Leichtathletik Widerstand gegen Rekord-Reform

Ein Vorschlag des europäischen Leichtathletik-Verbands sorgt für Aufsehen: Historische Weltrekorde sollen in Zukunft nicht mehr gelten. Der Grund: Viele Bestleistungen stehen unter Dopingverdacht. Damit ist nicht jeder einverstanden.

Paula Radcliffe
AFP

Paula Radcliffe


Der Reformplan zur Änderung der internationalen Leichtathletik-Rekordlisten hat heftigen Widerstand hervorgerufen. Al Joyner, Witwer der 1998 verstorbenen 100- und 200-Meter-Weltrekordhalterin Florence Griffith-Joyner, will im Fall einer Zurücksetzung der Weltrekorde rechtliche Mittel prüfen.

"Das entehrt meine Familie. Ich werde mich mit Händen und Füßen dagegen wehren", sagte der Dreisprung-Olympiasieger von 1984 dem "Wall Street Journal": "Ich werde jeden juristischen Weg nutzen, den ich finden kann. Ich werde dafür kämpfen, als ob ich für eine olympische Medaille trainieren würde." Die Bestmarken von Griffith-Joyner von 10,49 Sekunden (100 Meter) und 21,34 (200 Meter) aus dem Jahr 1988 sind bis heute unerreicht.

Zuvor hatten sich bereits Rekordhalter aus Großbritannien gegen den vom europäischen Leichtathletik-Verband vorgestellten Plan gewehrt. Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe hatte erklärt, ihr Ansehen werde dadurch "beschädigt" und sie fühle sich durch das Vorhaben "verletzt".

"Sie wollen Erinnerungen stehlen"

Colin Jackson, Inhaber des Hallen-Weltrekords über 60-Meter-Hürden, erklärte dem TV-Sender BBC: "Sie wollen Erinnerungen stehlen." Auch Steve Cram, Europarekordler über 2000 Meter und über die Meile äußerte Kritik: "Es wird nichts verändern. Es wird die Leute nicht davon abbringen, zu betrügen."

Das Council der EAA hatte sich am Wochenende für eine neue Rekordliste auf europäischer Ebene ausgesprochen. Der Vorschlag soll auch auf Weltrekorde ausgeweitet werden, eine entsprechende Entscheidung könnte auf dem Kongress des Weltverbandes IAAF im August fallen. IAAF-Präsident Sebastian Coe hat bereits erklärt, den Plan zu unterstützen.

Nach dem Willen der EAA sollen die bisherigen Bestleistungen in eine Art historische Liste überführt werden, aber nicht mehr als aktuelle Rekorde gelten. Hintergrund ist, dass viele Bestleistungen unter Dopingverdacht stehen und die Vergleichbarkeit mit heutigen Leistungen nicht gegeben sei.

"Ich mag diesen Vorschlag"

Zudem sollen neue Kriterien gelten, damit ein Rekord in Zukunft anerkannt wird. Unter anderem muss der Athlet im Vorfeld eine Mindestanzahl von Trainingskontrollen absolviert haben, die Dopingproben beim entsprechenden Wettbewerb müssen zehn Jahre für Nachtests eingefroren werden.

Darüber, ob derzeit bestehende Rekorde, die bereits jetzt den zukünftigen Kriterien entsprechen, weiter bestehen bleiben könnten, wurde noch nicht entschieden. Vor dem Jahr 2005 aufgestellte Rekorde erfüllen die Kriterien allerdings nicht.

Unterstützung bekamen die Europäer vom IAAF-Präsidenten. "Ich mag diesen Vorschlag", sagte Sebastian Coe, er sei ein "Schritt in die richtige Richtung". Um die angedachten Reformen auch auf Weltrekorde zu übertragen, müssten die anderen Kontinentalverbände zustimmen. In der Vergangenheit hatte ein Vorschlag des DLV, ab dem 1. Januar 2000 neue Listen einzusetzen, keine Mehrheit gefunden.

bka/sid



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