Leichtathletik-WM in Moskau: Das zweite Gesicht

Aus Moskau berichtet

Leichtathletik-WM: Protest und Spiele Fotos
DPA

Die Leichtathletik-WM in Moskau hinterlässt gemischte Gefühle: Die Deutschen begeisterten mit Medaillen und Talenten. Doch leere Zuschauerränge und die Debatte um das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz werfen die Frage auf, ob Russland als Olympia-Gastgeber geeignet ist.

Russlands Hauptstadt Moskau hat viele Gesichter. Bunte und dreckig-graue, wunderschöne und erschreckend hässliche, fröhliche und - davon vielleicht ein paar mehr - grimmige. Besonders auffällig ist aber der Prunk, der den Blick von dem ablenken soll, was man lieber nicht sehen möchte. Die Prachtbauten in der Innenstadt scheinen in einer anderen Welt zu stehen als die heruntergekommenen Wohnblöcke nur wenige Kilometer weiter.

Das pompös Inszenierte dominierte auch die Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die am Sonntag in Moskau zu Ende ging.

Sie war als überbordende Veranstaltung geplant worden, rund 80 Millionen Euro soll sie verschlungen haben. Zum Vergleich: Die WM in Berlin vor vier Jahren hatten sich die Veranstalter etwas mehr als die Hälfte dessen kosten lassen. Das altehrwürdige Luschniki-Stadion, Schauplatz der Olympischen Spiele von 1980, wurde aufwendig hergerichtet, Hundertschaften von Polizei und Sicherheitsleuten beordert. Es hätten große Wettkämpfe werden können. Einzig: Moskau wollte nicht wirklich mitspielen.

Es dauerte bis zum letzten Wochenende, ehe die Ränge annähernd voll besetzt waren. Leichtathletik scheint die Russen nicht wirklich zu interessieren, manch einheimischer Athlet bestätigte, dass er seinen Mitbürgern regelmäßig erklären müsse, was für einen Sport er da eigentlich treibe.

Als Gradmesser für die kommenden Großveranstaltungen, die Olympischen Winterspiele 2014 und die Fußball-WM 2018, darf die Weltmeisterschaft zwar nicht wirklich angesehen werden, mit Wintersport und Fußball kann man in Russland sehr wohl etwas anfangen. Einen unschönen Beigeschmack verursachte das meist leere Stadion dennoch, gerade bei den Sportlern selbst, die sich zudem über die unfreundliche Behandlung durch die Gastgeber beschwerten.

Russland belegte Rang eins im Medaillenspiegel

Vielleicht konnte die WM von Moskau aber zumindest dazu beitragen, dass die russischen Leichtathleten nun eine etwas größere Lobby haben: Die Gastgeber belegten im Medaillenspiegel Rang eins. Eine der sieben Goldmedaillen gewann die Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa, sie wurde gefeiert wie eine Heldin. Wenige Stunden später offenbarte die strahlende Siegerin allerdings ebenfalls ein zweites Gesicht: Sie unterstütze ihre russische Regierung in deren Anti-Homosexuellen-Aktivitäten, "Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte", sagte sie.

Unter dem Druck der öffentlichen Kritik relativierte die 31-Jährige ihre Aussagen später. Allerdings nur, um kurz darauf den stillen Protest der Schwedin Emma Green-Tregaro - die Hochspringerin hatte ihre Fingernägel in Regenbogenfarben lackiert, dem Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung - als "respektlos" zu bezeichnen. Hatte Issinbajewa, die im Übrigen auf den Nägeln die russischen Nationalfarben trug, sich zuvor auf die Seite von Russlands Präsident Wladimir Putin gestellt, sprang sie jetzt dem Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF bei. Der hatte verkündet, Green-Tegaros Nagellack sei eine politische Botschaft und deshalb nicht erlaubt.

Es hätte noch gefehlt, dass die IAAF dem Mittelstreckenläufer Nick Symmonds dessen Silbermedaille über 800 Meter wieder aberkannt hätte, widmete der US-Amerikaner diese doch seinen schwulen und lesbischen Freunden.

Die Diskussionen über das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz vor und während des sportlichen Geschehens zeigt: Es ist kaum möglich, ein sportliches Großereignis ohne den Blick auf die Politik des Gastgeberlandes zu beurteilen, ohne hinter die mühsam errichteten Fassaden zu schauen. Das war bei den Protesten während des Confederation Cups in Brasilien vor wenigen Wochen nicht anders.

Deutschland mit guter Bilanz in der Nationenwertung

Umso wohltuender ist es deshalb, wenn die Sportler auch mit ihren Leistungen für Aufregung sorgen, und das taten sie in Moskau ausgiebig. Allen voran Usain Bolt, natürlich, der sich mit seinen drei Titeln über 100 Meter, 200 Meter und mit der jamaikanischen 4x100-Meter-Staffel zum erfolgreichsten Athleten der WM-Geschichte krönte. Oder die Kenianer und Äthiopier, die ihren Ländern mit den Erfolgen über die Langstrecken die Plätze vier und sechs im Medaillenspiegel bescherten. Rang zwei ging hinter Russland an die USA, Rang drei an die Sprinter-Insel Jamaika.

Und dazwischen? Auf Platz fünf? Kamen schon die deutschen Leichtathleten. Vier Goldmedaillen gewannen sie, Christina Obergföll im Speerwurf, David Storl im Kugelstoßen, Robert Harting mit dem Diskus und Stabhochspringer Raphael Holzdeppe. Insgesamt brachte die Delegation des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) sieben Medaillen mit nach Hause. So viele wie bei der WM 2011 in Daegu, damals gab es einmal Gold weniger, dafür einmal Silber mehr. Eine nicht wirklich spektakuläre Ausbeute, so scheint es. Auf den ersten Blick.

