Leichtathletik-WM und Doping Wer ist in diesem Sport noch sauber?

In Peking kämpfen die Leichtathleten um Medaillen - und das Image ihres Sports. Schon beim 100-Meter-Rennen zum Beginn der WM dreht sich alles nur um eines: Doping.

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Die Disziplinen der Leichtathletik in diesen Tagen von Peking lauten: Doping, Korruption, Stimmenkauf-Gerüchte, Smog. Man mag es angesichts der Meldungslage der vergangenen Wochen kaum glauben, aber ab Samstag wird in der chinesischen Hauptstadt auch Sport getrieben.

Normalerweise überdecken die sportlichen Leistungen die Negativschlagzeilen, wenn eine Großveranstaltung erst einmal begonnen hat - aber schon das 100-Meter-Rennen am Sonntag (15.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird es kaum möglich machen, nur über Sport zu berichten.

100 Meter der Männer - die ganz große Show der Leichtathletik. Normalerweise. Diesmal bewerben sich um den Weltmeistertitel: Usain Bolt, Jamaika. Natürlich. Justin Gatlin, USA, der Schnellste des Jahres, zweimal wegen Dopings gesperrt, erwischt mit zu viel Testosteron und Amphetaminen. Asafa Powell, Jamaika, 2013 wegen Dopings mit Oxilofrin aus dem Verkehr gezogen und ein halbes Jahr später schon wieder begnadigt. Tyson Gay, USA, wegen Gebrauchs von anabolen Steroiden 2013 am selben Tag überführt wie Powell.

"Alles, was ich hörte, ist Doping"

Einer von ihnen wird der schnellste Mann der Welt werden. Man muss sich schon Ohren und Augen ganz fest zuhalten, um noch unbeeindruckt ins Schwärmen kommen zu können. Dass Gatlin das Duell mit Bolt mit dem "Rumble in the Jungle", dem epischen Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman von 1974, vergleicht, ist eher ein matter Witz. "Alles, was ich in den vergangenen paar Wochen gehört habe, ist Doping, Doping, Doping", sagt Usain Bolt. Immerhin hat er hingehört.

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Leichtathletik-WM: Die deutschen Stars
Der Jamaikaner muss es für die Leichtathletik wohl wieder herausreißen, Bolt hat den großen Vorteil, dass ihm in Sachen Doping außer Verdachtsmomenten bisher nichts konkret nachgesagt werden konnte. "Die Leute sagen, ich muss für den Sport gewinnen, aber es gibt eine Menge andere Athleten, die sauber laufen", versucht er sich als Kronzeuge pro Leichtathletik. Schwer genug.

Bolt wird in Peking 29 Jahre alt, so furchtbar viele Großereignisse mit dem Superstar wird es nicht mehr geben. Der Jamaikaner hat sein Karriereende für 2017 angekündigt. Umso größer ist der Hype um ihn.

"Ich bin in Bestform. Selbst mein Start funktioniert zur richtigen Zeit, ich bin bereit", sagte er am Donnerstag im brechend vollen Pressekonferenzsaal von Peking. Dass er bisher erst die sechstschnellste Zeit des Jahres zu verbuchen hat, muss bei Bolt, der selbsternannten Legende, tatsächlich nicht viel heißen. Wenn es darauf ankam, war er meistens zur Stelle.

DLV ringt um Wiedergutmachung

Bolt, Bolt, Bolt. Im Schatten des Stars werden die Athleten des DLV versuchen, für sportliche Schlagzeilen zu sorgen. In Peking 2008, bei den Sommerspielen, ging Bolts Stern als Weltrekordler auf - und die deutsche Leichtathletik erlebte ihren Tiefpunkt. Eine mickrige Bronzemedaille durch Speerwerferin Christina Obergföll brachte der DLV damals heim. Jetzt kehren Obergföll und die anderen ins Pekinger Vogelnest-Stadion zurück, um Wiedergutmachung bemüht. Und die Chancen stehen trotz des verletzungsbedingten Fehlens von Diskus-Weltmeister Robert Harting gut, dass das auch einigermaßen klappt.

