Zehnkämpfer Behrenbruch: Der Querkopf

Aus Moskau berichtet

Zehnkämpfer Behrenbruch: Zwischen Genie und Wahnsinn Fotos
DPA

Pascal Behrenbruch gilt als Enfant terrible der deutschen Leichtathletik. Der Zehnkämpfer legt sich mit Trainern und Konkurrenten an, der DLV warf ihn aus dem Nationalteam. So streitbar der 28-Jährige ist, so unbestritten sind seine sportlichen Leistungen. Bei der WM ist eine Medaille möglich.

Es war ein merkwürdiges Bild, das Pascal Behrenbruch vor der Sprunggrube abgab. Unruhig tänzelte er vom einen auf das andere Bein, zwei Schritte vor, Drehung, zwei Schritte zurück, ein fahriger Griff in die Haare. Es muss einiges passieren, bis Behrenbruch nervös wird, und diesmal war die Lage ernst. Der amtierende Europameister im Zehnkampf, der in diesem Jahr bislang beste Athlet in seiner Sportart: Er drohte bei den Weltmeisterschaften in Moskau auszuscheiden, nach nur zwei Disziplinen.

Zwei Versuche hatte Behrenbruch schon ungültig gemacht, es hing nun an diesem dritten, letzten Sprung. Und dann war er da plötzlich, dieser sture Blick, Behrenbruchs innere wie äußere Kampfansage. 7,19 Meter sprang er, persönliche Jahresbestleistung, wie schon zuvor beim 100-Meter-Sprint, den er in 10,95 Sekunden zurückgelegt hatte. Das Kugelstoßen gewann er mit 15,86 Metern, über 400 Meter unterbot er seine bisherige Bestzeit.

Jedes Mal toppte Behrenbruch seine Werte aus dem Meeting in Ratingen Mitte Juni, als er mit spektakulären 8514 Punkten überrascht hatte. Nach dem Samstag liegt der Frankfurter auf dem siebten Platz, im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten hat er einen starken zweiten Wettkampftag. Behrenbruch könnte erneut auf über 8500 Punkte kommen, eine WM-Medaille ist möglich. Es wäre die erste seit Frank Busemann 1997.

Dabei hatte vor wenigen Wochen kaum einer mehr damit gerechnet, dass es Behrenbruch in diesem Jahr noch zu etwas bringen würde, schon gar nicht beim Saisonhöhepunkt in Russland. Ständig war er krank, das Meeting im österreichischen Götzis musste er abbrechen. Aber Behrenbruch kämpfte gegen die Zweifler, die ihm Unprofessionalität unterstellten, er kämpfte gegen sich selbst, und er gewann. Einmal mehr.

Rauswurf wegen "unprofessionellen Verhaltens"

Es ist eine besondere Beziehung, die Behrenbruch zum Zehnkampf pflegt, dieser Königsdisziplin der Leichtathleten. Und es ist eine besondere Beziehung, die er mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) unterhält. Nach der WM 2011 in Daegu wollte sein damaliger Trainer Jürgen Sammert nicht weiter mit ihm zusammenarbeiten, der DLV schmiss Behrenbruch aus dem Nationalteam. Die Verantwortlichen warfen ihm unsportliches Verhalten vor: "Mir wurde vorgehalten, dass ich nachts um eins noch im Internet surfe. Dass ich den Bundestrainer beleidigt haben soll. Oder dass ich während des Trainingslagers Wasserski gefahren bin", sagte er.

Doch die Kritik prallte nicht völlig an ihm ab, Behrenbruch beschloss, sein Leben umzukrempeln. Er suchte einen neuen Trainer und wurde in Estland fündig, Erik Nool, Zehnkampf-Olympiasieger von 2000 nahm sich seiner an. Im November 2011 zog Behrenbruch nach Tallinn, wo er mit Nool und dessen früherem Coach Andrej Nasarow ein außergewöhnliches Wintertraining absolvierte: "Ich bin bei minus 30 Grad durch eine meterhohe Schneedecke gerannt und habe Baumstämme geschleppt - das hat mich hart gemacht, spontan, ohne feste Regeln", sagte er.

Zwischen Genie und Wahnsinn

Es war wohl diese Verrücktheit und Selbstbestimmtheit, die Behrenbruch nötig hatte. "Ich kann selbst entscheiden, wie ich trainiere und wann", sagte er damals, er kenne seinen Körper nun besser und wisse, wann er was brauche. Ein gutes halbes Jahr später wurde er in Helsinki mit 8558 Punkten Europameister, obwohl ihn der DLV aus jeglichen Förderungen herausgenommen hatte. Seine Trainer bezahlte Behrenbruch von seinem Gehalt als Sportberater der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport selbst, Unterstützung erhielt er zudem aus der hessischen Sportstiftung. Die Goldmedaille machte Behrenbruch mit einem Mal zum deutschen Sporthelden, eine etwas komplizierte Situation für ihn und den Leichtathletik-Verband.

Irgendwie passt es zu Pascal Behrenbruch, dass er schon kurz darauf wieder enttäuschte. Er reiste als Medaillenfavorit zu den Olympischen Sommerspielen in London, als Zehnter hatte er am Ende über 600 Punkte Rückstand auf den Sieger Ashton Eaton aus den USA (8869).

