Lisicki in Wimbledon Vom Paradies in die Tennishölle

Sie liebte dieses Turnier, und die Engländer liebten sie: Sabine Lisicki fühlte sich in Wimbledon fast zwei Wochen wie im Tennisparadies. Doch im Finale waren die Kräfte der Deutschen aufgebraucht. "Sie braucht jetzt viel Trost", sagt ihr Trainer.

Lisicki beim Interview nach dem Finale: "Ich hoffe auf eine zweite Chance"
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Lisicki beim Interview nach dem Finale: "Ich hoffe auf eine zweite Chance"

Von , London


Die größte Grausamkeit am Ende eines Wimbledon-Finales ist das Handmikrofon. Als Verlierer darf man dann dem voll besetzten Centre Court über Stadionlautsprecher noch mal ausführlich erklären, was einem gerade im Kopf herumgeht und warum man glaubt, das Spiel verloren zu haben.

Vermutlich sieht für einen Spieler so die Tennishölle aus: wie ein nie endendes Verlierer-Interview vor 15.000 Zuschauern.

Sabine Lisicki wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und holte Luft. Sie war entschlossen, auch diese letzte Brutalität mit Charme zu nehmen. "Marion hat es verdient", sagte sie also in das Mikrofon, das vor ihrem Mund wie ein Raubtier lauerte. Marion Bartoli hatte nach weniger als anderthalb Stunden das Spiel für sich entschieden, mit einem Ass, ausgerechnet. Asse waren bislang Lisickis Spezialität in diesem Turnier. Sabine Lisicki sagte: "Ich hoffe, dass ich diese Chance ein zweites Mal bekomme." Dann trat sie ab.

Sie war die große Favoritin an diesem Tag gewesen, immerhin hatte sie zuvor Serena Williams besiegt, die Vorjahresgewinnerin. Die Zeitungen verglichen sie bereits mit Steffi Graf, der letzten großen Deutschen, die 1999 auf diesem Rasen stand.

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Lisickis Final-Pleite: Nervös, gefrustet, in Tränen
Der Vergleich war aufmunternd gemeint, aber für eine 23-Jährige, die sich zum ersten Mal ins Finale vorgekämpft hatte, können solche Erwartungen belastend sein. Sie habe die Nacht zuvor kaum geschlafen, sagte Lisicki später. Trotzdem nahm sie sich vor, das Beste aus dem Tag herauszuholen.

Zu Beginn hatte noch alles sonnig ausgesehen. In London war das bis dahin wärmste Wochenende des Sommers angebrochen, die Männer im Publikum des Centre Court hatten ihre Boater aus dem Schrank geholt, die hellen Strohhüte, ihre Gattinnen fächelten sich mit Programmheften Luft zu. Die meisten wünschten sich Lisicki als Gewinnerin, "dieses phantastische deutsche Mädchen", wie ein Zuschauer vor dem Spiel seiner Gattin zuraunte.

Lisicki hatte es innerhalb von ein paar Tagen geschafft, dass sich ihr halb England zu Füßen warf. Im Fernsehen gab sie keine Interviews ab, sondern Liebeserklärungen. Sie sagte, wie sehr ihr London gefalle, wie gerne sie in Wimbledon spiele und wie groß ihre Freude sei, ausgerechnet hier das Finale erreicht zu haben. Es klang nicht auswendig gelernt, sondern ehrlich, authentisch, und England war bereit, ihr das abzunehmen und ihre Zuneigung zu erwidern. Die Zeitungen nannten sie "Doris Becker", es war als Kompliment gedacht.

Während des Turniers wohnte sie nicht weit vom Gelände entfernt, wenn sie wollte, konnte sie zum Platz schlendern und nach dem Spiel wieder heimspazieren. Natürlich spürte sie den Druck vor ihrem letzten, entscheidenden Einsatz, "aber ich wollte versuchen, es zu genießen, so gut es ging", sagte sie anschließend. Für Lisicki war Wimbledon die perfekte Welt, das Tennisparadies. Man konnte ihr die Freude ansehen und auch, wie wohl sie sich hier fühlte.

Diese Freude begann allerdings schon in den ersten Spielen des Finales zu zerbröckeln. Es wurde leise auf den Rängen. Der Centre Court ist ohnehin ein Flüsterplatz, auf dem sich das Publikum wie im Theater benimmt. Die Zuschauer haben großen Respekt vor den Akteuren auf dem Rasen. Es war nicht einfach für Marion Bartoli, die spürte, wie ungleich die Sympathien verteilt waren. Bartoli stand zwei Gegnern gegenüber: Sabine Lisicki und einem großen Teil des Publikums.

"Go, Säbin! Come on, Säbin!"

Wenn Lisicki einen Punkt machte, klatsche das Publikum frenetisch. Lag sie zurück, hallten Aufmunterungen über den Platz: "Go, Säbin! Come on, Säbin!" Machte sie einen Fehler, knirschte das halbe Stadion mit den Zähnen. Als ihr im zweiten Spiel aus Verzweiflung eine Träne über die Wange lief, rief jemand: "Glaub an dich selbst."

Lisicki hat ihrer Gegnerin an diesem Nachmittag den Sieg geschenkt, so sahen es am Ende die meisten Zuschauer. Roy und Sarah waren am Morgen aus dem Londoner Umland angereist, beide mögen Lisicki für ihre unverstellte Art. "Sie redet so nett über uns", sagt Roy. Er kann es immer noch nicht fassen, dass sie verloren hat. "Sie ist wirklich ein so nettes Mädchen."

Ein paar Meter weiter vergrub Wim Fissette seine Hände in den Hosentaschen. Fissette ist Lisickis Trainer und stammt aus Belgien. Er spricht fließend Deutsch, was ihm aber auch nicht viel half, eine Erklärung für die Niederlage zu finden. Die vergangenen Tage seien sehr anstrengend für Sabine gewesen, sagte er. "Ihr Körper war leer." Er schaute nach oben in den Himmel. Da oben war aber auch nichts zu finden, nicht einmal eine Wolke, erst recht keine Erklärung. "Sabine braucht jetzt sehr viel Trost", sagte er.

Dann schlich Sabine Lisicki in den Pressesaal. Natürlich habe sie gewinnen wollen, sagte sie, aber Marion habe an diesem Tag einfach besser gespielt. Ihre Ohrringe funkelten im Licht der Scheinwerfer, ihre Halskette, ihr Armband, alles an ihr funkelte. Der Tag endete nicht perfekt, aber sie freue sich, dass sie überhaupt so weit gekommen sei. "Irgendwann habe ich zu mir selbst gesagt, guck mal, du spielst Tennis, versuch jetzt wenigstens, Spaß zu haben."



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