Leichtathletik-WM Fliiiiieg!

Der Deutsche Leichtathletik-Verband setzt bei der WM in London vor allem auf seine Speerwerfer. Aber auch andere Athleten haben das Zeug zu überraschen. So ambitioniert war lange kein DLV-Team.

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Der Speer hatte einfach keine Lust mehr zu landen. Er flog einfach weiter, über die 85-Meter-Marke, über die 90-Meter-Marke, bevor er sich bei exakt 94,44 Metern doch noch entschloss, sich in den Boden zu bohren. Als er zitternd steckenblieb, hatte er einen WM-Goldfavoriten erschaffen: Werfer Johannes Vetter.

Ihm gelang in Luzern die bisher zweitgrößte Weite in der modernen Speerwurf-Geschichte. Und da sein größter Rivale mit Thomas Röhler ebenfalls ein Deutscher ist, fährt der Leichtathletik-Verband mit dem guten Gefühl zur Weltmeisterschaft nach London (4. bis 13. August), eine Medaille fast schon sicher zu haben.

Auch im Speerwurf können Dinge schieflaufen, Favoriten können das Flattern bekommen, der Wind kann stören. Aber Röhler und Vetter haben schon bewiesen, dass sie Druck aushalten. Röhler, als er in Rio de Janeiro zum Olympiasieg warf, Vetter, als er das direkte Duell mit dem Rio-Gewinner bei den Deutschen Meisterschaften klar für sich entschied. Und mit Andreas Hofmann wird noch ein dritter Weltklassewerfer in London dabei sein.

Robert Harting ist wieder Einzelkämpfer geworden

So üppig ist die deutsche Leichtathletik anderswo nicht besetzt. Es gibt die Einzelkämpfer wie Kugelstoßer David Storl, immer für einen Podestplatz gut. Raphael Holzdeppe, den Weltmeister im Stabhochsprung von 2013, bei dem zwischen Salto Nullo und WM-Triumph alles möglich erscheint. Oder Altmeister Robert Harting im Diskuswurf, der nach dem Intermezzo von Rio durch seinen Bruder Christoph jetzt wieder der Chef im Ring ist. Olympiasieger Christoph hat die WM-Norm gar nicht geschafft und macht jetzt schon Urlaub. Bruder Robert soll es wieder herausreißen. Aber er ist auch schon 32 und verletzungsgeplagt.

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Leichtathletik-WM: Weiter, immer weiter

Wenn es noch so eine Art Rat Pack gibt wie bei den Speerwerfern, dann sind es die deutschen Zehnkämpfer: Rico Freimuth, Kai Kazmirek und Matthias Brugger kommen nicht für Gold in Frage, aber dahinter ist vieles denkbar. Ein Zehnkampf ist so lang, er hat so viele Tücken, er hat auch schon so viele Favoriten zu Fall gebracht. Wer da cool bleibt, hat gute Chancen. Und cool sind die deutschen Zehnkämpfer.

Die deutschen Frauen bewegen sich so langsam aus dem Schatten der Männer, in dem sie jahrzehntelang standen. Konstanze Klosterhalfen zum Beispiel, die Mittel-und Langstrecklerin, die sich peu à peu an die Weltspitze heranarbeitet, dort, wo Gesa Felicitas Krause über 3000 Meter Hindernis schon angekommen ist. Bei der WM vor zwei Jahren stürmte Krause zu Bronze, damals war das eine Sensation. Heute ist sie eine Etablierte, aber die Konkurrenz ist groß. Eine Medaille zu erwarten, wäre Hybris.

Gonschinska setzt auf Bescheidenheit

Dafür dürften eher die Stoßerinnen und Werferinnen sorgen, zuverlässig in der Medaillenbeschaffung über viele Jahre. Kugelstoßerin Sara Gambetta oder die Speerwerferinnen Katharina Molitor und Christin Hussong sind mittlerweile wettkampfhart genug, um vorn mitzumischen. Wenn zudem Siebenkämpferin Carolin Schäfer eine Woge erwischt oder Hürdenläuferin Pamela Dutkiewicz ihre Formkurve bestätigt - wenn, wenn, wenn.

Aber dass überhaupt über deutsche Athleten als Medaillenanwärter spekuliert wird, ist Beleg genug, dass es der deutschen Leichtathletik derzeit nicht schlecht geht. Die DLV-Delegation reiste schon erheblich mutloser zu Großveranstaltungen an als 2017. Trotzdem werden keine großen Sprüche markiert. Der Leitende Direktor Sport, Indriss Gonschinska, sagt: "Ich wünsche mir, dass wir mit einer gesunden und optimal vorbereiteten Mannschaft bei der WM an den Start gehen können. Dann muss man sehen, was die internationale Konkurrenz anbietet."

Das klingt ein bisschen wie: Hauptsache, alle kommen heil wieder nach Hause. Ein bisschen höher sind die Ansprüche schon.



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