Deutsche Leichtathleten bei der WM "Ich hab es nicht hinbekommen"

Stabhochspringer Raphael Holzdeppe scheiterte, auch Speerwerferin Katharina Molitor enttäuschte: Die deutschen Leichtathleten erlebten bei der WM in London erneut einen schwachen Abend. Eine Hoffnung bleibt.

Raphael Holzdeppe
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Raphael Holzdeppe

Aus London berichtet


Doch, doch, musste Raphael Holzdeppe versichern, natürlich sei er enttäuscht, frustriert, sauer auf sich selbst.

Der Stabhochsprung-Weltmeister von 2013 und amtierende Vizeweltmeister hatte bei der Leichtathletik-WM in London einen deprimierenden Abend erlebt. Er war mit drei Fehlversuchen gleich an der Anfangshöhe von 5,50 Metern gescheitert und hatte damit nach seinem Aus in der Qualifikation bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im vergangenen Jahr das nächste persönliche Debakel eingefahren.

Es dauerte eine Weile, bis Holzdeppe den Innenraum des Londoner Stadions verlassen durfte und im Erdgeschoss der Arena vor die Presse trat. Er hatte also schon eine Weile Zeit gehabt, sich mit der Enttäuschung zu arrangieren. Als er seinen Auftritt analysierte, sprach er klar und deutlich, ein Lächeln war in seinem Gesicht zu erkennen. Er wirkte nicht wie ein Geschlagener.

"Ich bin einfach enttäuscht von mir"

Doch der Frust über den verpatzten Abend war deutlich herauszuhören. Darüber, dass es nicht geklappt hatte mit der angepeilten Medaille, sogar von Gold hatte er gesprochen vor seinem Start. "Ich hab es nicht hinbekommen, das umzusetzen, was ich drauf habe. Ich bin einfach nur enttäuscht von mir", sagte er. Entschuldigungen für seinen verpatzten Auftritt wollte er nicht anführen. Er unternahm gar nicht erst den Versuch, über das Material, die Bedingungen oder sonst etwas zu klagen. Im Gegenteil.

Video: Die Gewinner des fünften WM-Tags

Eigentlich seien die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Abend bestens gewesen, sagte er: "Ich war wirklich super drauf, habe mich noch besser gefühlt als in der Qualifikation." In der Zulassungsrunde war er erst im dritten Versuch über die geforderten 5,70 Meter gesprungen. Souverän geht anders. Holzdeppe hatte in dieser Saison mit extremen Formschwankungen zu kämpfen, und spätestens im Finale wurde klar, dass er diese Formschwankungen mit nach London geschleppt hat.

So endet seine Saison mit schlechten Empfindungen. "Ich wäre natürlich lieber mit positiven Gedanken aus der Saison gegangen. Aber ich werde genug Zeit haben, das alles zu verarbeiten", sagte Holzdeppe. Zeit, die er sich nimmt. Die WM in London war sein letzter Wettkampf in diesem Jahr. Er geht früher als gewohnt in den Urlaub, um sich danach in Ruhe auf die EM in Berlin 2018 vorzubereiten.

Erst eine deutsche Medaille

Auch Katharina Molitor muss sich mit dem Gedanken an das Heim-Event trösten. Vor zwei Jahren war sie sensationell Speerwurf-Weltmeisterin geworden, für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro war sie nicht nominiert. In London wollte sie ihren Titel verteidigen, doch sie landete nur auf dem siebten Platz - und wusste nicht so richtig, was sie mit diesem Ergebnis anstellen sollte.

"Das war weder gut noch schlecht. Es war okay. Ich bin froh, unter die letzten acht gekommen zu sein", sagte sie. Für ihr durchwachsenes Ergebnis nannte sie zwei Gründe. Grund eins: "Bei den ersten Würfen war die Technik nicht so sauber. Wenn man zu viel will, ist das oft so", sagte sie. Daraus folgte Grund zwei: "Hinten raus fehlte die Kraft. Da ging nichts mehr."