US-Sprinter Gatlin: Nach zwei Sperren noch schneller geworden
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Der Maßstab ist die WM vor zwei Jahren mit damals vier Gold-, zwei Silber- und einer Bronzemedaille. "Wir hoffen, dass unsere Leistungsträger performen", sagt Cheftrainer Cheik-Idriss Gonchinska - das geht vor allem an die Adresse der Kugelstoßfraktion: Christina Schwanitz bei den Frauen und David Storl bei den Männern müssten sich schon sehr anstrengen, ohne Medaille aus dem Kugelstoßring zurückzukehren.

Schwanitz gilt bereits am ersten Wettkampftag als klare Gold-Anwärterin. Sie soll mit einem Erfolg für die Aufbruchstimmung im deutschen Kader sorgen. Titelverteidiger Storl könnte am Sonntag nachlegen, hat allerdings mit dem US-Amerikaner Joe Kovacs einen Rivalen auf Augenhöhe.

Bei den anderen Weltmeistern von Moskau, Speerwerferin Obergföll und Stabhochspringer Raphael Holzdeppe, ist die Erwartungshaltung durchaus gedämpfter. Obergföll kehrt gerade erst aus ihrer Elternzeit zurück, Holzdeppe hat ein verkorkstes Wettkampfjahr hinter sich. Wenn beide auf dem Podest landen, wäre das schon ein Erfolg.

Der junge Speerwerfer Thomas Röhler, Hammerwerferin Betty Heidler, Zehnkämpfer Michael Schrader, Siebenkämpferin Caroline Schäfer - der DLV hat auch angesichts seiner strengen Nominierungsrichtlinien eine ganze Reihe von Anwärtern für vordere Plätze im Kader. Sie kämpfen im Smog von Peking um Medaillen, und sie kämpfen um das Renommee einer Sportart.

insgesamt 50 Beiträge
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frau_bert 20.08.2015
1. Es kann nur einen geben...
...von allen jemals in Erscheinung getretenen Sportlern, tät ich nur für einen meine Hand ins Feuer legen: Eddy the eagle Das traurige daran ist doch: mein einziger Held - Michael Groß - ob ich jetzt an dem auch noch zweifeln muss?
claude 20.08.2015
2. Bitte konsequent berichten, oder gar nicht
Es werden Erinnerungen wach, an das Jahr, bevor die ARD die Übertragung der Tour de France unterbrochen hat. Da wurde 5 Stunden hintereinander nur von Doping gesprochen. Das braucht dann auch kein Mensch. Bitte vom Sport berichten, für die wenigen die's noch interessiert, oder aber die Berichterstattung gleich ganz sein lassen. Ein 5-Stündiges Depressions-Fernsehen, wo 2 Wochen jeden Tag 5 Stunden nur über Doping gesprochen wird, das braucht wirklich niemand.
midastouch 20.08.2015
3. Spätfolgen
Wenn Doping keine Spätfolgen hätte, dann könnte man es freigeben und es herrschte Chancengleichheit in diesem Bezug. Aber genau das ist das Problem: es HAT Spätfolgen. In sofern wäre eine Freigabe bei gleichzeitiger Aufklärungskampagne sicher eine gute Lösung ("Du kannst dopen, wenn du willst. Aber es wird dich krank machen"). Ich glaube nämlich nicht, dass man den Sport sauber kriegen kann.
miss_moffett 20.08.2015
4.
Ich habe mich schon beim letzten 100-m der Männer darüber geärgert, dass nicht den Lauf kommentiert wurde sondern nur darüber genölt wurde, dass Hr. Bolt noch immer nicht des Dopings überführt worden ist.
iman.kant 20.08.2015
5. Warum sollte ich mir dieses
menschliche Chemieexperiment anschauen? Welcher Teilnehmer hat den besseren Cocktail gemixt. Es tut mir um jeden Sportler leid der seine Leistungen ohne Chemie bringen möchte. Was für eine Schande!
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