Klar ist jedenfalls, dass seine Familie schon nach dieser Leichtathletik-Europameisterschaft von Berlin Obrestad als berühmteste Einwohnerin von Sandnes ablösen dürfte. Wenn ihm und seinen drei Söhnen Henrik, Filip und Jakob der ganz große Coup gelingt.

Am Freitagabend um 21.50 Uhr soll er über die Bühne gehen, dann fällt im Olympiastadion der Startschuss für das 1500-Meter-Finale. Und wenn es nach den Plänen von Gjert Ingebrigtsen geht, dann sollen gut dreieinhalb Minuten später die Medaillengewinner heißen: Henrik Ingebrigtsen, Filip Ingebrigtsen, Jakob Ingebrigtsen. Die Reihenfolge ist egal.

Timo Benitz ist misstrauisch

Drei Brüder auf dem Podest, das gab es noch nie, und die Chancen stehen gut, dass es so kommt. Filip, der Europameister von 2016, ist der bislang schnellste Europäer in diesem Jahr, gefolgt von seinem Bruder Jakob. Fürs Finale haben sich alle drei qualifiziert, Filip konnte sich sogar einen Sturz in seinem Halbfinale erlauben. Er rappelte sich wieder auf, lief einfach weiter, überholte die Konkurrenz und war rechtzeitig im Ziel unter den besten drei. Die Platzierung, die er gebraucht hat, um beim Endlauf dabei zu sein.

Filip Ingebrigtsen
AP

Filip Ingebrigtsen

Timo Benitz, der Deutsche Meister, war auch mit in diesem Lauf, und auf die Ingebrigtsen-Brüder sollte man ihn besser nicht ansprechen, wenn man seine Laune nicht verschlechtern will. "Das ist schon krass, wie der da vorbeigezogen ist. Das sehe ich als Leistungssportler, der auch jeden Tag trainiert, kritisch", sagte er anschließend in die ARD-Kamera. Und es war klar, welche Andeutungen ihm dabei im Kopf herumgingen.

Norwegen und Ausdauersport - das ist ein Thema, das die Dopingdiskussionen seit Jahren befeuert. Die Asthmamittel, die die norwegischen Wintersportler massenhaft im Gepäck haben, waren auch bei den Olympischen Winterspielen Grund für Geraune. Aber mehr als Geraune ist es eben auch bei den Ingebrigtsens bisher nicht. Die Norweger haben eine starke Laufmannschaft, angefangen mit 400-Meter-Mann Karsten Warholm über die 3000-Meter-Hindernisläuferin Karoline Bjerkeli Grövdal bis zu Marathonläufer Sondre Nordstad Moen. Nachgewiesen in Sachen Doping ist ihnen nichts, "der ständige Verdacht ist gruselig", sagt Henrik Ingebrigtsen, der Älteste im Brüder-Trio.

"Wir haben nie Grenzen akzeptiert"

Dass die Spekulationen über die Trainings- und Arbeitsmethoden der Ingebrigtsens nicht aufhören, liegt auch an der ganz besonderen Familiensituation. Vater Gjert hat keinerlei Trainererfahrung, er ist im Logistikgewerbe tätig, er hat einfach mal vor gut fünfzehn Jahren angefangen, mit seinen älteren Söhnen das Laufen zu trainieren, "weil man ja die Kinder irgendwie beschäftigen muss". Manche munkeln, dass er eine medizinische Ausbildung habe, die aber geheim halte. Die Dopinggeschichte der Leichtathletik hat auch viel Platz für Verschwörungstheorien geschaffen.

Gjert Ingebrigtsen wird in der "Neuen Zürcher Zeitung" zitiert, "wir haben nie akzeptiert, dass es Grenzen gibt. Warum sollen norwegische Jungs nicht so gut sein wie ein Afrikaner?" Und so ging es los: Henrik wurde 2012 Europameister in Helsinki, das war der Beginn der Erfolgsstory, Filip zog 2016 in Amsterdam nach, Henrik wurde in diesem Rennen Zweiter. Da hatten sie also in der Familie schon mal den zweifachen Medaillensatz.

Jakob Ingebrigtsen (M.)
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Jakob Ingebrigtsen (M.)

Und jetzt kommt noch Jakob hinzu. Erst 17 Jahre alt, im Vorjahr lief er die englische Meile unter vier Minuten, das ist noch nie einem 16-Jährigen gelungen. Jakob gilt als das größte 1500-Meter-Talent in Europa, aber nicht als das Größte in der Familie: Schwester Ingrid ist elf Jahre und überläuft jetzt schon alle Gleichaltrigen.

Fernsehstars in ihrer Heimat

Die Ingebrigtsens sind ihre eigene Trainingsgruppe, und Gjert ist Betreuer und Patriarch in einem. Sohn Filip untersagte er einen Urlaub mit dessen Freundin, weil das Training vorgehe, Henrik musste noch am Tag vor seiner Hochzeit Trainingskilometer wegschrubben. Das klingt nach hartem Regime, nach Abschottung - dagegen steht, dass die Ingebrigtsens sich vom norwegischen Fernsehen ausführlich für eine Dokumentation haben filmen lassen. Seitdem sind sie in ihrer Heimat auch Fernsehstars.

Die Familie hat insgesamt sieben Kinder. Der Jüngste ist erst fünf. Pech für den Rest von Europa.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
norgejenta 09.08.2018
1. Also unterschwellig
lese sich aus diesem Spon Artikel heraus, dass Doping im Spiel sein könnte.. Ein vorurteilsfreier Bericht sieht anders aus... Nur weil er schneller als ein Deutscher ist.. das ist nun wahrlich keine Kunst. und außerdem, sollte man für keinen Deutschen Athleten die Hand ins feuer legen..
peterka60 09.08.2018
2. Und wieder einmal !!
Wenn einer schneller ist als ich, muss er gedopt sein!! (Timo Benitz). Oder mindestens beschuldigt man ihn des Dopings. Ich kann es nicht mehr hören, dass jeder, der Weltklasseathlet ein Doper ist, nur weil er besser ist. Kontrolliert die Athleten und stellt sie dann an den Pranger, wenn sie erwischt werden. Unterstellungen wie diese von Timo Benitz sind einfach nur peinlich. Er gewinnt doch oft Wettbewerbe und hätte es wohl auch nicht gerne, wenn ihn nach jedem Sie einer des Dopings bezichtigen würde. Und dann noch schnell vom Berichterstatter ein bisschen Asthma-Mittel ins Spiel bringen und schon hat man einen Grund, warum die anderen schneller sind.
axelmueller1976 09.08.2018
3. Peterka 60 :Man will doch keine harten echten Kontrollen
Warum hat denn der Prof.Perikles Simon einer der besten Doping-Profs. hingeworfen ?
champagnero 09.08.2018
4. ...
Sorry, aber die sind nicht einfach nur so schneller. Genauso wie Armstrong nicht einfach nur so schneller war als alle andern, es geht um die Differenz. Es ist schon auffällig, dass sich im norwegischen Ausdauersport anscheinend alle Asthmatiker des Landes tummeln.
deklemens 09.08.2018
5. Spekulationen...
Was sollen diese Dopingspekulationen bringen? Entweder es liegen Beweise vor, dann kann man das öffentlich aussprechen, bzw. darüber berichten. Und wenn nicht, dann müssten die "Ankläger" sofort mit Konsequenzen zu rechnen haben...
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