Das stete sportliche Auf und Ab scheint zu einem Muster in Behrenbruchs Karriere geworden zu sein, und dieses zu einer Art Abbild seiner selbst: wandelnd zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Vernunft und Selbstverliebtheit. So sagte er nach dem Sieg in Ratingen über seine deutschen Kollegen: "Ich verstehe mich mit denen allen auch super. Also, mit dem Zehnkampf-Bundestrainer jetzt nicht. Aber das braucht man in dem Alter auch nicht." Rainer Pottel, jener Bundestrainer, bleibt ob solcher Aussagen mittlerweile gelassen: "Ich provoziere ihn weiter, und er bringt weiter fantastische Leistungen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Pottel weiß genau, dass er Behrenbruch einfach machen lassen muss, das ist für alle das Beste. So hütete er sich auch davor einzugreifen, als Behrenbruch vor der WM in Eigenregie reduzierte, um in Moskau fit zu sein. "Dass ich zum Ende hin abkacke wie bei Olympia, das soll uns nicht wieder passieren", sagte Behrenbruch. Er klang sehr vernünftig. Bis er nachlegte: "Bestleistung ist angepeilt!". Er kann einfach nicht anders.

Wichtige Accounts zur WM 2013 in Moskau

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Außergewöhnlich
arch.aisch 11.08.2013
Wenn ein Athlet bei dem Mix eines Zehnkampfes nicht einen extrem eigenen Kopf hat, wird er vermutlich nie absolute Spitze sein können. Und wenn das Pendel keinen Ausschlag nach unten zeigt, wird es auch den letzen Ausschlag nach oben nicht zeigen. Trainer wirken da oft wie die microsoft-Rechtschreib-Prüfung. Die haben zwar prinzipell möglicherweise recht. Aber die Besonderheiten bügeln sie platt. So konnte die Rechtschreibprüfung auch mit "Erki" nichts anfangen und hat diesen schönen Namen zum besser gebügelten Erik umgeformt. (ERKI NOOL)
2. Der Trainer
moehrenbuddha 11.08.2013
heißt Erki Nool. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
3. Ein echtes Vorbild
kle242 11.08.2013
Typen wie Pascal sind selten. Rebellisch aber erfolgreich, das ist ein echtes Vorbild für unsere Jugend! Nicht die aalglatten stereotypen aus Politik und Wirtschaft, auch nicht die vollidioten aus der gangsterrapperszene. Ein eigener Kopf ist gut im Leben, wenn man ein Ziel vor Augen hat!
4. Alles nur eine Frage...
rosenstielchen 11.08.2013
...des perfekten Dopings.
5. #4 @rosenstielchen
arch.aisch 11.08.2013
Solche Kommentare zeugen von totaler Vernagelung. Und abgesehen davon: Vielleicht; vielleicht aber auch gerade bei diesen Sportlern nicht. Gezieltes Doping dürfte für die eine Disziplin nützlich, für die andere aber nachteilig sein. Ich denke, dass es gerade im Mehrkampf (7-Kampf/10-Kampf) auf intelligent ausgewogenes Training ankommt. Und auch hier gilt: Wer nicht eine außergewöhnliche Anlage und einen außergewöhnlichen Trainingsfleiß mitbringt, kann dopen, soviel er will...
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Medaillen-Kandidaten: Werfer, Läufer, Springer

Das deutsche WM-Aufgebot
FRAUEN:

100 Meter: Verena Sailer, Tatjana Pinto

1500 Meter: Diana Sujew

10.000 Meter: Sabrina Mockenhaupt

100 Meter Hürden: Nadine Hildebrand

3000 Meter Hindernis: Antje Möldner-Schmidt, Gesa Felicitas Krause

Hochsprung: Marie-Laurence Jungfleisch

Stabhochsprung: Silke Spiegelburg, Carolin Hingst, Kristina Gadschiew, Liza Ryzih

Weitsprung: Sosthene Moguenara, Lena Malkus, Malaika Mihambo

Kugelstoßen: Christina Schwanitz, Josephine Terlecki

Diskuswurf: Nadine Müller, Julia Fischer

Hammerwurf: Betty Heidler, Kathrin Klaas

Speerwurf: Christina Obergföll, Linda Stahl, Katharina Molitor

Siebenkampf: Julia Mächtig, Claudia Rath, Kira Biesenbach

4x100 Meter: Verena Sailer, Tatjana Pinto, Inna Weit, Katharina Grompe, Maike Dix,Yasmin Kwadwobr

MÄNNER:

100 Meter: Julian Reus

1500 Meter: Carsten Schlangen, Homiyu Tesfaye

5000 Meter: Arne Gabius

110 Meter Hürden: Erik Balnuweit

400 Meter Hürden: Silvio Schirrmeister

3000 Meter Hindernis: Steffen Uliczka

50 km Gehen: Christopher Linke

Stabhochsprung: Björn Otto, Raphael Holzdeppe, Malte Mohr

Weitsprung: Christian Reif, Alyn Camara, Sebastian Bayer

Kugelstoßen: David Storl

Diskuswurf: Robert Harting, Christoph Harting, Martin Wierig

Hammerwurf: Markus Esser

Speerwurf: Thomas Röhler, Bernhard Seifert, Lars Hamann

Zehnkampf: Pascal Behrenbruch, Rico Freimuth, Michael Schrader

4x100 Meter: Julian Reus, Martin Keller, Sven Knipphals Lucas Jakubczyk

4x400 Meter: David Gollnow, Jonas Plass, Eric Krüger, Thomas Schneider, Miguel Rigau
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