Deutsche Dressur-Equipe: Reiter-Damen bangen um Gold
Seit mehr als drei Jahrzehnten hat die deutsche Dressur-Mannschaft bei Olympischen Sommerspielen Gold gewonnen. Damit könnte nun Schluss sein. Das Team ist jung und international kaum erfahren - die Konkurrenz aus Großbritannien und den Niederlanden stark.
Eigentlich, so dachte man, habe das deutsche Dressur-Team die olympische Goldmedaille bis in alle Ewigkeit gepachtet. Seit 1976 belegte die Equipe bei Sommerspielen - mit Ausnahme der Boykottspiele von Moskau 1980 - den ersten Platz. Doch das könnte sich in diesem Jahr ändern: Nach dem Ausfall von Matthias Rath und seinem Ausnahmehengst Totilas sowie weiterer Routiniers droht dem deutschen Reitsport in London eine der bittersten Niederlagen seiner Geschichte. Ausgerechnet Gastgeberland Großbritannien und Erzrivale Niederlande wollen Deutschland endgültig vom Dressurthron stürzen.
Was für die deutsche Mannschaft zu einer echten Belastungsprobe wird, dürfte jedoch die Zuschauer und Gegner freuen: Selten konnte man so spannende Wettkämpfe erwarten wie in diesem Jahr. "Es gab noch keine Olympischen Spiele, bei denen die Leistungsdichte unter den ersten fünfzehn Reitern so eng war", sagt die deutsche Olympia-Richterin Evi Eisenhardt. Waren die Ergebnisse in der Dressur bislang oftmals vorhersehbar, scheint jetzt alles möglich. "Diesmal wird wohl wirklich die Tagesform entscheiden", prophezeit Eisenhardt.
Und dabei steht nicht nur die schwarz-rot-goldene Equipe unter Druck: Junge, ehrgeizige Reiter mit ihren talentierten Pferden laufen der erfahrenen Konkurrenz mehr und mehr den Rang ab. Auch im Viereck des Londoner Greenwich Parks ist deshalb mit einigen Überraschungen zu rechnen.
Keine international erfahrenen Reiter in deutscher Equipe
Für die könnte allerdings auch das deutsche Team sorgen; es reist gleich mit drei dieser Duos aus "jungen Wilden" an. Mit Kristina Sprehe, Helen Langehanenberg und Dorothee Schneider soll eine Mannschaft in die großen Fußstapfen von Josef Neckermann, Reiner Klimke, Nicole Uphoff und Isabell Werth treten, die über kaum internationale Praxis verfügt. Nach dem plötzlichen Tod des langjährigen Bundestrainers Holger Schmezer im April fehlt zudem eine weitere Konstante im deutschen Team.
Doch chancenlos ist die deutsche Equipe nicht. Die 26-jährige Sprehe hat mit ihrem Hengst Desperados ein Ausnahmepferd, das seine Lektionen mit seltener Präzision abspulen kann. Auch Langehanenberg, Vize-Europameisterin mit der Mannschaft 2011, hat mit Damon Hill ein außergewöhnlich begabtes Pferd am Start. Ähnlich wie Totilas besitzt der Hengst Ausstrahlung und Bewegungstalent.
Schneider reitet die von ihr eigens für den Grand-Prix-Sport ausgebildete Stute Diva Royal. Die Züchterin trainiert mit dem ehemaligen Chefbereiter der legendären Wiener Hofreitschule Johann Riegeler. Ein Mann, der wissen könnte, wie man die deutsche Schwäche bei den komplizierten Piaffen und Passagen ausmerzt - die gerade Briten und Niederländer perfekt beherrschen.
Stärkste Konkurrenten sind Briten und Niederländer
Bereits beim Nationenpreis von Aachen Anfang Juli zeigte die deutsche Mannschaft mit Platz eins Stärke - doch außer den Dänen war dort keine echte olympische Konkurrenz an den Start gegangen. Vor allem die Briten verfügen dieses Jahr über ein starkes Team. Mit Charlotte Dujardin, die mit Valegro im Frühjahr den von Edward Gal und Totilas aufgestellten Weltrekord im Grand Prix Spezial egalisierte, sowie Vize-Weltmeisterin und Kür-Weltrekordlerin Laura Bechtolsheimer (auf Mistral Hojris) stellen die Gastgeber zwei extrem versierte Reiterinnen. Gemeinsam mit Carl Hester und Uthopia bildeten sie bereits im vergangenen Jahr die EM-Gold-Equipe.
Auch die Niederlande, amtierende Mannschafts-Weltmeister, setzen auf erfolgreiche Routiniers. Wieder dabei ist die dreifache Olympiasiegerin Anky van Grunsven. Sie bestreitet inzwischen ihre siebten Olympischen Sommerspiele. Ihr Erfolgspferd Salinero ist zum dritten Mal dabei. Dazu kommt Totilas-Ausbilder Edward Gal mit dem Pferd Undercover. Stärkster Trumpf im Oranje-Team ist Doppel-Europameisterin und Weltcup-Siegerin Adelinde Cornelissen auf Parzival.
Insgesamt zwölfmal holten deutsche Teams bei Olympischen Spielen Gold in der Dressur. Weder bei der jüngsten WM noch der EM konnten sie an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen. Mit Totilas sollte das alte Kräfteverhältnis wieder hergestellt werden. Doch nun müssen in London neue Stars geboren werden.
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Medaillenspiegel
Ges.
| Dressur-Olympiasieger seit 1992 | ||
| Jahr | Einzel | Mannschaft |
| 2008 | A. van Grunsven (NED) | Deutschland |
| 2004 | A. van Grunsven (NED) | Deutschland |
| 2000 | A. van Grunsven (NED) | Deutschland |
| 1996 | I. Werth (GER) | Deutschland |
| 1992 | N. Uphoff (GER) | Deutschland |
| Deutsche Medaillenbilanz bei Olympischen Sommerspielen | ||||
| Jahr | Gold | Silber | Bronze | Gesamt |
| 1992 | 33 | 21 | 28 | 82 |
| 1996 | 20 | 18 | 27 | 65 |
| 2000 | 13 | 17 | 26 | 56 |
| 2004 | 13 | 16 | 20 | 49 |
| 2008 | 16 | 10 | 15 | 41 |
| 2012 | 11 | 19 | 14 | 44 |
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