Vor Leichtathletik-WM Peking? Doping? Kein Ding

Die WM in einem Land, das die Menschenrechte vernachlässigt, Aufsehen erregende Dopingrecherchen - die Leichtathletik ist kurz vor WM-Start in miserablem Zustand. Nur der Weltverband tut so, als sei alles in Ordnung.

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Königsdisziplin 100-Meter-Lauf: Der Verdacht ist mit am Start
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Königsdisziplin 100-Meter-Lauf: Der Verdacht ist mit am Start


Die Leichtathletik ist die Königin der Olympischen Spiele. Und ihre Stars sind die Helden der Olympia-Geschichte: Jesse Owens, Carl Lewis, Dick Fosbury, Bob Beamon, Heide Rosendahl, Haile Gebrselassie. Ab Samstag hält die Königin wieder Hof, es stehen die Weltmeisterschaften an. Aber Glanz verbreitet die Sportart dieser Tage nicht mehr, nur noch Zwielicht. Die Leichtathletik muss aufpassen, dass es ihr nicht so ergeht wie dem Radsport. Eine Sportart gerät unter Generalverdacht.

Dass die Wettkämpfe vom Weltverband IAAF nach Peking vergeben wurden und damit das autoritäre Regime der Chinesen wieder einmal durch eine hochrangige Sportveranstaltung geadelt wird, ist dabei sogar nur ein Nebenschauplatz. Das Dopingthema überschattet aktuell selbst den Menschenrechtsaspekt. Die aktuellen Recherche-Ergebnisse der ARD-Dopingredaktion, die zahlreiche Auffälligkeiten bei Blutkontrollen von Athleten offenbarten, haben den Weltverband und seinen scheidenden Präsidenten Lamine Diack aus dem Senegal massiv unter Druck gesetzt - und die üblichen Reflexe des IAAF geweckt.

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Leichtathletik-WM: Die deutschen Stars
Diacks Reaktion auf die Enthüllungen war die, die man von ihm erwartet hat. Es handele sich offenbar um den Versuch, errungene Medaillen im Nachhinein neu zu verteilen, ließ er kundtun. So ähnlich hatte der Präsident, der am Mittwoch nach 16 Jahren sein Amt im gesegneten Alter von 82 abgeben wird, schon im Vorjahr auf die Recherchen der ARD geantwortet, die flächendeckendes Doping in der russischen Leichtathletik nahelegten.

Aufklärungswillen der Nachfolger ist fraglich

Ein echter Wille zur Aufklärung war bei Diack nie zu spüren. Ob die beiden Anwärter auf seine Nachfolge, Sebastian Coe und Sergej Bubka, damit beginnen werden, aufzuräumen, ist mindestens so undurchsichtig wie der Abgasdunst, in den sich Peking auch dieser Tage wieder hüllt.

Die Leichtathletik und der IAAF haben sich über Jahrzehnte darin gesonnt, dass die Sportart mit ihren lukrativen Meetings stets Geld abgeworfen hat. Dass es damit zu Ende gehen kann, wenn sich die Sponsoren aufgrund der negativen Presse zurückziehen, das hat Diack nie ins Kalkül gezogen.

Der Senegalese ist im System seines Vorgängers Primo Nebiolo groß geworden. 18 Jahre lang hatte Nebiolo die Leichtathletik beherrscht, in seine Zeit fiel der Dopingfall von Seoul um Sprinter Ben Johnson, derTod von Siebenkämpferin Birgit Dressel, die Erfolge der DDR-Leichtathleten, die er nie hinterfragen und aufarbeiten ließ. Transparenz - das ist im Leichtathletik-Weltverband seit mehr als 30 Jahren völlig unbekannt.

Die üblichen Verdächtigen sind zurück

Bei der WM in Peking sind denn auch die alten Bekannten wieder am Start: Der 33-jährige US-Sprinter Justin Gatlin zum Beispiel, der schon zweimal wegen Dopings gesperrt war und in diesem Jahr plötzlich wieder so schnell läuft wie lange zuvor nicht. Diskus-Olympiasieger Robert Harting, der deutsche Vorzeige-Leichtathlet, hat süffisant angemerkt, er könne sich nicht vorstellen, dass "bei Gatlin ein Lerneffekt eingetreten ist". Asafa Powell, Tyson Gay - auch sie sind erwischte Dopingsünder. Auch sie gehen in Peking wieder auf die 100-Meter-Bahn und zählen zu den Favoriten.

