Leichtathletik-WM Bolts Wunderlauf stoppt Friedrichs Höhenflug

Ariane Friedrich träumte von Gold im Hochsprung, doch dann kam Usain Bolt: Der neue Fabelweltrekord des Superstars über 200 Meter brachte die Deutsche mitten im Wettkampf aus dem Konzept. Im Duell mit ihrer großen Rivalin Blanka Vlasic blieb am Ende nur Bronze.

dpa

Von Susanne Rohlfing, Berlin


Mit Usain Bolt kommt die Nervosität: Der schnellste Mann der Welt bringt Ariane Friedrich durcheinander. Am Ende klatscht sie, aber da ist es schon zu spät für den eigenen Sieg. Sie klatscht für Blanka Vlasic, die alte und neue Weltmeisterin, die sich an der Weltrekordhöhe von 2,10 Meter versucht. Daran scheitert die Kroatin - aber das ändert nichts am Triumph über Friedrich.

Blanka Vlasic hat einen der größten Nervenkriege dieser Leichtathletik-Weltmeisterschaft gewonnen. Sie hat ihre ärgste Rivalin bezwungen, die Frankfurterin Ariane Friedrich. Ihr Sieg ist eine Überraschung, das Ergebnis eines erbittert geführten Psycho-Duells. Der neuerlich unheimliche Weltrekord von Usain Bolt über 200 Meter (19,19 Sekunden) verkommt daneben schon fast zur Routine.

Niemand konnte den Jamaikaner nervös machen, niemand mit ihm Schritt halten oder seinen Sieg gar gefährden. "Ich bin ein Berlino", stand auf seinem T-Shirt. Die Umarmung des WM-Maskottchens nach seinem 100-Meter-Sieg muss Bolt wohl ähnlich beeindruckt haben wie er das Berliner Publikum. Zum ersten Mal während dieser WM ist das Stadion am Donnerstagabend nahezu voll besetzt.

Und Bolt bietet den Leuten die erhoffte Show: Erst sprintet er in unglaublichen 19,19 Sekunden allen davon, dann feiert er ausgelassen mit "Berlino". Er posiert gemeinsam mit dem Bären in seiner "Ich lasse den Pfeil fliegen"-Position und lässt das Maskottchen einen gespielten Wettlauf gewinnen. Wer immer in dem Kostüm stecken mag, er wird wohl auf Jahre der einzige Mensch bleiben, der von sich behaupten kann, Usain Bolt davongerannt zu sein. "Berlin ist super", lässt der Jamaikaner anschließend die Welt wissen.

Diesmal waren immerhin die Schnürsenkel gebunden

Er sagt auch noch, dass er den Weltrekord nicht wirklich im Kopf gehabt habe. Aber da muss wohl eine Kommunikationsstörung zu seinen Beinen vorgelegen haben. Wie sonst kann es sein, dass dieser Mann nicht geahnt haben will, dass er in der Lage ist, den eigenen Weltrekord (19.30 Sekunden) zu pulverisieren.

Immerhin: Diesmal waren die Schnürsenkel gebunden. Fast schien es gar, als läge ein angestrengter Ausdruck auf seinem Gesicht. Wahrscheinlich eine Sinnestäuschung.

Ariane Friedrich bleibt derweil auch im Moment der Niederlage ihrem Motto treu, das sie sich nach dem enttäuschenden siebten Platz bei den Olympischen Spielen zugelegt hat: Freude haben. Sich nicht unterkriegen lassen. Von nichts und niemandem. Auch nicht davon, dass sie mit im dritten Versuch übersprungenen 2,02 Metern nur Bronze holen kann. Der Russin Anna Tschitscherowa ist das im ersten Versuch geglückt, deshalb bekommt sie Silber. Blanka Vlasic flog als Einzige über 2,04 Meter und damit zu Gold. Friedrich nimmt's äußerlich gelassen. Sie legt einen Arm um Meike Kröger aus Berlin, die mit 1,87 Metern Elfte wurde. Gemeinsam brechen sie munter hüpfend zu einer Ehrenrunde auf. Dann formuliert sie in friedrichschem Slang und mit kieksender Stimme: "Das war so geil!"

Grande Dame gegen quirligen Kobold

Bis Usain Bolt kam, war auch alles noch nach Plan gelaufen für Ariane Friedrich. Sie gibt den quirligen Kobold, Blanka Vlasic die Grande Dame. Friedrich fordert vor ihren Sprüngen absolute Ruhe, Vlasic will rhythmisch beklatscht werden. Die Deutsche hat sich das weißblonde Haupthaar struwwelig zurechtgegelt, die Kroatin bevorzugt einen akkuraten Schnitt und ordentlich beiseite geflochtene Ponysträhnen. Vlasic tritt gediegen auf und konzentriert, sie ist die Titelverteidigerin. Friedrich macht auf fröhlich und gelöst, sie ist die Hausherrin.

Von Anfang an lässt sie daran keine Zweifel aufkommen. Als die Athletinnen zu Beginn des Finales vorgestellt werden, winkt sie strahlend in die Menge. Dann schreitet sie die Reihe der Konkurrentinnen ab und klatscht jede von ihnen ab. Mit beiden Händen. Das wirkt ein bisschen gönnerhaft. Als ginge es hier um einen großen Spaß, um eine fröhliche Party in der lauen Berliner Sommerluft - und nicht um die Vorherrschaft im Frauen-Hochsprung.

Aber Lässigkeit und Party-Feeling sind bei dieser WM reserviert für den schnellsten Mann der Erde. Seine Leistungen lösen Zweifel und Bewunderung gleichermaßen aus, sein Auftreten polarisiert, die einen stößt es ab, die anderen fasziniert es. In jedem Fall aber bewegt Usain Bolt die Welt.

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