Ex-Weltmeister Holzdeppe raus, Titelverteidigerin Molitor abgeschlagen - dass sich die beiden deutschen Medaillen-Anwärter in Genügsamkeit üben mussten, steht sinnbildlich für die bisherige Bilanz des DLV-Teams in London. Zur WM-Halbzeit ist der Ertrag dürftig. Erst eine Medaille hat die deutsche Abordnung gewonnen, und zwar durch Carolin Schäfer, sie holte Silber im Siebenkampf.

Bislang dominieren aus deutscher Sicht die Enttäuschungen. Das frühe Aus von Kugelstoßer David Storl, dem Weltmeister von 2011 und 2013, der sechste Platz von Diskuswerfer Robert Harting - und, frisch dazu gekommen: das schwache Abschneiden von Holzdeppe und Molitor.

Doch es gab auch gute Ansätze zu bestaunen. Gina Lückenkemper überraschte im Vorlauf über 100 Meter mit der besten deutschen Zeit seit 26 Jahren, Rebekka Haase erreichte über 200 Meter als Schnellste ihres Vorlaufs das Halbfinale am Donnerstag. Und es kommt ja auch noch der Speerwurf der Männer, dort belegen die DLV-Athleten Johannes Vetter, Olympiasieger Thomas Röhler und Andreas Hofmann die ersten drei Plätze der Weltjahresbestenliste.



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ExigeCup260 09.08.2017
1.
1. In Grundschulen jede Woche 3 Unterrichtsstunden Schwimmen, 3 Unterrichtsstunden Leichtathletik und 3 Unterrichtsstunden Turnen. 2. Auf weiterführenden Schulen 6h Sport je Woche PLUS verpflichtender Vereinssport (mindestesn 3x Training). 3. Fußball in der Freiezeit. Hätte zwei Vorteile: 1. Deutschland wär eim Schwimmen und Leichtatthletik wieder konkurrenzfähig und 2. Fußballer hätten wieder eien Persönlichkeit (Straßenfußballer).
ladozs 09.08.2017
2. Ebenfalls ohne Titel!
Vielleicht ist die Erwartungshaltung einfach zu hoch! In den Medien hat man im Vorfeld schon wahre Lobeshymnen auf vermeintliche Höchstleistungen deutscher Athleten bei dieser Veranstaltung vernehmen können.Eine sehr dünne Frau, deren Namen ich leider wieder vergessen habe, wurde sogar schon direkt mit der Olympiasiegerin über 1500 Meter verglichen, es sei eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sie ganz oben auf dem Podest steht. Bei einer WM ist doch unter den vielen Nationen und Sportlern auch ein 10ter Platz ein ordentliches Ergebnis. Wir sollten nicht übertreiben.
Waldemar Peschel 09.08.2017
3. Falsch!
@...Erst eine Medaille hat die deutsche Abordnung gewonnen... Weder die deutsche Abordnung noch das "deutsche Team" haben erst eine Medaille gewonnen, sondern einzig Carolin Schäfer hat eine Medaille gewonnen. Sie ist Einzelstarterin und somit Einzelkämpferin und nur sie darf sich die Lorbeeren umhängen. Keine Abordnung und auch kein Team.
moritz27 09.08.2017
4. Ich vermisse den Medaillenspiegel sehr.
Aber Deutschland ist ziemlich gut bei den behinderten Sportlern. Sollte man vielleicht da mehr Sendezeit einplanen?
lancerfoto 09.08.2017
5. Beschämende Ergebnisse
für Deuschland. Das Land eines Armin Hary oder eines Martin Lauer ist ein leichtathletisches Entwicklungsland, ein Nirwana geworden. Nur die Medien jubeln noch - vorab zumindest. Danach verfolgen sie eine Vogel Strauß Haltung, weil sie es seit gefühlten 50 Jahren immer noch nicht kapiert haben, dass sie mit ihren Vorschusslorbeeren eine viel zu großen Erwartungsdruck erzeugen. Denn anschließend ist das Gejammer groß. Am liebsten würde ich vor einem Wettkampf den Medien zurufen: "Haltet endlich mal eueren Mund"
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