Der weißrussische Hammerwerfer Iwan Tichon ist schon mehrfach aufgeflogen, in Peking ist er mit dabei, ebenso Jamaikas Sprintstar Veronica Campbell-Brown, der US-400-Meter Star LaShawn Merritt - sie alle sind schon auffällig gewesen. Sie alle sind in Peking am Start. Merritt hat angegeben, er habe ein Mittel zur Penisvergrößerung benutzt, das auch auf der Dopingliste stand. Davon habe er nichts gewusst. Originell sind sie, die Geschichten, die die Athleten zu erzählen haben.

Harting, selbst wegen einer hartnäckigen Verletzung in Peking nicht am Start, gehört dagegen zu den Aktiven, die das Dopingthema mittlerweile offensiv angehen. Die wissen, dass sie unter dem miesen Image ihrer Sportart leiden. So zählt er zu jenen DLV-Sportlern, die ihre Blutwerte öffentlich gemacht haben, um klarzumachen, dass bei ihnen alles mit rechten Dingen zugehe. Statt allerdings Lob dafür zu bekommen, wurden sie von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) für die Aktion kritisiert. Damit werde der Eindruck erweckt, die Athleten, die ihre Werte nicht veröffentlichten, hätten etwas zu verbergen, bemängelte die Nada.

Die Macher der WM in Peking werben derweil in der Stadt mit den Stars der Branche. Auf einem Plakat ist auch die US-Olympiasiegerin Florence Griffith-Joyner zu sehen. Jene Athletin, die schon mit 38 Jahren verstorben ist. Dopinggerüchte um sie und um ihre Todesursache sind nie verstummt. Von daher ist sie wahrscheinlich die passende Werbeträgerin für diese WM.



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insgesamt 12 Beiträge
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hman2 18.08.2015
1. Na toll
Wenn jetzt auch Dopingsünder auf Plakate geklebt werden, super. Wäre es nicht ehrlicher, man würde in Peking nicht die "Athleten" aufs Siegertreppchen stellen und mit Medaillen behängen, sondern ihre Ärzte oder Apotheker? Oder die Pharmareferenten? "Diesen Sieg präsentierte Ihnen... Nandrolon! Jetzt auch in Ihrer Apotheke erhältlich..."
spon-facebook-10000523851 18.08.2015
2. Frage:
In welchem land duerfte man dann ueberhaupt noch Sportveranstaltungen durchfuehren ? Welche "Menschenrechtsregierung" sollte in einem Milliardenland mit derartigen kulturellen Unterschieden ueberhaupt funktionieren ? Welche Laender sollten, auf westliche Arroganz und Bevormundung bezogen, das ueber Nacht erreichen, wozu Europa und die USA hunderte von Jahren brauchten ? In welcher Phantasiewelt leben Kritiker eigentlich ?
markus_wienken 18.08.2015
3.
Ich gehe davon aus, dass im Profisport extrem viele Sportler dopen. Bei Ausdauersportarten mehr als bei anderen Sportarten. Auch das die zuständigen Sportorganisationen kein wirkliches Interesse an Aufklärung haben, erkennt man immer wieder aus Neue. Ist halt so, wenn viel Geld im Spiel ist.
taste-of-ink 18.08.2015
4.
Meines Erachtens liegt die Ursache darin, dass in der Leichtathletik nur ganz wenige Spitzenathleten überhaupt die Möglichkeit haben, damit Geld zu verdienen. Gerade der Zwang, stets auf den Punkt Spitzenleistungen zu erbringen führt dazu, dass den Athleten jedes Mittel recht ist, um sich für Sponsoren attraktiv zu halten und sportliche Förderung zu erlangen. Eine schlechte Form lässt die Athleten ganz schnell in der Versenkung verschwinden...
uventrix 18.08.2015
5. Windmühlen...
Erlaubt das Doping halt einfach für alle und gut ist. Man will eben jedes Jahr neue Rekorde sehen und das geht halt nur über Doping. Die Gladiatoren unserer Zeit mühen sich doch nur damit wir, das träge Volk, was zu gucken haben. Konsequenterweise sollte dann jeder Sportler auch sein Medikament mit Hersteller auf seinem Shirt tragen müssen...
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