EM in Berlin Wenn die Menschen nicht zur Leichtathletik kommen...

...dann muss die Leichtathletik eben zu den Menschen kommen: Die Sportart kämpft vor der Heim-EM gegen den Bedeutungsverlust. Der Verbandspräsident hat sich da ein paar Gedanken gemacht.

Stabhochspringer Renaud Lavillenie
REUTERS

Stabhochspringer Renaud Lavillenie

Von , Berlin


Jürgen Kessing ist im normalen Leben SPD-Politiker. Man könnte also sagen, dass er sich gut auskennt mit vergangenem Ruhm, mit Tradition und Niedergang.

Seit dem Vorjahr ist der 61-Jährige aber nicht nur SPD-Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen, sondern auch noch Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). Und muss sich seitdem mit der Frage beschäftigen, warum die Leichtathletik nicht mehr das ist, was sie aus seiner Sicht sein sollte: Die Königsdisziplin des Sports.

Jetzt steht die Europameisterschaft vor der Tür, in Berlin, das Olympiastadion wird wahrscheinlich jeden Abend voll sein, Kessing erwartet "ein wahres Sommerfest". ARD und ZDF übertragen fast rund um die Uhr, eigentlich sollte die Welt der Leichtathleten doch in Ordnung sein.

Fast das ganze Jahr über weg vom Fenster

Aber sie ist es nicht, es gibt im Jahr noch 51 Wochen, in denen keine EM stattfindet - und die Leichtathleten in der Öffentlichkeit weg vom Fenster sind. Früher, zu den Zeiten von Thomas Wessinghage und Klaus Tafelmeier, von Klaus Wolfermann und Ulrike Meyfarth, von Dietmar Mögenburg und Jürgen Hingsen, ja, auch von Marlies Göhr, Frank Emmelmann und Waldemar Cierpinski, da hingen in West und Ost die Menschen vor dem Fernseher, wenn die Athleten zum Länderkampf mit der UdSSR und Großbritannien antraten. Das Meeting im Züricher Letzigrund war ein Anker im sportlichen Jahreskalender, zum Hochsprung-Meeting auf Norderney strömten Tausende, des Zehnkampfs zweiter Vorname war Götzis.

Und heute? "Wir haben ein paar kleine, feine Meetings", sagt Kessing, er zählt auf: Ratingen, Relingen, Dessau. Viel mehr als ein Fachpublikum zieht das nicht mehr an. "Wir bräuchten wieder Veranstaltungen mit 15.000, 20.000 Zuschauern." Woher nehmen? Von den großen Arenen stehen den Leichtathleten nur noch Nürnberg und Berlin zur Verfügung, seit das Stadion in Stuttgart für den Fußball umgebaut wurde. "Stuttgart wurde uns zerstört", sagt Kessing.

Und wenn mal in Nürnberg die Deutsche Meisterschaft ist, dann "ist auf dem angekündigten ARD-Livestream kaum etwas zu sehen", sagt Sprinterin Gina Lückenkemper, sie sei "darüber schockiert". Beim Fußball, "da gibt es Kameras, die 90 Minuten lang nur den Trainer filmen, und Leute gucken sich das im Stream an". Sie dagegen laufe fast jede Woche, "ich war in Oslo, in Stuttgart, aber niemand bekommt das mit". Die Diamond League, "unsere Champions League, sie findet im Free-TV nicht mehr statt".

Die Leichtathleten haben daran auch ihren Anteil, dass es so weit gekommen ist, sagt Lückenkemper: "Wir müssen künftig viel mehr auf die Medien zugehen, wir müssen viel mehr Pressekonferenzen geben", sagt sie: "Damit die Leute auch merken, welch tolle Menschen hier aktiv sind."

Jürgen Kessing und Gina Lückenkemper,
DPA

Jürgen Kessing und Gina Lückenkemper,

Kulturkampf bleibt der Leichtathletik nicht erspart

Die Medien also, die nur noch Fußball zeigen. Aber vielleicht ist es auch die Sportart selbst, die sich wenig verändert hat, wenig anpasst an die Fernsehwelt. Andere Sportarten haben sich und ihre Regeln bis an den Rand der Selbstverleugnung verändert, um sich dem Fernsehen interessanter zu machen. Leichtathletik ist stets "der Ursprung für alle Sportarten geblieben: Laufen, Werfen, Springen", sagt DLV-Sportdirektor Idriss Gonschinska. Kessing hält die "Lifestyle-Sportarten" dagegen, letztlich hält er auch Biathlon, die Quoten-Queen im Winter, dafür: "Früher hat das niemand geguckt."

Beim Biathlon stehen die Sponsoren Schlange. Als Kessing und Gonschinska von der Presse gefragt werden, ob der DLV denn Prämien für seine EM-Medaillengewinner auslobe, herrscht verlegenes Schweigen. Kessing sagt dann, dass man bei Sponsoren "noch Nachholbedarf" habe.

Sponsoren, die auch deswegen nicht in Scharen zur Leichtathletik laufen, weil die Sportart eine reiche Dopinggeschichte hat. Der DLV hat sich den Kampf gegen das Doping auf die Fahne geschrieben, die Aufarbeitung der eigenen Sünden in West und Ost aus den Siebziger- und Achtzigerjahren ist immer noch lange nicht abgeschlossen.