Denn eigentlich war das nacholympische Jahr 2013 als "Übergangsjahr" ausgerufen worden, es sollten lediglich die Weichen für den neuen Olympiazyklus gestellt werden. "Wir fahren mehr als zufrieden nach Hause. Und viermal Gold: Das ist das Sahnehäubchen", sagte DLV-Präsident Clemens Prokop.

Mit 66 Sportlern war der DLV nach Moskau gereist, im Durchschnitt waren sie gerade einmal 25 Jahre alt, die beiden Weltmeister Storl und Holzdeppe sind erst 23. "Das Niveau kann noch höher werden. Es ist die Mannschaft der Zukunft", sagte Prokop.

Der vierte Platz in der Nationenwertung, in der die Ergebnisse der besten acht berücksichtigt werden, bestätigt Prokops überschwängliche Prognose: Siebenmal belegte ein deutscher Sportler den vierten Platz - das beste DLV-Resultat seit der WM 2001 in Edmonton. "Rio 2016 ist das Ziel", sagte Bundestrainer Idriss Gonschinska, "wir fangen jetzt damit an." Der erste Schritt ist gemacht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 67 Beiträge
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1. Langeweilige Propagandaveranstaltung
EvilGenius 19.08.2013
---Zitat--- Es dauerte bis zum letzten Wochenende, ehe die Ränge annähernd voll besetzt waren. ---Zitatende--- Und im Fernsehen hat sich das auch keiner angesehen. Bringt auch nichts, so lange ein offensichtlich gedopter Usain Bolt allen davon läuft und hämisch in die Kameras lacht. Verarschen kann ich mich auch alleine.
2. Moskau
bewaehrung 19.08.2013
Würde gerne die wahren Gründe dafür erfahren, weshalb die Leichtathletik-WM nach Moskau vergeben wurde...Spanien wird wohl auch nicht die Eishockey-WM ausrichten dürfen, oder?
3. Geeignet?
Ernst666 19.08.2013
Die Frage muss nicht lauten, "ob Russland für eine Olypiade geeignet ist", sondern wer Russland eine Olypiade gegeben hat? Da sind mal wieder einige Milliönchen bei den Funktionären eingetrudelt und schon funktioniert so etwas. In China war doch auch alles toll. Wieder einmal riesengroßer Schwachsinn. Ich fordere eine Olympiade in Nord-Korea.
4.
schwarzes_lamm 19.08.2013
Zitat von sysopDPADie Leichtathletik-WM in Moskau hinterlässt gemischte Gefühle: Die Deutschen begeisterten mit Medaillen und Talenten. Doch leere Zuschauerränge und die Debatte um das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz werfen die Frage auf, ob Russland als Olympia-Gastgeber geeignet ist. Leichtathletik-WM in Moskau: Die Bilanz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/leichtathletik-wm-in-moskau-die-bilanz-a-917324.html)
Die leeren Ränge hätte es an jedem anderen Austragungsort genauso gegeben - dank der Kommerzialisierung des Sports.
5.
schwarzes_lamm 19.08.2013
Zitat von Ernst666Die Frage muss nicht lauten, "ob Russland für eine Olypiade geeignet ist", sondern wer Russland eine Olypiade gegeben hat? Da sind mal wieder einige Milliönchen bei den Funktionären eingetrudelt und schon funktioniert so etwas. In China war doch auch alles toll. Wieder einmal riesengroßer Schwachsinn. Ich fordere eine Olympiade in Nord-Korea.
Stell Dir vor es ist Olympiade und keiner interessiert sich mehr dafür, wenn irgendwann nur noch werbeträchtige Trendsportarten olympische Disziplin sein werden.
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Fotostrecke
Fotostrecke: Belohnung für das lange Warten

Weltrekorde in der Leichtathletik (Frauen)
Disziplin Zeit/Weite Rekordhalter
100 Meter 10,49 Sekunden Florence Griffith-Joyner (1988)
200 Meter 21,34 Sekunden Florence Griffith-Joyner (1988)
400 Meter 47,60 Sekunden Marita Koch (1985)
800 Meter 1:53,28 Minuten Jarmila Kratochvílová (1983)
1500 Meter 3:50,46 Minuten Qu Yunxia (1993)
5000 Meter 14:11,15 Minuten Tirunesh Dibaba (2008)
10.000 Meter 29:31,78 Minuten Wang Junxia (1993)
Marathon 2:15:25 Stunden Paula Radcliffe (2003)
110 Meter Hürden 12,21 Sekunden Jordanka Donkowa (1988)
400 Meter Hürden 52,34 Sekunden Julija Petschonkina (2003)
3000 Meter Hindernis 8:58,81 Minuten Gulnara Galkina (2008)
Hochsprung 2,09 Meter Stefka Kostadinowa (1987)
Stabhochsprung 5,06 Meter Jelena Issinbajewa (2009)
Weitsprung 7,52 Meter Galina Tschistjakowa (1988)
Dreisprung 15,50 Meter Inessa Krawez (1995)
Kugelstoßen 22,63 Meter Natalja Lissowskaja (1987)
Diskuswurf 76,80 Meter Gabriele Reinsch (1988)
Hammerwurf 79,42 Meter Betty Heidler (2011)
Speerwurf 72,28 Meter* Barbora Špotáková (2008)
Siebenkampf 7291 Punkte Jackie Joyner-Kersee (1988)
20-Kilometer-Gehen 1:25:02 Stunden Jelena Laschmanowa (2012)
4x100-Meter-Staffel 40,82 Sekunden USA (2012)
4x400-Meter-Staffel 3:15,17 Minuten USA (1988)
*mit dem neuen Speer. Rekord mit dem alten: 80,00 Meter, aufgestellt von Petra Felke.