Es ist ein Kulturkampf, der auch der Leichtathletik nicht erspart bleibt, diesem Traditionsort des Sports, sich treu geblieben seit der Antike. "Wir müssen unsere Sportart sicher nicht neu erfinden", sagt Kessing. Aber es geht um die Präsentation. Lückenkemper regt "Kompaktveranstaltungen" an, die nicht mehr über den halben Tag gehen, die aber auch nicht mehr die ganze Vielfalt der Leichtathletik wiedergeben. Da würde es Verlierer geben: Die Geher, die Hammerwerfer, die 10.000-Meter-Läufer. Zu sperrig, zu lang andauernd. Aber Kernmaterial der Leichtathletik.

Meetings über die Weihnachtstage?

Beim DLV überlegen sie, den Wettkampfkalender zu verändern, vielleicht etwas über die Weihnachtsfeiertage anzubieten, wenn die Fußball-Bundesliga pausiert. Kessing verweist auf die Sprungwettkämpfe, die in Innenstädten ausgetragen werden, auf die Kugelstoßqualifikation bei der EM, die am Breitscheidplatz direkt neben der Gedächtniskirche stattfinden wird. "Die Leichtathletik zu den Menschen bringen", nennt er das. Gonschinska sagt leicht achselzuckend: "Ich bin aber kein Kreativ- oder Marketingdirektor." Er ist für den Sport zuständig.

Kessing hält die Leichtathletik immer noch für eine "Lokomotive", bei den European Championships, bei denen derzeit verschiedene Sportarten gleichzeitig ihre EM austragen, "läuft ohne uns nichts". Aber die Lokomotive fährt längst auf dem Nebengleis, die Leichtathletik ist vielleicht das prominenteste Opfer des "Fußball-über-alles".

Dabei kann sich der DLV-Chef einen Seitenhieb auf den mächtigen DFB nicht verkneifen: "Wer wirklich erfolgreiche deutsche Sportler sehen will, der sollte nächste Woche ins Berliner Olympiastadion kommen." Der SPD-Politiker Kessing weiß, dass man die guten Tage noch genießen muss. Es können noch schlechtere kommen.



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ichliebeeuchdochalle 04.08.2018
1.
Ohne Doping kann man 10,0 Sekunden laufen. Mit den besten Mitteln vollgestopft 9,5. 7 von 8 Endlaufteilnehmern sind mal des Dopings überführt worden. Nein, nicht der Schnellste, der Faxen nach 80m gemacht hat. Das ist der, der nicht überführt worden ist. Soll ich weitermachen? Ein deutscher Hammerwerfer hat nach seiner Karriere zugegeben, auch mal zu Testzwecken ein paar Pillen eingeworfen zu haben. Warf dann gleich mal vier Meter weiter. Nimmt ein anderer zwei Pillen mehr und wirft noch einen Meter weiter. Kommt ein Russe und wirft zwei Jahre später nochmal sieben Meter obendrauf. Soll ich weitermachen? Warum soll das noch jemanden interessieren? Das interessiert von den Nicht-Betroffenen nur noch Dumme. Setzt 10 Millionen Tüten Hühnsersuppe vor den Fernseher, habt ihr eine sagenhafte Quote. Die gucken alle zu. Und ein paar Alte, die sich wehmütig erinnern.
justtk 04.08.2018
2. Leistung ist out
Das Problem des fehlenden Interesses ist nicht Doping sondern die zunehmende Leistungsfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft. In der Schule am besten keine Noten mehr, Uni ohne NC, 6 Wochen Urlaub plus 2 Wochen/Jahr krank feiern, am liebsten wegen Burnout ... Ohne erfolgreichen Leistungssport auch kein wirklicher Breitensport. Der jüngste Bericht zum Fitnesszustand der Deutschen spricht Bände ... Echte Fitness ist halt anstrengend ... #Fußball - hier geht’s weniger um Sport, als darum, seine Wut auf andere hinauszuschreien. So viel negative Energie setzt keine andere Sportart frei (bei den Zuschauern).
dilldopp 04.08.2018
3. Langweilig
Leichtathletik ist einfach nur extrem langweilig anzusehen, da kann ich besser selber ne runde laufen und mich fit halten, als irgendwelchen leuten dabei zuzusehen.
ralph.lobenstein 04.08.2018
4. Sozialer Aufstieg
Eltern können doch gar nicht mehr ruhigen Gewissens ihre Kinder zum Leistungssport schicken.Brotlose Kunst und vergeudete Zeit beim harten Training. Besser Konzentration auf Studium/Berufsausbildung.Leistungssport auch im Fussball ist zunehmend nur noch was für Kinder aus Gruppen die das als einzige Chance sehen sozialen Austieg zu schaffen.
rjsedv 04.08.2018
5. Tja - so verschieden sind Leute
Zitat von dilldoppLeichtathletik ist einfach nur extrem langweilig anzusehen, da kann ich besser selber ne runde laufen und mich fit halten, als irgendwelchen leuten dabei zuzusehen.
Genau das Gegenteil finde ich. Aber mir ödet es extrem an, wenn 22 erwachsene Leute einem Ball nachlaufen und den mit Füßen treten. Dafür gibt es aber Geld wie sonst nur im Drogenhandel.
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